Frühblüher in Hochform: Krokusse im Park (Foto: Jetti Kuhlemann/pixelio.de)
06.03.2014
Frühling

Wenn die Hormone tanzen

Wenn die Natur erwacht, bricht das Leben aus allen Ritzen, als hätte es nur darauf gewartet. Hat es ja auch. Wer jetzt mit offenen Augen durch die Lande geht, kann einiges entdecken. Von Martin Rasper

Frühling! Plötzlich explodieren die Farben im Park. Seen aus Krokussen ergießen sich über den Rasen, umspielen Bäume und Büsche, violett an der einen Stelle, honiggelb an einer anderen, cremeweiß an einer dritten. Anderswo stehen dichte Büschel von Schneeglöckchen und Märzenbechern, leuchten Gruppen von gelben Winterlingen, lugt hier ein schüchternes Veilchen hervor und dort ein stolzer Lerchensporn. Ein Fest der Farben, der Hoffnung, der plötzlichen Üppigkeit.

Der Frühling ist die Zeit des Aufbruchs. Die Natur erwacht - und sie tut das mit einem ordentlichen Spektakel. Plötzlich ist alles anders, nicht nur optisch. Alles fühlt sich leichter an. "Frühling lässt sein blaues Band/wieder flattern durch die Lüfte/süße, wohlbekannte Düfte/ streifen ahnungsvoll das Land... " Kaum jemand hat dieses Gefühl in deutscher Sprache so treffend gefasst wie Eduard Mörike. Und nicht nur bei uns, überall in den gemäßigten Breiten hat der Wechsel der Jahreszeiten seinen Niederschlag in der Kultur gefunden - in Japan etwa, wo die berühmten Haiku-Gedichte den Lauf der Natur widerspiegeln und wo keine Jahreszeit derart gefeiert wird wie der Frühling. "Erster Frühlingstag - als ich heut auf Erde trat, jubelte mein Herz!", lautet ein berühmtes Haiku aus dem 17. Jahrhundert.

Evolutionäre Anpassung

Jauchzen und jubilieren allerorten also. "Die Hormone spielen verrückt", sagt man dazu, wenn die Säfte ins Kraut schießen und die Leute durchzudrehen scheinen vor lauter Lebensfreude und, ja, Frühlingsgefühlen. Dabei spielen die Hormone gar nicht verrückt. Im Gegenteil, sie tun nur ihre Arbeit. Nach dem Winter werden sie wieder aktiv und regen den Organismus an, das zu tun, wozu er da ist: Wachstum, Stoffwechsel, Fortpflanzung.

Denn die Winterruhe, egal ob bei Mensch, Tier oder Pflanze, ist nichts anderes als eine evolutionäre Anpassung an den Wechsel der Jahreszeiten. Wenn es nichts zu fressen gibt, tut man gut daran, die Zeit mit möglichst reduziertem Energieverbrauch zu verdösen. Auch die Pflanzen hatten während des Winters nicht nur die Kälte zu überstehen - sondern vor allem die Zeit des Wassermangels, wenn der gefrorene Boden den Wurzeln einfach nichts hergibt.

Die länger werdenden Tage sind dann das Signal, dass es wieder losgeht. Beim Menschen steigen Blutdruck und Puls, regt das Sonnenlicht die vermehrte Bildung von Vitamin D und vom Glückshormon Serotonin an. Bei den Pflanzen kommen komplizierte Rückkopplungskreisläufe zum Tragen, sogenannte molekulare Uhren, die meist nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren: Unter Einfluss des Sonnenlichts wird ein Molekül gebildet, das nach einer Weile wieder zerfällt - wenn es aber immer weiter gebildet wird, weil die Sonne lange genug scheint, dann setzt es sogenannte Molekülkaskaden in Gang, die die Aktivität bestimmter Gene anregen, die dann dafür sorgen, dass die Pflanze beginnt, Blätter und Blüten auszubilden.

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Duftender Teppich: Blühender Bärlauch im Auwald (Foto: Makrodepecher/pixelio.de)

Wer jetzt schnell in die Gänge kommt, hat den Vorteil, dass noch wenig Konkurrenz da ist. Am besten lässt sich das an den Blumen beobachten, die im Frühling den Waldboden überziehen. Blumen wie das Leberblümchen, das besonders in Wäldern mit altem Baumbestand zu finden ist, ergreifen jetzt ihre Chance und beginnen mit den ersten Sonnenstrahlen aufzublühen. Auch Buschwindröschen und Märzenbecher, Veilchen und Scharbockskraut nutzen die Zeit, in der die Bäume noch kein Laub tragen und das gesamte Licht zum Boden durchdringt. Und wenn in feuchten Waldstücken das strahlende Weiß der Bärlauch-Blüten Hunderte von Quadratmetern füllt, kommt zu dem Augenschmaus noch der betörende Duft hinzu.

Auch an anderen Orten nutzen Pflanzen ihre ökologische Nische. Der Huflattich zum Beispiel, auch ein typischer Frühlingsbote, wächst gerne an lehmigen Hängen, bevorzugt dort, wo in einem der Vorjahre frische Erde aufgeworfen wurde. Auf Baustellen und Schutthügeln, an Böschungen und Wegrändern, gern auch im frischen Kies siedeln sich die Blümchen mit den gelbstrahligen Blüten und den filzigen Stängeln an.

Geschäft auf Gegenseitigkeit

Sobald es wärmer wird, sind auch schon die ersten Insekten unterwegs. Hummeln und viele Arten von Wildbienen beispielsweise sind schon vor den Honigbienen aktiv. Sie sind jetzt auf der Suche nach den ersten Pflanzen, die ihnen Nahrung bieten. Neben den erwähnten Blumen sind dies auch schon die ersten Sträucher, etwa die Kornelkirsche mit ihren kleinen gelben Blüten. Die tierischen und die pflanzlichen Frühlingsboten sind aufeinander angewiesen. Die Pflanzen bieten den Insekten Nahrung, dafür werden sie von ihnen bestäubt. Um bei diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit gleich von Anfang an mitmachen zu können, hat die Kornelkirsche sich auf etwas eingelassen, was die meisten anderen Pflanzen nicht können: ihre Blüten schon vor den Blättern zu entwickeln.

 

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Schlehenbüsche säumen einen Wiesenweg (Foto: Manni66/pixelio.de)
Einer der wichtigsten Teilnehmer an diesem Spiel ist die Schlehe. An Waldrändern und Gehölzstreifen, in Hecken und am Wegrand finden sich jetzt die weißen Blütenwolken der Schlehenbüsche. Sie sind in der freien Natur häufig das auffälligste, weil von weitem sichtbare Frühlingszeichen. An ihren fünfblättrigen Blüten erkennt man, dass sie wie die meisten Obstpflanzen, wie Apfel, Birne, Kirsche, Mandel, Aprikose,  Him-, Brom- und Erdbeere zu den Rosengewächsen gehört - ihr botanischer Name Prunus spinosa (dornige Pflaume) zeigt die enge Verwandtschaft zu den Pflaumen. Fast alle Schmetterlinge, die jetzt schon unterwegs sind, wie Zitronenauge, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge oder Landkärtchen, nutzen die Schlehenblüten als Futterquelle. Und später, im Frühsommer, werden sie an den Unterseiten der Blätter ihre Eier ablegen.   Ein anderer auffälliger Frühblüher allerdings trägt zum ökologischen Aufbruch in der Natur gar nichts bei: die Forsythie. So schön die strahlend gelben, vor allem in Parks und Gärten anzutreffenden Sträucher auch sind - sie nützen nur uns Menschen. Insekten finden in ihren auf Schönheit gezüchteten Blüten keine Nahrung.

Alle Vögel sind schon da - kein Wunder

Auch die Vögel hört man jetzt jeden Morgen flöten und tirilieren. Vor allem solche, die früher als reine Zugvögel galten, etwa die Amsel. Sie bleibt, statt mühsam nach Afrika zu fliegen, immer häufiger im nahen Europa oder gleich in Deutschland - und hat dann den Vorteil, die besten Brutreviere schon besetzen zu können, bevor die Rückkehrer ankommen. "Alle Vögel sind schon da - kein Wunder, sie waren gar nicht weg", so müsste man eigentlich das alte Kinderlied aktualisieren.

Ein Verlierer dieser Entwicklung ist der Kuckuck. Er kommt immer häufiger zu spät, um seine Eier unerkannt ins Nest anderer Vögel zu schmuggeln, denn oft sind deren Jungvögel dann schon geschlüpft. Mit ein Grund, warum der Kuckucksruf in unseren Wäldern nicht mehr so oft zu hören ist wie früher. Auch die Stimme der Lerche, einst einer der klassischen Frühlingsboten schlechthin, erklingt lange nicht mehr so häufig. Die Natur ist eben im ständigen Wandel begriffen - besonders wenn der Mensch sich einmischt. In den Städten, so haben Wissenschaftler herausgefunden, brüten die Vögel nicht nur früher, sie müssen auch lauter singen, um den allgemeinen Lärm zu übertönen. Was uns Menschen erfreut, bedeutet für die Tiere Stress.

An einem schönen Frühlingstag aber sollte man solche Gedanken auch mal beiseite lassen. Und sich den Luxus leisten, sich einfach mal als Teil der Natur zu fühlen.

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