Aus der Region: Das sagt nichts über Pestizideinsatz oder Haltungsbedingungen aus - oft nicht einmal etwas über die Herkunft (Foto: Bioland)
11.12.2013
Regionalkennzeichnung

Ortsschilder im Supermarkt

Aus "unserer Region" oder aus "unserem Norden". Bei Lebensmitteln wird es plötzlich heimelig. Über 200 Regional-Labels gibt es in Deutschland, verbindliche Kriterien sind jedoch selten. Ist regional beliebig? Von Magdalena Fröhlich

Äpfel aus der Region? Oder sind sie doch von weiter weg? (Foto: Angelika Stehle)
Woher stammt dieser Apfel? Aus Kassel. So, so. Den Fingerabdruck, bitte! Und zwar den vom Apfel. Sabine Hofem macht ein Häkchen auf der Liste: Das Schild "aus dieser Region" stimmt. Dieser Apfel kommt tatsächlich aus Kassel. Hofem ist Lebensmittelchemikerin im Labor Agroisolab in Jülich. Ihr Auftrag: die Herkunft von Lebensmitteln entschlüsseln. Ihr Werkzeug: ein Isotopenmassenspektrometer - eine Art Lesegerät für den Fingerabdruck von organischem Material, also von Pflanzen und Tieren. Was der Laie "Fingerabdruck" nennt, heißt im Fachjargon "Stabil-Isotopen-Analyse".

"Der Fingerabdruck von Wasser ist regional verschieden. Pflanzen und Tiere einer Region, die dieses Wasser für ihre Ernährung nutzen, spiegeln die Verhältnisse ihrer Region in ihrem Gewebewasser wider." Sabine Hofem weiß also, woher der Apfel kommt, weil sie sich sein Gewebewasser und dessen Isotopenwert genauer angesehen hat.

Genau wie ein "echter" Fingerabdruck ist auch der Isotopenwert vor Gericht anerkannt - er kann nämlich nicht gefälscht werden. "Die Natur liefert damit im biologischen Material eine natürliche Markierung des Herkunftsortes, anhand derer die Herkunftsangabe überprüft werden kann", erklärt die Chemikerin. In einer Datenbank überprüft sie, ob der Fingerabdruck des eingeschickten Apfels auch tatsächlich mit dem Profil von Kassel zusammenpasst. Denn erst mit einer Vergleichsprobe wird die Technik auch verlässlich.

Das Labor entwickelt derzeit im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums umfassende Datenbanken von verschiedenen Lebensmitteln aus bestimmten Regionen Deutschlands. So ist die Herkunft von Produkten eindeutig nachvollziehbar.

Dieser Kaffee soll aus Norddeutschland kommen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Was Hofem weiß, muss der Kunde meist glauben. Denn hinter den verschiedenen Labels stehen unterschiedliche Kriterien. Was regional ist, hängt vom Label ab und wird so schnell beliebig. Etwa dann, wenn Kaffee die Aufschrift aus "unserem Norden" trägt. "Das Problem ist, dass es keine verbindliche Definition von Regionalität gibt", sagt Axel Wirz. Er arbeitet am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frankfurt am Main und hat im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums ein Gutachten erstellt, das als Grundlage für eine bundesweite Regionalkennzeichnung dienen soll. "In einigen Fällen wird ein Produkt schon als regional deklariert, wenn es einfach nur in der Region verpackt wurde", erklärt er. Was eine Region ist und ob hier das Lebensmittel angebaut, verarbeitet oder verpackt werden muss, damit es das Prädikat "regional" tragen darf - das ist nicht klar geregelt.

Über 200 Regionallabel in Deutschland

Ganz zur Freude der Marketingabteilungen. Denn so gibt es bereits 200 private, mitunter von den Discountern selbst kreierte Regionallabels in Deutschland. "Diese sind ganz unterschiedlich definiert, etwa nach Herkunft, Verarbeitungsort und so weiter. Dazu kommen noch circa 20 Regionalzeichen der Bundesländer. Auch hier versteht unter einem regionalen Produkt jeder etwas anderes", so Wirz. "Es gibt Unterschiede bei den Kriterien, beim Vergabeverfahren oder beim Kontrollsystem. Einige Bundesländer vergeben zusätzlich speziell für Bio-Produkte ein eigenes Regionallabel."

Von hier - das stimmt hier
Auch das Verbrauchermagazin "Öko-Test" findet in einer Untersuchung mit 53 Lebensmitteln nur 14, bei denen die Auslobung "regional", die Verbrauchererwartungen erfüllt. Das Kennzeichen "von hier" der Marke Feneberg ist beispielsweise eines der glaubhaften. Da ist "von hier" eben nicht von dort - und zugleich aus Bio-Anbau. In seinem Gutachten schreibt Wirz auch, was der Kunde mit Regionalität verbindet: Qualität, Geschmack, Frische, Umweltfreundlichkeit und Unterstützung der Wirtschaft und Heimat. Das erzeugt Sympathie. "Regionalität erzeugt ein gutes Gefühl beim Kunden", sagt er. "Und da es keine Vorgaben gibt, kann man ja vieles versprechen." Kriterien für Label hin oder her: Regionales Essen ist nicht nur Trend, sondern auch wichtig.

Der Verein Slow Food, der sich vor allem auch um traditionelle Rezepte und umweltschonende Erzeugung kümmert, genau wie der als Tatort-Kommissar bekannt gewordene Schauspieler Andreas Hoppe, haben es vorgemacht: "Mit dem Experiment 'regionale Ernährung' lebte ich nicht mehr wider der Natur, sondern mit ihr. Essen bekam eine andere Wertigkeit", schlussfolgert er aus seinem Selbstversuch. Er hat ausprobiert, wie es ist, sich ausschließlich von Produkten aus maximal 100 Kilometer Entfernung zu ernähren.

Dabei ist er auch an Grenzen gestoßen und musste sich doch ein paar Ausnahmen genehmigen: Kaffee zum Beispiel. Dennoch war das Experiment für ihn ein Gewinn mit vielen Erkenntnissen: Wer sich regional ernährt, kann sich selbst schlau machen, woher das Essen kommt, und lernt, dass nicht jedes Lebensmittel immer verfügbar ist. Denn regional essen bedeutet auch saisonal essen. Dass man auch mal Lust auf Zitrusfrüchte und Wein aus anderen Gebieten hat, gibt er zu - und hat kein Problem, solche Lebensmittel auch zu kaufen. Denn wer bewusst einkauft oder noch besser selbst Lebensmittel erzeugt, muss noch lange kein Fundamentalist sein. Hoppe geht es vielmehr um eine ökologische und regionale Landwirtschaft sowie um Unabhängigkeit: von Saatgutfirmen, von Pestiziden, Zusatzstoffen und dreisten Werbelügen.

Verbesserung mit dem Regionalfenster?  

Die CSU-Politikerin Ilse Aigner wollte in ihrer Zeit als Landwirtschaftsministerin Klarheit schaffen und brachte ein weiteres Siegel auf den Weg: Ab 2014 gibt es eine neue Kennzeichnung mit dem Titel "Regionalfenster". Hartmut König von der Verbraucherzentrale Hessen findet das Regionalfenster zumindest besser als Pseudokennzeichnungen. Er hat bei der Entwicklung des Siegels als Berater geholfen: "Die Verbraucher können auf einen Blick erkennen, aus welcher Region das Produkt und seine Bestandteile kommen, also wie hoch der Regionalanteil am Endprodukt ist und wer die Produktkriterien kontrolliert."

Das Regionalfenster kommt ab 2014
Wirklich glücklich ist König damit aber noch nicht: "Leider genügt bei Mischprodukten schon ein Regionalanteil von knapp über 50 Prozent, um das Regionalfenster tragen zu können", sagt er. "Die Verbraucherzentralen forderten einen Anteil von 95 Prozent. Manche Bundesländer sind ja jetzt schon strenger und verlangen 100 Prozent. Zudem müssen die Tiere bei Fleisch- und Milchprodukten nicht ab der Geburt in der genannten Region aufgezogen werden."

Zwei Siegel, ein Standard: Das Rechteck ist das deutsche, das Viereck das EU-Bio-Siegel
Ob das neue Kennzeichen tatsächlich die Verbrauchererwartungen erfüllt, ist laut König fraglich. "Zumal andere Marken wie 'Unser Norden', die scheinbar eine regionale Herkunft vorgeben, damit nicht vom Markt verschwinden", so der Verbraucherschutzexperte. "Das wäre nur mit einer verbindlichen rechtlichen Vorgabe möglich." Über Umweltfreundlichkeit, Haltungsbedingungen von Tieren oder gute Arbeitsbedingungen sagt so eine Herkunftsangabe überhaupt nichts aus. "Wenn etwas als regional ausgelobt ist, dann haben Sie das Gefühl, dass es sich um kurze Wege handelt und alles transparent ist. Was aus der Region ist, kann ja nicht schlecht sein", so Wirz vom Forschungsinstitut biologischer Landbau. Genau wie König stellt der Experte klar: "Das kann das Regionalfenster nicht leisten. Wem diese Kriterien wichtig sind, der muss nach wie vor zusätzlich auf das Bio-Siegel oder andere aussagekräftige Qualitätsauslobungen wie zum Beispiel 'gentechnikfrei' achten."

Denn anders als regional ist bio nicht beliebig - als bio dürfen sich nur Lebensmittel bezeichnen, die die gesetzlichen Normen der EU-Öko-Verordnung erfüllen.

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Im Netz:

Das Gutachten von Axel Wirz zum Thema Regionalkennzeichnung (PDF)
Ökotest über regionale Mogelpackungen
Die Verbraucherzentrale über regionale Lebensmittel
Slowfood Deutschland
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