Werner Ruf mit einem Arm voller Rosenzweige zum Aufpropfen (Foto: rosenschule.de)
05.11.2014
Werner und Sabine Ruf

Die Rosen-Flüsterer

Werner und Sabine Ruf waren die ersten Bio-Rosenbauern Deutschlands - zwei, die immer an ihr Produkt geglaubt haben und es doch ständig neu erfinden. Von Martin Rasper

Werner Ruf weiß noch, wie das war, 1994, als er bei Bioland anfragte, ob er beitreten und sich zertifizieren lassen könne. Rosen?, hieß es. Gibt's nicht. Nicht bei uns. Nicht bio. Genau deshalb wolle er es machen, sagte Ruf, er wolle der erste sein, der biologische Rosen anbaut. Und man braucht nur seine Stimme zu hören, um sich in die Lage der Bioland-Frau zu versetzen: So klingt ein erdverbundener Dynamiker. Werner Ruf hat nämlich einen Geburtsfehler, er ist gebürtiger Wetterauer - oder, im Original: "Weddrrerr". Er rollt das R auf eine Weise wie es nur die Menschen in diesem gesegneten Landstrich zwischen Frankfurt und Gießen tun, weich und rumpelig zugleich, wie eine Mischung aus Donnergrollen über dem Weizenfeld und ratternden Rädern im kopfsteingepflasterten Hof. So einer am Telefon, der redet keinen Unfug. Und so kam die Mitarbeiterin damals zur einzig vernünftigen Lösung: Rosen sind eine Kultur wie andere auch, schauen Sie sich an, was bei uns erlaubt und was verboten ist, und wenn Sie damit klarkommen, können Sie sich zertifizieren lassen.

Auch im Angebot: Rosen nur zum Anschauen (Foto: rosenschule.de)
Die Rufs sind schon in der vierten Generation Rosenbauern. Ihr Dorf Steinfurth, zu Bad Nauheim gehörig, war inmitten der fruchtbaren Wetterau immer ein benachteiligter Flecken, mit schwierigerem Boden als ringsum. Die Bauern mussten sich etwas einfallen lassen, was sie zu ihrem Gemüse dazu produzieren konnten, etwas Besonderes, und so kam man auf die Rosen. Schnell war das "Rosendorf" geboren; in den siebziger Jahren lebten an die zweihundert Familien im Dorf direkt oder indirekt von den Rosen.

Dann kam der Strukturwandel in der Branche, die Gartencenter, die Baumärkte, die Globalisierung. Und heute, wo die Stadt alle Register zieht, um die Tradition zu erhalten, Rosenfest, Rosenmuseum, Rosenkönigin, Rosenwanderpfad, sind es trotzdem nur noch rund ein Dutzend Betriebe. Und die Rufs haben rückblickend alles richtig gemacht, als sie damals auf Bio setzten. Schon weil sie sich seither mit dem Etikett schmücken können, die ersten Bio-Rosenbauern Deutschlands zu sein.

Wichtige Entscheidungen? "Aus dem Bauch raus!"

1989 hatten Werner und Sabine Ruf den Betrieb von Werners Vater übernommen. "Am Anfang, wie ich mir die Bilanzen angeschaut hab', hatte ich schon so meine Zweifel, ob ich das überhaupt weitermachen soll", erzählt er. "Aber mein Vater hat mir erklärt: Das ist normal in dem Geschäft, das sind so Zyklen, es gibt gute und schlechte Jahre, und in den guten Jahren musst du investieren oder was zurücklegen für die schlechten." Jetzt gerade, um mal eben in die Gegenwart zu springen, ist es für vielen Rosenzüchter schwierig, gerade weil es ein gutes Jahr war, reiche Ernte, die Gartencenter stehen voll mit Topfrosen, und niemand ordert nach.

Hat alles irgendwie mit Rosen zu tun: verblüffende Viefalt im Laden (Foto: rosenschule.de)
"Man kann sich heute nicht mehr drauf verlassen, dass es von allein läuft", sagt Werner Ruf. Immer diese Entscheidungen. Was macht man jetzt? Beim Bewährten bleiben oder etwas riskieren? Sich auf den Kern besinnen oder etwas anderes wagen? In eine neue Technik investieren oder erstmal abwarten? Wie entscheidet man sowas? "Wie alles wichtige: aus dem Bauch raus", sagt Werner Ruf und grinst. "Mir tut das immer unglaublich gut", sagt er, "wenn einer was ganz genau berechnen kann und kommt dann zu einem ähnlichen Ergebnis wie ich mit meinem Bauchgefühl."

Die Entscheidung für Bio wurde ihm damals leichter gemacht durch das Vorbild seines Nachbarn, der biologisches Gemüse anbaute; das brachte ihn auf die Idee, es mit seinen Rosen auch zu versuchen. In der Kurzfassung: Es funktionierte, wenn auch anders als gedacht. Die Gartencenter wollten die Bio-Rosen nicht, "wir waren damals unserer Zeit voraus", sagt Werner Ruf. Wer sie aber haben wollte, das waren Privatkunden. Und so baute man eben diesen Bereich aus - samt Laden.

Sabine Ruf (li.) und eine Mitarbeiterin bei der Rosenblüten-Ernte (Foto: rosenschule.de)
"Der Laden war anfangs nur ein zusätzliches Standbein", sagt Sabine Ruf, "ich wollte das mal ausprobieren. Ich habe mir gedacht, wenn sich eh schon Privatkunden für uns interessieren, und die kommen vorbei, dann finden die ja vielleicht auch andere Sachen gut, die mit Rosen zu tun haben." Und so wurde Sabine Ruf, nachdem sie schon die erste Bio-Rosenbäuerin war, auch noch die erste Bio-Rosenprodukte-Erfinderin. Unglaublich, was es bei ihr alles gibt: Rosenlikör, Rosenmarmelade, Hagebuttenmarmelade, Rosenzucker, Rosensalz, Rosensenf, Rosenessig, Rosensirup, Rosenkaffee, Rosentee, Rosennudeln, Rosenöl, Rosenbadesalz; Gummistiefel und Gartenhandschuhe mit Rosenmuster, Tassen, Teller, Kleider, Stoffe, Papier mit Rosenmuster...

Gerade die Tatsache, dass man ihre Rosen notfalls auch aufessen kann, hat sich als äußerst angenehmer Nebeneffekt des Bio-Anbaus erwiesen. "Der Schwiegervater hat anfangs immer gesagt: 'Stellt Euch net so an mit euerm Bio, Ihr sollt ja die Rosen net essen'", erzählt Sabine Ruf. "Aber irgendwann haben wir gedacht: warum eigentlich nicht?" Inzwischen gibt es ein eigenes Feld für die Ernte der Rosenblätter, auf dem werden jedes Jahr 700 bis 800 Kilo geerntet. Fast die Hälfte geht an einen einzigen Kunden, die Fruchtsaftfirma Voelkel, die daraus eine Rosenlimonade macht. "Aber sie können bei uns auch Kleinstmengen an Rosenblättern kaufen", sagt Sabine Ruf, "beispielsweise zur Tischdeko".

Unglaubliche Vielfalt

So ist aus den ursprünglichen paar Quadratmetern mit Sperrholzwänden inzwischen ein prächtiges Glashaus im englischen Stil geworden, indem man auch Hochzeit feiern kann. Denn nach Rosen duftet es ohnehin, ständig und überall. Irgendwann kann man keine Rosen mehr sehen oder riechen, deshalb mal raus an die frische Luft! Wie gut, dass gerade die Gänse vorbeilaufen, "unsere biologischen Rasenmäher".

Wichtiger Teil des Fuhrparks: Islandpferd Hrannar (Foto: rosenschule.de)
Noch weiter draußen, in den Feldern, wird einem ganz schwindlig angesichts dieser unglaublichen Vielfalt: Beetrosen, Strauchrosen, Kletterrosen, Solitärrosen, Stammrosen, Historische Rosen, Teerosen... Ein paar Dutzend Sorten umfasst der Katalog, und das ist das nur das Kernsortiment, das praktisch jederzeit verfügbar ist; Sonderwünsche bitte auf Anfrage. Die Hälfte ihrer Rosen verkaufen sie als Topfware, die andere Hälfte wurzelnackt. Und gerade an den wurzelnackten Pflanzen, bei denen es einem ja immer wie ein Wunder vorkommt, dass daraus tatsächlich mal eine prächtig grüne und blühende Pflanze wird, an denen also kann man sehen, wieviel Arbeit hinter so einer Rose steckt - und was den Pflanzen alles zugemutet wird.

Erstmal müssen nämlich Sämlinge von Wildrosen auf dem Feld anwachsen und Wurzeln ausbilden; sie stellen später die robuste Basis der Pflanze dar. Dann wird das sogenannte Edelreis aufokuliert, also ein zugespitzter Zweig der Edelsorte in eine Kerbe der Wildpflanze gesteckt und verbunden; eine Arbeit, für die man Übung und Erfahrung braucht. Und die Auswahl und das Schneiden der Edelreiser ist Chefsache. Erst im folgenden Jahr werden die bereits gesprossten Zweige der Wildrose abgeschnitten; auch der erste Sproß des Edelreises wird abgeschnitten, damit die Pflanze möglichst buschig wird. Und am Ende, nochmal ein Jahr später, wenn die Pflanze ihrer Blätter entkleidet und „geerntet“ wurde und als nacktes, hilfloses Bündel im Kühlraum liegt, ist nicht mehr viel zu spüren von wegen „Königin der Blumen“. Und doch ist das im Grunde der Kern des Geschäfts, die wurzelnackte Pflanze mit dem besten beider Welten, der gesunden, widerstandsfähigen Basis der Wildrose und der schönen Blüte der Edelsorte, gewachsen unter natürlichen Bedingungen, ohne Chemie, mit viel Liebe und Handarbeit und Erfahrung.

Für Werner Ruf ist die Arbeit im Feld, bei Wind und Wetter, das Wesen seines Berufs. "Wir sind Rosenbauern", sagt er manchmal, wie beiläufig; es ist der zentrale Satz. "In Zukunft wollen wir uns wieder stärker auf unsere Wurzeln besinnen", sagt er. "Die Arbeit im Feld ist das A und O. Einige unserer Felder grenzen an konventionell bewirtschaftete, da möchten wir gern arrondieren, damit wir einen Puffer um unsere Rosen haben, auch damit wir anderes aussäen können, Luzerne, Gründüngung." Er macht eine Pause, schaut in den grauen Himmel. "Wir wollen auch mit Hühnerhaltung anfangen, das wäre eine gute Ergänzung."

Nein, die Rufs werden nicht aufhören, sich neu zu erfinden. Und sich dabei immer treu zu bleiben.

 

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Im Netz: 

Rosen aus der Wetterau: Die Rosenschule Ruf

Überblick zu Geschichte und Entwicklung des Biolandbaus vom Bundesministerium für Ernährung