Bio-Gärtner, Staudenfreund und Unternehmer aus Leidenschaft: Dieter Gaißmayer (Foto: Stefan Hartmaier)
25.03.2015
Dieter Gaißmayer

Der Ober-Gärtner

Im schwäbischen Illertissen hat Dieter Gaißmayer in 35 Jahren ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut, das mehr ist als eine Gärtnerei: Vorzeigebetrieb, botanische Sammlung, lebendes Museum, Treffpunkt für Staudenfreunde, kurz: ein Hort der Gartenkultur. Und alles bio. Von Martin Rasper

Wenn Dieter Gaißmayer spricht, kann es schnell mal grundsätzlich werden. Dann geht es plötzlich um gesellschaftliche Verantwortung, zum Beispiel. Oder um Kultur und was das ursprünglich bedeutet. Oder darum, dass den Kindern heutzutage schon im Kindergarten das Denken in Zusammenhängen abgewöhnt werde. Oha, wie kam das jetzt? Es ging doch gerade noch um Stauden. Natürlich. Es geht immer um Stauden, aber es geht immer auch ums Ganze. Gaißmayer kann nicht über Stauden sprechen, ohne über Sortenvielfalt zu sprechen und wie das mit dem Genpool zusammenhängt und mit der Adaptionsfähigkeit im Klimawandel. Oder darüber, wie man im Einklang mit der Natur gärtnert. Oder darüber, wie man mit den Menschen umgeht, die für einen arbeiten.

Das Erstaunliche ist, dass er dabei niemals wie ein Eiferer wirkt, wie ein salbungsvoller Prediger oder ein Weltverbesserer. Nein, der ist entspannt. Blitzende Augen, Lachfältchen (oder kommen die vom Blinzeln gegen die Sonne, draußen im Freien?), kecker Oberlippenbart. Freundliche, verbindliche Art, aber zugleich lässig. Ein Praktiker, ein Macher.

Eine Mischung aus Schaugarten, Verkaufsfläche und grüner Oase: die Gärtnerei Gaißmayer (Foto: Stefan Hartmaier)
Um das, was hier geschieht, richtig einordnen zu können, muss man sich erst mal das Gelände anschauen. Was für ein wildes, üppiges, blühendes, sprießendes, ins Kraut schießendes Durcheinander! Mehrere tausend verschiedene Arten und Sorten von Stauden haben sie hier stehen, ein kreativer Wildwuchs in allen Farben und Formen. Hochaufragende Gräser mit ihrem herben Charme, dichte flache Blütenpolster, elegante Charaktere wie Lilien oder Rittersporn, Fingerhut oder Akelei, die riesigen Königskerzen oder Stockrosen. Sogar Edelweiß steht hier und ist zu kaufen, kann man das glauben? Und dazwischen immer wieder alle möglichen Kunstwerke. Es besteht hier Naturkultur und Kulturnatur in jedem denkbaren Mischungsverhältnis.

Prächtige Schwertlilien im Mutterpflanzenquartier (Foto: Stefan Hartmaier)
Vielleicht aber sollte man jetzt erstmal erklären, was Stauden eigentlich genau sind. Ganz einfach, es ist der Fachausdruck für mehrjährige krautige Pflanzen,die sich meist über unterirdische Ausläufer oder Wurzeln verbreiten. Viele Stauden blühen sehr schön, so dass der Laie sie einfach "Blumen" nennen würde. Schwertlilien, Pfingstrosen, Akelei, Rittersporn, Sonnenhut, Astern, Königskerze, aber auch die winterharten Zwiebelblumen wie Schneeglöckchen, Winterlinge oder Narzissen ebenso wie Salbei, Lavendel und viele andere Kräuter – sie zählen alle zu den Stauden. Und dazu die riesige Gruppe der winterharten Gräser und Farne.

Nicht produzieren, sondern kultivieren

Es sind altbewährte deutsche Worte, mit denen man Gaißmayers Arbeit beschreiben kann: Leidenschaft. Sorgfalt. Handwerk. Wissen. Und ja: Kultur. "Wir sprechen vom Pflanzen-Kultivieren", sagt er, "und nicht vom Produzieren." Das mag für manchen nach Wortklauberei klingen, für Gaißmayer und sein Team ist es wesentlich. Weil es eben alles umfasst. Denn die Pflanzenbranche ist längst genauso spezialisiert wie jede andere. Es gibt Betriebe, die nur Jungpflanzen anziehen und sie dann weiterverkaufen; andere ziehen sie groß; wieder andere kaufen und verkaufen nur. Kaum jemand macht noch alles.

So schön kann Schnittlauch blühen (Foto: Stefan Hartmaier)
Dieter Gaißmayer aber ist genau das wichtig. "Wir ziehen etwa zwei Drittel unserer Pflanzen selber", sagt er. "Und es ist uns wichtig, dass man die Pflanzen sieht. Dass man sieht, wie sie wachsen, wie sie aussehen, wenn sie groß sind, wie sie mit anderen harmonieren." Etwa 3000 verschiedene Arten und Sorten umfasst das Verkaufssortiment der Staudengärtnerei, weit mehr noch wachsen im "Mutterpflanzenquartier", wo ein Teil von ihnen regelmäßig ausgeggraben und geteilt oder über Stecklinge vermehrt wird; ein riesiges Sortiment, das viel Handarbeit erfordert. Sowas geht eigentlich gar nicht mehr; Gaißmayer beweist, dass es doch geht. "Wir gehen unseren eigenen Weg", sagt er.

Die Gärtner sind stolz darauf, die meisten ihrer Pflanzen selbst zu ziehen (Foto: Stefan Hartmaier)
Auch was den Umgang mit den Mitarbeitern angeht; die in der Branche übliche Entlassung eines Großteils der Belegschaft im Winter versucht er möglichst zu vermeiden. Stark saisonal ist das Geschäft natürlich rotzdem, in den drei Monaten März bis Mai wird nahezu die Häfte des Jahresumsatzes erzeugt. "Dann geht es hier rund", sagt er. 40 Mitarbeiter hat der Betrieb,  jedes Jahr werden zwei bis drei Azubis ausgebildet. Und wieviele von den Mitarbeitern kennen nun die 3000 Sorten mit Namen? "Im Prinzip alle", sagt Gaißmayer, "auf deutsch und auf lateinisch." Im Moment suchen sie dringend jemanden fürs Büro, zum Organisieren, Telefonauskunft geben – aber Der- oder Diejenige muss sich eben mit Stauden auskennen. Und zwar richtig. "Fundierte (!) Staudenkenntnisse" seien erforderlich, steht in der Stellenausschreibung. Mit Ausrufezeichen.

Die Laufenten gehören zum lebenden Inventar der Gärtnerei (Foto: Stefan Hartmaier)
Ursprünglich hatte Dieter Gaißmayer mal Drogist gelernt. "An dem Beruf hat mich das Handwerkliche gereizt", erzählt er, "das Anrühren und Mischen, die Kenntnis der Stoffe. Aber so wie sich der Beruf entwickelt und den Bach runtergegangen ist, hat mich das dann nicht mehr interessiert." Zusammen mit einem Freund, der auch unzufrieden im Beruf war ("der war Versicherungsfuzzi"), beschloss er neu durchzustarten; sie studierten Gartenbau in Weihenstephan. "Was mich an den Pflanzen interessiert hat", erzählt Gaißmayer, "war dasselbe wie an der Drogisterei: nämlich, was man mit ihnen anfangen kann."

Eine Webseite, wild wuchernd wie der Garten

Eine Ahnung davon bekommt man, wenn man die Webseite durchstöbert. Die ist die reine Hölle – jedenfalls für Leute, die sich für Pflanzen interessieren und gerne lesen. Man kann Tage drin verbringen. "Staudensortimente", "Staudenschätze", "Kräuter", "Gräser", "Farne", "Blumenzwiebeln", "Gärtnerwissen", überall Hintergrundinfo satt, überall kann man draufklicken, immer geht es noch weiter, plötzlich stößt man auf einen Text von Elke Heidenreich oder von dem Gartenbuchautor Michael Breckwoldt, aha!, andererseits war doch vorhin schon der Punkt "Gartennotizen", wo auch Kolumnen waren... Und dann gibt es, wenn man den Punkt "e-Shop" anklickt, nochmal eine komplette eigene Webseite, wieder mit Hunderten von Unterseiten! Spricht man Dieter Gaißmayer auf die Webseiten an, lobt sie, wird er prompt etwas zerknirscht: "Ja, ich weiß, müssten wir mal überarbeiten..." Aber es ist halt wie in der Natur: Wenn etwas wachsen will, dann wächst es.

So sieht der Künstler den Chef: lebensfroh und am üppigen Busen der Natur (Foto: Stefan Hartmaier)
Jedenfalls ergab es sich nach dem Studium, dass die beiden Freunde die Chance bekamen, eine brachliegende Gärtnerei zu pachten. Es war die ehemalige Krankenhausgärtnerei von Illertissen, außerhalb des Städtchens gelegen, auf der sogenannten Jungviehweide – was ja auch nicht unsympathisch klingt. Mit dem Begriff "Staudengärtnerei" allerdings wussten manche Leute zu Beginn nicht viel anzufangen. Das liegt nicht nur daran, dass viele Leute die einfach als "Blumen" bezeichnen würden, sondern auch daran, dass speziell der Schwabe mit "Stauden" schlicht "Sträucher" meint. "Am Anfang kamen ständig Leute, die wollten Himbeeren und Johannisbeeren kaufen", erzählt Gaißmayer.

Kultur und Natur bilden ein beglückendes Ganzes (Foto: Stefan Hartmaier)
Das hat sich längst geändert; die Gärtner von der Jungviehweide haben ihr Publikum ordentlich erzogen. Nicht nur zwischen Ulm und Oberstdorf weiß inzwischen jeder Pflanzenfreund, was Stauden sind und wo man die am besten kauft; auch darüber hinaus ist die Vielfalt längst zum Markenzeichen geworden: "Das spricht sich rum, dass wir hier Sachen haben, die man sonst nicht kriegt." Wenn die Gärtnerei zur jährlichen "Illertisser Gartenlust" lädt, einer Mischung aus Gartenmesse und Sommerfest, dann berichtet die Lokalpresse staunend von Staudenfreunden, die eigens von Luxemburg oder Tschechien angereist kommen.

Dieses Jahr wird Dieter Gaißmayer 65; er hat schon die Weichen dafür gestellt, den Stab zu übergeben und sich aus dem Alltagsgeschäft zurückzuziehen. "Ich habe das mehrmals beobachtet, wenn einer nicht loslassen konnte", sagt er; "das soll mir nicht passieren." Ein eingearbeitetes Team wird das Ruder übernehmen, bewährte Mitarbeiter darunter, seine Tochter, seine Frau.

Zu tun gibt’s trotzdem genug. Vor einigen Jahren hat er sich noch ein Museum aufgehalst, das "Museum der Gartenkultur", das bereits mehrere vielbeachtete Austellungen zustande gebracht hat; getragen wird es von einer Stiftung, das will alles gemanaged werden, Gelder müssen eingeworben werden, der Betrieb am Laufen gehalten...

So ganz, denkt man, wird Dieter Gaißmayer doch nicht loslassen können. Selbst wenn er wollte.

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