Biobauer Gerhard Vogel hält in seiner Herde verschiedene Rassen (Foto: Magdalena Fröhlich)
02.09.2014
Hof für alte Nutztierrassen

"Wir sind kein Zoo"

Gerhard Vogel hält seltene Kühe, die rund 1000 Liter weniger Milch geben. Warum macht der Schwabe das? Von Magdalena Fröhlich

Kuh Anne kennt Biobauer Gerhard Vogel seit zehn Jahren. Sie ist die Chefin der Herde (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn Gerhard Vogel ein langgezogenes "Haaallo" ruft, dann kommt ihm ein ebenso langes "Muuuh" entgegen. Im Kuhstall des Biobauern grüßt man sich. Meist ist es Anne, die ihn zuerst bemerkt. Sie ist als Dienstälteste die Chefin der Herde, 45 andere Kühe hören auf ihr Kommando. Mit ihren zehn Jahren gilt die Kuh eigentlich schon fast als Dinosaurier. Normalerweise wird eine Kuh nach vier bis fünf Jahren geschlachtet, weil sie meist Probleme mit den Klauen, am Euter oder mit der Fruchtbarkeit hat - sie gibt dann nicht mehr genug Milch. Nicht genug, das heißt: Für den Bauern ist sie nicht mehr wirtschaftlich. Knapp 8500 Liter Milch pro Jahr gibt eine Kuh auf einem konventionellen Betrieb. Zum Vergleich: 1970 lag der Durchschnitt aller Kühe in Deutschland bei knapp 4500 Litern. Das ist eine Effizienzsteigerung um 4000 Liter in weniger als 50 Jahren. Heute sind bei Biobetrieben 6800 Liter gut. Weil Biotiere mehr Gras und Heu statt hochkonzentriertes Kraftfutter bekommen, geben sie weniger Milch. Aber auch die meisten Biotiere sind Hochleistungsrassen.

Anne ist eine Kuh, die trotz ihrer zehn Jahre auch in jüngeren Tagen keine gute Kuh gewesen wäre. Zumindest nicht in einem Turbostall. Dabei hat Biobauer Gerhard Vogel rund 25 Jahre Zeit investiert, um so eine Kuh wie Anne zu bekommen. Und er ist stolz: "Sie gibt viel Milch: 5700 Kilo im Jahr. Und sie ist ein echtes Kulturgut."

Fleckvieh ist eine beliebte Rasse (Foto: Magdalena Fröhlich)
Denn statt da weiterzumachen, wo die Schwiegereltern bei der Hofübergabe aufgehört haben, suchten Gerhard Vogel und seine Frau Gerda die Wurzeln des Betriebs im württembergischen Welzheim-Eberhardsweiler, eine knappe Stunde östlich von Stuttgart entfernt. Diese sind eng mit der Geschichte einer Kuhrasse verbunden: Dem Limpurger Rind - die älteste noch existierende württembergische Rinderrasse. Bis Anfang des 20 Jahrhunderts gab sie den Bauern entlang des Flusses Lein rund um Schwäbisch Gmünd Milch, Fleisch und liess sich vor den Karren spannen. Weil es heute spezielle Rinderrassen zur Fleisch- und spezielle zur Milcherzeugung gibt, wurde das Limpurger Rind durch Hochleistungstiere ersetzt.

Bei Familie Vogel grast es heute wieder auf der Weide. Anne hat noch rund 15 Freundinnen und Verwandte, die ebenfalls Limpurger Rinder sind. Die jüngste ist erst ein paar Monate alt. Die Herde ist so etwas wie eine Patch-Work-Familie in einem Mehrgenerationen Wohnprojekt.

Laut Landwirtschaftsministerium werden in Deutschland 40 verschiedene Rassen gehalten: "Aber heute kennt man ja fast nur noch schwarz-weiß oder braun-weiß gefleckte Rinder", sagt Gerhard Vogel. "Meist mit einem riesigen Euter." Jede zweite Milchkuh ist ein Holstein-Friesisches Rind, an zweiter Stelle kommt Fleckvieh, das man vor allem aus Süddeutschland kennt.

Ein Fleckvieh und ein Limpurger Rind (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das war auch bei den Vogels lange so: Im Stall standen nur braun-weiß gefleckte Kühe. Bis auf eine: Alma. Sie hatte einen braunen Kopf. Das ist ein Indiz für Gene einer anderen Rasse. In einer Agrarzeitschrift hat Gerhard Vogel einen Aufruf gelesen: Der Zuchtverband sucht Limpurger Rinder, von denen gebe es nämlich kaum noch welche. Bei der Gründung des Verbandes im Jahr 1987 waren im Herdbuch gerade einmal 56 Stück, heute sind es immerhin rund 500. "Diese Kuh hatte genau die gleiche Farbe wie der Kopf von Alma." Die Vermutung lag nahe: Alma und ihre Familie sind vielleicht der Rest einer fast ausgestorbenen Rasse.

Um das herauszufinden, schaute der Biobauer im Zuchtbuch nach, einer Art umfassenden Geburtsurkunde für Tiere. Hier stehen die Nummer der Ohrmarke, der Ort, die Rasse und die Eltern. Auch die Rasse der Eltern ist angegeben: Fleckvieh - Fehlanzeige. Weil man als Württemberger aber von Natur aus eher zäh ist, gab Vogel nicht auf und wandte sich an den Zuchtverband in Schwäbisch Hall. Anhand der Ohrmarkennummer, die so etwas wie unsere Personalausweisnummer ist, ist Vogel weiter in die Abstammungsgeschichte seiner Alma eingetaucht.

Ein Kalb der Rasse Limpurger Rind (Foto: Magdalena Fröhlich)
Tatsächlich: Die Ururgroßeltern waren Limpurger Rinder. Diese haben nicht nur einen braunen Kopf, sondern sind durchgängig hellbraun, wobei Schenkel und Bauch etwas heller sind. Die Tiere sind etwas kleiner als gewöhnliche Rinder und haben statt einer rosafarbenen eine braune Schnauze. So viel zum Äußeren. Einem Milchbauern kommt es allerdings auf die Milch an - und da kann man von einem Limpurger Rind gerade einmal rund 5000 Liter im Jahr melken. Warum also will man Rinder, die rund ein Drittel weniger geben?

Weil sie gutmütig sind, auch mit kargem Futter eine gute Milch liefern, mühelos die Hänge hoch und runterklettern, harte Klauen haben, in denen sich nicht so schnell ein Steinchen festtritt und weil die Ochsen jeden noch so schweren Karren ziehen können. Außerdem ist das Fleisch schön feinfaserig. Das hätte ein Bauer vor 200 Jahren geantwortet.

Gerhard Vogel hält verschieden Kuhrassen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ein Bauer von heute sagt das gleiche. Außer, dass er heute nicht mehr auf starke Ochsen, sondern auf Pferdestärken setzt. Gerhard Vogel sagt außerdem: "Limpurger Rinder geben zwar weniger Milch, dafür hat die Milch viel Kabba-Kasein - und das ist wichtig für die Käseherstellung." Mehr Kasein bedeutet mehr Käse und damit einen guten Preis für den Bauern. Denn bei der Milch kommt es nicht nur auf die Menge an: Fettgehalt und Inhaltsstoffe sind genauso wichtig. Deshalb gibt man die Milchleistung meist nicht in Litern, sondern in Kilogramm an. Weil Vogel selbst das Futter für seine Kühe anbaut, spart er Geld. "Diese Kühe fressen ja nicht so viel wie ein Hochleistungsrind." 

Idefix ist ein Altdeutscher Hütehund. Die Rasse steht auf der Roten Liste (Foto: Magdalena Fröhlich)
Weil seine Kühe fast doppelt so lange Milch geben und deshalb auch mehr Nachwuchs bekommen als eine Hochleistungskuh, kann der Bauer die meisten Kälber weiterverkaufen. Vom Land Baden-Württemberg gibt es außerdem eine Förderprämie für alte Rassen. Dies gilt auch für das Angler Rind - denn auch dieser alten und gefährdeten Rasse gibt Gerhard Vogel ein Zuhause. Ganz deckt das den Unterschied zu reinen Milchkuhrassen noch nicht. Deshalb hält Vogel auch ein paar Fleckvieh-Kühe. Er mag seine bunte multi-kulti Herde.

Auf dem Biohof Vogel gibt es auch Wollschweine (Foto: Magdalena Fröhlich)
Diese wird von zwei Raritäten bewacht: Sally und Idefix - zwei Altdeutsche Hütehunde. "Von denen haben Sie noch nie etwas gehört?", fragt Gerhard Vogel und streicht den großen wuscheligen Tieren übers Fell. "Kein Wunder. Die sind auch vom Aussterben bedroht. In der Massentierhaltung braucht man ja keine Hunde, die die Herde zurück in den Stall treiben. Den Stall verlassen die Tiere ja nie", sagt der 55-Jährige und ergänzt: "Dem Tier nutzt es gar nichts, wenn es als Antiquität bestaunt wird. Es muss nicht jeder Bauer alte Rassen halten, aber er soll dafür sorgen, dass sie artgerecht gehalten werden."

Dann macht sich Vogel auf zum Hofladen. Dort hängt ein Zettel für den nächsten Schlachttermin: Wollschweine. Diese heißen so, weil sie ein wuscheliges Fell haben. Auch von ihnen gibt es nur noch wenige Exemplare. "Wir sind kein Zoo", sagt Vogel. "Abgesehen von den Hunden: Unsere Tiere muss man streicheln und essen können - nur so kann man sie erhalten und weiterzüchten."

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