Beim Zichorien-Projekt von Kultursaat werden neue Salatsorten gezüchtet (Foto: Kultursaat e.V.)
28.01.2015
Michael Fleck im Interview

"Das Saatgut ist die zentrale Frage der Zukunft"

Michael Fleck ist Geschäftsführer des Kultursaat e.V., dessen Mitglieder ökologisches Saatgut erzeugen und neue Sorten züchten. Er erklärt, wie sie den Saatgut-Multis Paroli zu bieten versuchen.

IM FOKUS: Herr Fleck, es heißt, auch Biobauern verwenden teilweise konventionell erzeugtes Saatgut, weil es gar nicht genügend Bio-Saatgut gebe. Stimmt das?

Fleck: Im Prinzip ja. Die EU-Bioverordnung schreibt vor, dass biologisch erzeugtes Saatgut verwendet werden muss, wenn es von dieser Sorte verfügbar ist. Wenn es aber nachweislich keines gibt, kann man auch keines verwenden, und der Anbau darf dann mit konventionell gewonnenem Saatgut erfolgen.

IM FOKUS: Gibt es da Unterschiede zwischen den einzelnen Kulturen?

Fleck: Ja, bei Getreide beispielsweise ist die Versorgung mit Bio-Saatgut - die Marktdurchdringung, wie wir sagen - sehr gut; bei Gemüse dagegen gibt es noch sehr große Lücken.

IM FOKUS: Woran liegt das?

Fleck: Bei Getreide ist das Saatgut verhältnismäßig einfach zu erzeugen; das Samenkorn kann ja gleichermaßen zum Brotbacken verwendet oder wieder ausgesät werden. Viele Gemüsepflanzen dagegen bilden die Samen erst später aus, oft sogar, wie bei Möhren und Kohl, erst im zweiten Jahr. Das macht es aufwändig, Saatgut zu erzeugen, zumal die Pflanzen im zweiten Jahr weniger widerstandsfähig sind und mühsam gegen Pilze, Läuse und Krankheiten geschützt werden müssen.

Zur Person

Michael Fleck
Michael Fleck, Jahrgang 1970, studierte Ökologische Agrarwissenschaften an der Universität Kassel in Witzenhausen und beschäftigte sich als wissenschaftler Mitarbeiter mit Fragen der Qualität von Ökomöhren. Seit 2006 ist er Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Kultursaat, der die frei finanzierte biologisch-dynamische Gemüsezüchtung im deutschsprachigen Raum koordiniert.

IM FOKUS: Welche Rolle spielt dabei die Monopolisierung auf dem Saatgutmarkt?

Fleck: Die ist Teil des Problems. Der Saatgutmarkt wird immer stärker von wenigen internationalen Konzernen kontrolliert. Das ist eine Entwicklung, die bereits seit den siebziger Jahren läuft, aber ungebremst anhält. Dazu kommt, dass die herkömmliche Pflanzenzüchtung fast ausschließlich Hybridsorten hervorbringt, also Sorten, die immer wieder als "Einmalkreuzungen" aus Inzuchtlinien erzeugt werden, die aber im Nachbau nicht stabil sind, eben nicht samenfest. Viele Züchtungsschritte finden deshalb nicht mehr auf dem Acker, sondern im Labor statt. Und die Saatguterzeugung ist schon lange in Billiglohnländer ausgelagert, wo andere Klimaverhältnisse herrschen als hier, wo dann der sogenannte Konsumanbau stattfindet. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass die kleinen und mittelständischen Züchtungsunternehmen nur noch einen Bruchteil des Marktes ausmachen.

IM FOKUS: Ab wann wird denn ein Samen als Biosaatgut bezeichnet? Wie eine Pflanze angebaut wird, das hat ja vielerlei Auswirkungen auf den Organismus, auch auf den Samen, streng genommen sogar über Generationen hinweg.

Fleck: Im Prinzip haben Sie Recht - und sehr strenge Biobauern sehen das auch so. Juristisch wurde aber die Grenze bei der Elterngeneration gezogen. Das heißt, wenn die Pflanzen, von denen das Pflanz- oder Saatgut gewonnen wird, unter Verhältnissen des Bioanbaus kultiviert worden sind, dann gilt das daraus hervorgehende Saatgut als bio.

IM FOKUS: Auch wenn es Hybride sind?

Fleck: Ja. 

IM FOKUS: Klingt irgendwie unlogisch.

Fleck: Es ist ein Kompromiss, mit dem wir im Moment leben müssen. Deshalb streben wir ja an, möglichst für alle Kulturen Zuchtlinien und dann auch samenfeste Sorten zu entwickeln, die konsequent ökologisch sind.

Blumenkohlzüchter bei der Bonitur, der Begutachtung im Feld (Foto: Kultursaat e.V.)
IM FOKUS: Spielt denn die "klassische" Züchtung, also der Anbau der Pflanze und die Auslese nach gewünschten Merkmalen, überhaupt noch eine Rolle?

Fleck: Bei uns ja, das ist ja gerade unser züchterischer Ansatz; im konventionellen Bereich aber kaum noch. Dort werden immer raffiniertere Labormethoden entwickelt, und dabei ist zunehmend Gentechnik im Spiel. Das wird auch für den Verbraucher immer schwieriger zu durchschauen. Es gibt zum Beispiel immer mehr gentechnische Verfahren, aber die damit entwickelten Produkte fallen zum Teil nicht unter die gängige gesetzliche Definition für gentechnische Veränderung.  

IM FOKUS: Wie das?

Fleck: Zum Beispiel die sogenannte Cis-Genetik. Das ist ein Begriff, den man etabliert hat, um zu suggerieren, dass es ein quasi "naturnaher" Eingriff ist, weil er diesseits der Artgrenzen bleibt und keine transgenen Organismen entstehen. Da wird zum Beispiel ein bestimmtes Gen von einer Wildform ins Erbgut der Kulturform, beispielsweise des Apfels, eingebracht. Wenn dann die gewünschte Veränderung hervorgebracht wird, sagen die Befürworter: "Das ist kein transgener Organismus, der enthält ja keine fremden Gene!" Das stimmt im Prinzip auch, aber das Verfahren und das zugrundeliegende Baukasten-Denken entsprechen genau der klassischen Gentechnik, die in den letzten Jahren immer trickreicher und gezielter weiter entwickelt wurde.

IM FOKUS: Wie versuchen Sie dieser Entwicklung gegenzusteuern?

Fleck: Wir haben ein Netzwerk von Menschen und Betrieben aufgebaut, die ökologisches Gemüsesaatgut erzeugen, bewährte alte Sorten erhalten und neue Sorten züchten. Alles samenfest und komplett unter Ökolandbau-Verhältnissen.

IM FOKUS: Sind das Amateure oder Profis?

Fleck: Das sind alles Erwerbsanbauer, allerdings mit viel Idealismus. Das sind Praktiker mit langjähriger Erfahrung im Öko-Anbau, die begriffen haben, dass Saatgut und Sorten die zentralen Frage bei der Ernährung der Zukunft sind. Besonders wichtig ist uns, dass alles on-farm stattfindet, also nicht im Labor, sondern auf dem Acker, eingebettet in die real existierende ökologische Anbaupraxis. Deshalb wehren wir uns auch vehement gegen diese Tendenzen, die von den Konzernen propagiert werden und sich im jüngsten Entwurf der EU-Kommission zur Saatgutgesetzgebung schon wiederfanden, nämlich den Anbau und die Saatguterzeugung strikt zu trennen. Für uns gehört das zusammen.  

IM FOKUS: Das heißt, Kultursaat unterstützt Gemüsebauern dabei, ökologisches Saatgut zu erzeugen und neue Sorten zu entwickeln?

Fleck: Genau. Wir unterstützen sie zum einen finanziell, damit sie neben dem Erwerbsanbau züchterisch arbeiten können. Und wir stellen den Rahmen für den gegenseitigen fachlichen Austausch in jährlichen übergeordnete Klausurtreffen wie auch in Fachgruppen: Wissen und Erfahrungen zu tauschen und weiterzugeben, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Züchter berichten gegenseitig von ihren Erfahrungen, tauschen Material zum Probeanbau, treffen sich, diskutieren die Probleme.  

IM FOKUS: Wie viele Mitglieder haben Sie?

Fleck: Der Kultursaat e.V. hat derzeit rund 300 Mitglieder, das sind sowohl Betriebe und Organisationen als auch Einzelpersonen. Die meisten sind Fördermitglieder, und rund zwei Dutzend sind Züchter, die in der aktiven Sortenerhaltung und -entwicklung tätig sind.  

IM FOKUS: An welchen Sorten wird denn am intensivsten gearbeitet?

Fleck: Im Prinzip an allen. Großer Nachholbedarf herrscht zum Beispiel beim Kohl, weil hier Hybridzüchtung und Hybridsorten schon sehr lange etabliert sind. Das betrifft alle Kohlarten, von Blumenkohl und Brokkoli über Chinakohl, Kohlrabi, Rosenkohl bis zum Wirsing, das sind schwierige Kulturen, da gibt es kaum samenfeste Sorten. Das Ziel ist, bei allen Kulturen eine Versorgung mit Sorten aus ökologischer Züchtung zu erreichen. Denn das wird die entscheidende Frage zur Zukunft unserer Ernährung sein. Wer die Kontrolle über das Saatgut hat, der bestimmt, was die Menschheit zu essen bekommt.

Die Fragen stellte Martin Rasper 

 

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