Familienausflug auf den Acker: 14 Stunden im Jahr sollen die Mitglieder mitanpacken (Foto: Michael Bakonyi)
06.08.2014
Solidarische Landwirtschaft

Ein Hof für 180 Hobby-Bauern

Was auf dem Bio-Hof von Markus Schmutz passiert, entscheiden über 100 Leute mit. Über die Entscheidung Brokkoli oder Blumenkohl wird abgestimmt. Das ist zwar aufwändig, dafür ist der Bauer nicht länger von Marktpreisen abhängig. Von Magdalena Fröhlich

Der Markushof bei Heidelberg (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn auf dem Balkon die Tomatenstöcke einfach keine Tomaten tragen wollen, dann ist das ärgerlich, aber nicht weiter tragisch. Wenn das aber auf einem Acker passiert, dann verdient der Bauer nichts. "Das ist dann so, als wenn Sie ein paar Monate keinen Lohn bekommen", sagt Gerhard Albrecht über die Aha-Erlebnisse von Menschen, die für ein paar Stunden im Jahr Bauer werden. Er ist einer von ihnen. Rund einmal die Woche hilft er auf dem Markushof in Nußloch, rund zehn Kilometer südlich von Heidelberg, mit. Sein Lohn: Gemüse, Fleisch, Milch und Brot - und ein Einblick in das Leben auf dem Hof.

Gerhard Albrecht ist eines von rund 138 Mitgliedern der Solidarischen Landwirtschaft Rhein-Neckar. Solidarische Landwirtschaft, kurz "Solawi", das bedeutet dem Bauer in die Buchführung, in den Stall und auf den Acker zu schauen. Markus Schmutz, der Bauer, stellt zusammen mit einigen aus der Gemeinschaft den Haushaltsplan auf. Wenn er eine neue Maschine braucht, dann muss die Planung angepasst werden. Sollte also einmal etwas unerwartet kaputtgehen, dann liegt der Mitgliedspreis im nächsten Jahr etwas höher - auch das heißt Solidarität. Bisher zahlen 138 Leute je 100 Euro im Monat. Den Rest des Einkommens muss Markus Schmutz über bisherige Vermarktungwege sicherstellen wie den Hofladen und den Verkauf der Milch an eine Molkerei. 180 Mitglieder wären nötig, damit die Erträge komplett an die Gemeinschaft gingen.

Gerhard Albrecht ist fürs Milchabfüllen zuständig (Foto: Magdalena Fröhlich)
"Sich die Ernte teilen", so lautet das Motto aller Gemeinschaften für solidarische Landwirtschaft. Neben der Ernte, teilen sich die Mitglieder auch das wirtschaftliche Risiko. Das heißt: Wenn der Kohl verhagelt ist, dann gibt es eben Kohl mit Hagelschaden. Im Handel könnte man solche kaum verkaufen. Dem Bauern bringt das ein gesichertes Einkommen, und er ist nicht länger vom Diktat des Marktes abhängig. Weil der Bauer genau weiß, wie viel er von den Mitgliedern bekommt, kann er besser planen. Von einer guten Preisentwicklung profitiert er dann allerdings auch weniger.

Ursula Leuthe zeigt Michael Steinfatt ihren Unkraut-Getreide-Snack (Foto: Magdalena Fröhlich)
Neben der Ernte teilen sich die Mitglieder auch die Arbeit: Unkraut jäten, Kisten packen und ausliefern, Milch abfüllen - das sind die Hauptaufgaben auf dem Markushof. "Diese Arbeitszeit wird benötigt und beträgt rund 14 Stunden im Jahr. Dadurch lernen die Mitglieder den Hof und die Arbeit genau kennen", sagt Bauer Markus Schmutz. Eine Verpflichtung gibt es aber nicht. Gerhard Albrecht kommt sogar fast jede Woche. In weißem T-Shirt und Arbeitshose zapft der Rentner frische Rohmilch in braune Flaschen, rund 100 Stück muss er heute voll machen. "Einige Mitglieder sind im Urlaub oder leben vegan, deshalb sind es nur 100 statt 138. Einmal pro Woche bekommt jeder Milch, Brot und Gemüse. Wenn gerade geschlachtet wird, dann auch Fleisch", erklärt er. "Später liefere ich die Kisten aus." Veganer könnten mehr Gemüse bekommen oder sich einen Tauschpartner suchen.

Stadt trifft Land

Nur ein paar Schritte weiter zeigt Ursula Leuthe gerade das Ergebnis ihrer Feldarbeit: frische Unkräuter. Ihre Art des Jätens sieht so aus: "Gleich auf dem Feld aufessen", sagt sie und lacht. "Den Rest nehme ich mit nach Hause." Dort macht sie aus ihren Hof-Mitbringseln Smoothies oder andere Gerichte. Heute hat sie einen Getreidesnack mitgebracht: Dinkel mit Brennnesseln und Girsch im Glas. "Lecker!" Michael Steinfatt ist begeistert. Um die beiden herum stehen stapelweise Kisten mit bunten Zetteln daran: Altstadt, Weststadt, Rohrbach stehen beispielsweise darauf, die Namen der Depots, wo sich die Mitglieder ihre Ration abholen können. "Damit Gerhard weiß, was er wo hin liefern muss", erklärt Michael Steinfatt, oder einfach nur "Michael", man duzt sich.

Einst hatte Markus Schmutz Milchkühe und Ackerbau. Jetzt ist er zusätzlich Gemüsebauer und Organisationstalent (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ein bisschen wirkt es so, als seien hier alle daheim. Jeder läuft quatschend hin und her. Dort bringt jemand Kisten zum Auto, ein anderer holt eine Liste aus einem Raum und vor dem Hofladen ruft laut jemand nach Markus Schmutz. Manchmal prallen die Vorstellungen von Menschen aus der Stadt und dem Bauer aufeinander. Markus Schmutz erzählt dazu ein kleine Geschichte: "Den Mitgliedern bedeutet es sehr viel, wenn hier alles direkt vom Hof kommt. Ihr Traum ist die Käserei auf dem Hof, wo auch die Kuh steht." Der Bauer sieht die Lösung dagegen eher in einer Kooperation mit einem Käser im benachbarten Dorf. "Da bleibt die Wertschöpfung auch in der Region."

Die Mitglieder hatten sich gleich daran gemacht und überprüft, was man zur Käseherstellung braucht und wie viel das kostet. Selbst Finanzierungspläne seien schon diskutiert worden. "Hier werden die Investitionskosten auch für die Abwasserreinigung und der Arbeitsaufwand für die Käseherstellung massiv unterschätzt ", meint dagegen Schmutz und ergänzt: "Die Abwässer kann ich wegen zu vieler Nährstoffe nicht einfach in die Güllegrube leiten. So etwas weiß man in der Stadt nicht. Andererseits - woher sollen es die Leute auch wissen? Es ist ja gut, wenn man sich damit beschäftigt."

Nicht nur wissen, wo's herkommt: Endlich Trekker fahren! (Foto: Michael Bakonyi)
Wie der Profibauer zu seinen 138 Hobbybauern kam, war eher Zufall: Eine Gruppe von Attac-Mitgliedern aus Heidelberg war der Überzeugung: Gemeinsames Wirtschaften ohne Wachstumszwang ist möglich, und suchte einen Hof, der bei diesem Konzept mitmacht. "Das ging recht schnell", erinnert sich Rolf Künnenmann, der heute in der Finanz-AG der Solawi Rhein-Neckar ist und sich ehrenamtlich um Mitgliedsbeiträge und die Darlehen für neue Anschaffungen kümmert. "Das war das erste Mal, dass die Initiative von der Stadt ausging, bislang war es eher so, dass sich die Landwirte ihre Mitglieder suchten und nicht die Mitglieder einen Bauern."

Künnenmann fasziniert vor allem das gegenseitige Vertrauen. Statt in einem schriftlichen Vertrag ist alles per Handschlag geregelt, lediglich eine Selbstverpflichtung wird unterschrieben. Dabei hat jeder, egal, ob Mitglied oder Bauer, das Recht, wieder auszusteigen. "Wenn jemand nicht bezahlt, brauchen wir keinen Anwalt - es würde einfach auffallen, wenn sich jemand nur bedient. Sollte es doch so weit kommen, dann bekommt er auch keine Lebensmittel mehr aus den Depots", so Künnenmann.

Aus Kuhstall wird Packstation

Michael Steinfatt prüft die Listen der Depots (Foto: Magdalena Fröhlich)
Die Veränderungen auf dem Hof sieht der Bauer aber auch skeptisch: Gemüse wollte Schmutz eigentlich nicht mehr anbauen, seine Kühe und das Getreide sowie etwas Kürbis reichten ihm aus. Mit der Entscheidung für die Solidarische Landwirtschaft war klar, dass Gemüse und Kartoffeln dazugehören. "Die Mitglieder wollen diese Frischprodukte vom eigenen Hof und beim Jäten und Ernten mit anpacken", so Schmutz und ergänzt: "Für viele ist es ein tolles Erlebnis, die Lebensmittel ihrer eigenen Arbeit zu essen.“ Für viele ist die Arbeit auf dem Feld ungewohnt, hier muss Schmutz viel erklären.

Er hat sich trotzdem darauf eingelassen - trotz mehr Arbeit und trotz neuer Geräte, die er erst einmal für seinen neuen Gemüseacker anschaffen musste. Einen Kredit musste er dafür nicht aufnehmen, neue Investitionen trägt die Gemeinschaft zusammen, als Mitgliedsbeitrag und zum Teil auch als zinslose Darlehen. Der Hof investierte in neue Maschinen und ein Kühlhaus, wo die Mairübchen, Kartoffel, Schalotten, Salat, Blumenkohl und all das andere Gemüse gelagert werden. Der alte Kuhstall wurde entkernt und in eine Packstation umgewandelt.

In Mannheim, Heidelberg und einigen kleinen Dörfern gibt es Depots für die Solawi-Mitglieder (Foto: Magdalena Fröhlich)
Hier stehen jetzt auch Michael Steinfatt und Ursula Leuthe vor vollgepackten Kisten. Auf die hat Gerhard Albrecht schon gewartet, damit er sie an die Abholstationen in der Stadt liefern kann. Die können in einer Garage, in einem Keller oder in einem Vereinsraum sein. Statt vor dem Milchautomaten sitzt er also nun, rund drei Stunden später, hinterm Steuer eines kleinen Opels und sagt. "Bei mir ist noch nie das Gemüse beim Nachbarn im falschen Keller gelandet."

Solidarische Landwirtschaft

Das Konzept entstand in den sechziger Jahren in den USA als Antwort auf die Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Wunsch nach pestizidfreien, gesunden Lebensmittel. Das heißt jedoch nicht immer, dass der Hof auch bio-zertifiziert ist.

  • In den USA gibt es rund 13.000 Höfe, die nach diesem Konzept der "Community supported agriculture (CSA)" wirtschaften. 

  • Auch in Japan werden rund ein Viertel aller Haushalte von "Teikei", der japanischen Bezeichnung für solidarische Landwirtschaft versorgt. "Teikei" bedeutet im Deutschen so viel wie "Essen mit dem Gesicht des Bauern darauf".

  • In Deutschland gibt es rund 100 Höfe. Zum Teil sind diese noch in der Gründungsphase.

Das Prinzip ist meist das gleiche: Statt im Supermarkt beziehen die Kunden ihre Lebensmittel direkt vom Bauern. Egal wie die Ernte ausfällt, zahlen sie regelmäßig einen festen Betrag an den Hof. So trägt der Bauer nicht das gesamte Risiko für Ernteausfälle und Marktpreis-Schwankungen. Die Verbraucher bekommen im Gegenzug einen Einblick in den Hof und wissen, wie ihre Lebensmittel angebaut werden.

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