Gemüse im Supermarkt (Foto: Lupo/Pixelio.de)
20.02.2014
Interview zu Pestiziden in Lebensmitteln

"Der Verbraucher wird zum Versuchskaninchen"

Das Gift auf dem Acker sorgt meist nur dann für Aufregung, wenn wieder mal zu viel davon auf dem Teller gelandet ist. Es lohnt sich aber, beim Kauf von Lebensmitteln dauerhaft kritisch hinzusehen. Warum, erklärt Melanie Eben vom Umweltinstitut München.

IM FOKUS: Meldungen über Rückstände von Pestiziden machen immer wieder Schlagzeilen. Wie kommen die überhaupt in unser Obst und Gemüse?

Eben: Das geschieht auf verschiedenen Wegen. Zum einen natürlich direkt, über die gespritzten Pflanzen. Zum anderen lagern sich die Wirkstoffe im Boden ab und werden von den Pflanzen aufgenommen. Und nicht zuletzt finden sich in den Lebensmitteln Reste von Desinfektions- oder Holzschutzmitteln, die aus Abfüllanlagen oder Lagerräumen stammen.    

IM FOKUS: Bevor wir ins Detail gehen, eine Grundfrage: Ist bio weniger belastet?

Eben: Ja. Ökologisch angebaute Lebensmittel enthalten so gut wie keine Agrargifte. Wenn man in Bioware Reste von Pestiziden findet, stammen sie in der Regel von benachbarten konventionellen Flächen.  

IM FOKUS: Welche Rückstände kann man denn in Lebensmitteln nachweisen?

Eben: Im Prinzip kann man alles nachweisen, aber das wird schnell extrem aufwändig. Deshalb testet man vorwiegend auf die Wirkstoffe, die auch zugelassen sind. Allein das sind in Deutschland schon über 260. Umfangreiche Tests macht beispielsweise das Chemische und Veterinär-Untersuchungsamt (CVUA) in Stuttgart. Im Jahr 2012 hat es beispielsweise 896 Proben von Frischgemüse aus konventionellem Anbau auf Pestizidrückstände untersucht. Dabei wiesen 82 Prozent dieser Proben Rückstände von insgesamt 219 verschiedenen Wirkstoffen auf.  

IM FOKUS: 82 Prozent der Proben aus konventionellem Anbau enthielten Pestizidrückstände - in welchen Mengen?

Eben: Genau, das muss man natürlich schauen. Es gibt für jeden Wirkstoff einen gesetzlichen Höchstwert, der nicht überschritten werden darf. Beim Gemüse hatten 6,4 Prozent der Proben Rückstandsgehalte über den Höchstmengen. Dabei war es regional sehr unterschiedlich: Proben aus Deutschland lagen zu 4 Prozent über der Grenze, Proben aus anderen EU-Ländern zu knapp 3, Proben aus Drittländern dagegen zu 17 Prozent.  

IM FOKUS: Gibt es Produkte oder Herkunftsländer, die besonders auffällig sind?

Eben: Das schwankt; im allgemeinen enthält Importware mehr Schadstoffe. Weintrauben etwa sind häufig besonders belastet. In einer Untersuchung lagen türkische und spanische Paprika mit fast 60 Prozent der Proben über der erlaubten Höchstmenge und hatten zudem häufig Mehrfachrückstände. Bei den CVUA-Tests waren 2012 besonders auffällig: Zucchini aus der Türkei, dort lagen 54 Prozent der Proben über dem Höchstwert; grüne Bohnen aus Kenia und Marokko mit 44 Prozent der Proben; Zuckerschoten aus Kenia mit 43 Prozent, Rucola aus Italien und Deutschland mit 21 Prozent; aber auch Petersilienblätter aus Deutschland mit knapp 27 Prozent der Proben über dem Höchstwert - da spielt vor allem das Desinfektionsmittel DDAC eine unrühmliche Rolle.  

IM FOKUS: Wer legt die Höchstmengen eigentlich fest, und was bedeuten sie? Wird es ab der Höchstmenge gesundheitsschädlich - oder möglicherweise schon vorher?

Eben: An der Festlegung der Höchstwerte sind verschiedene Stellen beteiligt, so das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit und das Bundesinstitut für Risikobewertung; entschieden wird letztlich von den EU-Behörden. Generell läuft das so ab, dass man auf Grundlage wissenschaftlicher Studien, die es entweder schon gibt oder die man eigens durchführt, herauszufinden versucht, ab welcher Dosis, bezogen auf ein Kilogramm Körpergewicht, ein Wirkstoff gesundheitsschädlich ist. Dieser Wert wird dann nochmal durch einen Sicherheitsfaktor geteilt - typischerweise 100 - und das gilt dann als ein Wert, bei dem auf keinen Fall gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erwarten sind.

IM FOKUS: Das heißt, es wird ein Sicherheitsbereich eingebaut, der aber im Grunde ein Unsicherheitsbereich ist?

Eben: So könnte man es sagen. Grenzwerte sind niemals absolut, sie sind fast immer Festlegungen, die man möglichst in den sicheren Bereich zu legen versucht. Allerdings muss man auch sagen, dass die landwirtschaftliche Praxis die Festsetzung der Grenzwerte beeinflusst. Ein konkretes Beispiel: Bei Glyphosat ist zu beobachten, dass für genau die Nahrungsmittel, die am höchsten mit dem Unkrautvernichtungsmittel belastet sind, zum Beispiel Gerste, bis zu 200-fach höhere Grenzwerte gelten als für Produkte, bei denen Glyphosat nicht so häufig zum Einsatz kommt. Das heißt, statt den Einsatz der Pestizide zu begrenzen, werden einfach die erlaubten Grenzwerte erhöht. Das ist durchaus gängige Praxis und natürlich sehr fragwürdig, weil es wirtschaftlichen Interessen und nicht dem Schutz des Verbrauchers dient.  

IM FOKUS: Was ist mit Wechselwirkungen zwischen mehreren Stoffen?

Eben: Das ist ein großes Thema. Wie mehrere Schadstoffe miteinander reagieren und auf den Körper wirken, ist viel zu wenig erforscht. Grundsätzlich weiß man, dass sich die Wirkung häufig verstärkt. Bei der CVUA-Studie von 2012 wiesen 68 Prozent der Gemüseproben Mehrfachrückstände auf; im Durchschnitt hatte jede Probe 3,4 verschiedene Wirkstoffe. Und da die Wirkstoffe einzeln bewertet werden, gibt es keine Grenzwerte für mehrere Rückstände. Das bedeutet, dass ein Produkt vielleicht die einzelnen Höchstwerte einhält; wenn es aber eine hohe Zahl verschiedener Pestizide enthält, gibt es keine Handhabe, es aus dem Verkehr zu ziehen. Verschärft wird das Ganze dadurch, dass die Zahl der eingesetzten Wirkstoffe zunimmt. So fand das CVUA im Jahr 2009 noch 171 verschiedene Wirkstoffe, im Jahr darauf 187, dann 191 und 2012 bereits 219. Beim Obst hatten 83 Prozent der Proben Mehrfachrückstände, mit durchschnittlich fünf verschiedenen Wirkstoffen.  

IM FOKUS: Wie steht es um die Wirkung auf die Umwelt?

Eben: Chemisch-synthetische Pestizide sind mehrfach schädlich für die Umwelt: Sie schädigen Organismen direkt, und sie wirken sich auf das Nahrungsangebot von Tieren aus. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass Pflanzenschutzmittel über die Nahrungskette indirekt eine der Hauptursachen für den Rückgang bei Vogelarten wie der Feldlerche, der Goldammer oder dem Rebhuhn sind. 

Das Interview führte Martin Rasper

Zur Person

Melanie Eben studierte Ökologie und Naturschutz an der University of East Anglia und dem University College London in Großbritannien. Danach war sie mehrere Jahre in Südamerika in den Bereichen Ökologie und Schutz von Tropenwäldern, Monitoring und Evaluierung und Desertifikationsbekämpfung aktiv. Seit 2010 arbeitet sie als freiberufliche Bildungsreferentin und beschäftigt sich mit Themen des Globalen Lernens. Seit Juni 2013 ist sie außerdem als Referentin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz beim Umweltinstitut München tätig.

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Studie: Pflanzenschutzmittelrückstände in Frischgemüse

Umweltinstitut München