Schweine sind sehr neugierige Tiere (Foto: Anna Widmaier)
20.01.2014
Leben wie ein Schwein

Ein guter Saustall ist sauber

In Deutschland essen wir sehr viel Schweinefleisch - rund 24.400 Tonnen pro Jahr. Da stellt sich die Frage, wo diese immense Anzahl an Tieren herkommt und wie die Lebensbedingungen dort sind. Von Oliver Scheiner

Auf den PR-Trick mit herumtollenden Ferkeln und suhlenden Sauen fallen die meisten Konsumenten nicht mehr herein. Sie wissen: Das Idyll der reinen Freilandhaltung ist selbst bei ökologisch wirtschaftenden Betrieben die Ausnahme. Realität ist der Schweinestall - und da gibt es sehr unterschiedliche Varianten.

Schweine im Auslaufgehege
Im Auslauf legen die Schweine häufig ihren Platz zum Koten an (Foto: Rudolf Wiedmann)
Schweine teilen ihren Lebensraum von Natur aus strikt nach ihren Hauptbeschäftigungen ein: Schlafen, Fressen und Koten. Ein Schweinehalter, der auf diese Bedürfnisse Rücksicht nimmt, richtet seinen Stall so ein, dass die Tiere diese Bereiche gleich erkennen. Dafür brauchen sie in erster Linie Platz und Auslauf im Freien. Schweine sind Frischluftfanatiker. Biobetriebe müssen ihren Tieren Auslauf ins Freie ermöglichen. Bioland schreibt seinen Betrieben zum Beispiel vor, jedem Tier mindestens 2,3 Quadratmeter im Stall und Auslauf einzuräumen. In konventionellen Betrieben ist dagegen kein Auslauf vorgeschrieben.

Gerangel am Futtertrog

Schweine schlafen viel - rund 16 Stunden am Tag. Daher sollten Halter dem Schlafgemach der Tiere besondere Aufmerksamkeit schenken. Er sollte dämmrig sein, zwischen 15 und 18 Grad Celsius warm und frei von Zugluft. Kalte Zugluft führt bei Schweinen schnell zu Erkältungen oder sogar Lungenentzündungen. Die Luftgeschwindigkeiten sollten 0,1 Meter pro Sekunde nicht überschreiten. Ideal ist es, wenn die Schweine von ihrem Schlafplatz aus die gesamte Bucht überblicken können.

Futterautomat im Schweinestall
Mit einem Automat kann der Bauer das Futter rationieren (Foto: Anna Widmaier)
In freier Wildbahn verbringen Schweine den ganzen Tag mit der Suche nach Futter. Deshalb spielt die Versorgung mit Nahrung in jedem Haltungssystem eine wichtige Rolle. Schweine fressen naturgemäß gemeinsam. Im Stall geht das ziemlich schnell, vor allem wenn Flüssigfutter verabreicht wird, wie in vielen konventionellen Betrieben. Werden die Schweine in großen Gruppen gehalten, kommt es am Fressplatz oft zu heftigen Rangeleien. Es herrscht Futterneid.

Die Tiere schlingen ihr Futter dann zu schnell herunter. Auch das ist schlecht für die Gesundheit und fördert aggressives Verhalten. Deshalb bieten Bio-Bauern Raufutter an. Zudem gibt es Futterautomaten, die der Landwirt entsprechend rationiert. Trotzdem fressen die Schweine immer noch zu schnell.

Arbeitsteilige Schweinehaltung

Zuchtbetriebe haben andere Herausforderungen zu bewältigen als Mastbetriebe. Züchter müssen eng getaktete Zyklen einhalten: 115 Tage von der Stimulation der Sauen über die Befruchtung bis hin zur Geburt der Ferkel. Für jedes Stadium gibt es eigene Bereiche im Stall, etwa einen Gang, der an den Buchten vorbeiführt - für den Zuchteber, um die Sauen in Stimmung zu bringen. Eine Woche vor Geburtstermin werden die trächtigen Sauen separiert und kommen in einen Abferkelstall. Dieser ist mit einer zusätzlichen auf 35 Grad Celsius aufgeheizten Nestbucht für die Frischlinge ausgestattet.

Selbst wenn die Tiere netto eine Stunde damit verbringen, bleiben immer noch sieben Stunden, in denen sie sich beschäftigen wollen. Um diesen Trieb zu befriedigen, brauchen Schweine jede Menge Stroh und frei bewegliche Gegenstände wie Holzklötze, die sie untersuchen und anknabbern können. Das Wühlen und Untersuchen imitiert die Nahrungssuche. Auch Stroh und andere Einlagen sind bei Biobetrieben vorgeschrieben. In konventionellen Betrieben stehen die Schweine in großen Gruppen meist auf Spaltenböden aus Beton. Diese Bauweise erleichtert den Landwirten das Entmisten. Die Exkremente werden einfach durch die Ritzen der Böden hindurchgedrückt. Den Schweinen fehlt es hier aber an Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie können ihrem natürlichen Verhalten nicht nachgehen. Außerdem verstopfen die Ritzen schnell, so das die Schweine nicht selten in ihren eigenen Fäkalien stehen. Das birgt ein höheres Infektionsrisiko und widerstrebt dem natürlichen Verhalten der Schweine.

Maximal fünf Schweine pro Hektar

Der Natur der Tiere am nächsten kommt die Freilandhaltung. Hier kann der Bauer freilich am wenigsten eingreifen. Die Schweine sind an der frischen Luft und können den ganzen Tag in der Erde wühlen. Nachts schlafen die Schweine in Hütten. Die Rüsselscheibe von Schweinen verfügt über mehr Rezeptoren, als die Fingerspitzen bei Menschen. Damit erkunden sie ihre Umwelt - spüren, riechen, schmecken. Diese Möglichkeiten kann kein Stallsystem bieten. Häufig kommen Schweine, die für längere Zeit draußen auf der Weide oder im Wald waren, nicht mehr in den Stall zurück - selbst wenn dort exzellentes Futter auf sie wartet.

Sau in Freilandhaltung
Die Freilandhaltung ist für die meisten Bauern nicht wirtschaftlich (Foto: Anna Widmaier)
Es gibt aber auch Nachteile: Denn Schweine fressen draußen Würmer und Käfer und daher weniger von dem Kraftfutter, das ihnen der Bauer gibt. In der Folge nehmen die Tiere deutlich langsamer zu und erreichen ihr Schlachtgewicht erst viel später. Der Bauer muss also länger füttern, was die Kosten deutlich steigen lässt. Außerdem ist die Seuchengefahr um ein vielfaches größer. In manchen Gegenden würde der Amtsveterinär eine Freilandhaltung gar nicht erst zulassen, wenn zum Beispiel Wildschweine in der Nähe hausen. Die tragen oft Schweinepestviren mit sich, gegen die Hausschweine im Gegensatz zu Wildschweinen nicht immun sind.

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