Tanja Dworschak produziert mit ihrer Firma jährlich 4 Millionen Pflanzen (Foto: topfkraeuter.de)
05.11.2014
Tanja Dworschak

Das Kräuterweib

Tanja Dworschak leitet einen High-Tech-Betrieb, der jährlich drei Millionen Pflanzen produziert. Sie ist der Beweis, dass biologischer Anbau und modernste Technik sich nicht ausschließen müssen. Von Martin Rasper

Die Frau hat Power! Wenn Tanja Dworschak durchs Gewächshaus wirbelt, hier ein Lüftungssystem erklärt, da ein paar Hintergrundfakten runterrattert, dort fünf verschiedene Basilikumssorten zeigt, dann kann einem fast schwindlig werden vor soviel geballter Lebens- - oder muss man sagen: Unternehmensfreude? Die vibrierende Energie der Chefin scheint einer der Hauptgründe zu sein, warum der Laden so floriert und seiner Inhaberin regelmäßig Titel einbringt wie "Bäuerin als Unternehmerin des Jahres" oder "Bio-Unternehmen des Jahres" oder eine Auszeichnung beim "Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau". Mit der Power allein allerdings wäre es wohl nicht getan; es kommt schon noch etwas ganz Wesentliches, Altmodisches hinzu: Familientradition, handwerkliches Können und Liebe zu den Pflanzen.

Die Liebe zu den Pflanzen ist für Tanja Dworschak die Grundlage von allem (Foto: topfkraeuter.de)
Gerade letzteres wirkt vielleicht überraschend, wenn man die riesigen Gewächshäuser sieht mit ihrer hochmodernen Technik; aber es scheint tatsächlich so zu sein. Und wenn man hört, wie Tanja Dworschak erzählt - und es vormacht - , wie sie mit den Pflanzen spricht, dann hat das überhaupt nichts Esoterisches, sondern es wirkt im Gegenteil sehr pragmatisch: "Wenn ich mit jemand sprech', dann schau ich ihn ja an. Und wenn ich also mit der Pflanze sprech' und sag 'Guten Morgen', und sie dabei anschau, dann seh ich, aha, da is a Fraßstelle, und da is a Blattlaus, also da seh ich, wie‘s der Pflanze geht."

Von Alant bis Zitronenverbene

Jedenfalls muss es diese Kombination aus Grünem Daumen, Geschäftstüchtigkeit und Pragmatismus gewesen sein, die den Betrieb zu einem der größten in der Branche gemacht hat: rund drei Millionen Kräuterpflanzen in Töpfen, alle bio, verlassen jedes Jahr den Betrieb. Mehr als die Hälfte davon ist Basilikum, ein Viertel sind Schnittlauch und Petersilie, die drei sind die Umsatzbringer, die gehen vor allem in Richtung von Großabnehmern wie Rewe, tegut und dennree. Alles andere ist der Rest. Aber der Rest ist das Interessante - und "das, was uns von anderen unterscheidet", sagt Tanja Dworschak. Bis zu 240 verschiedenen Kräutern haben sie im Angebot, von Alant bis Zitronenverbene, von Ananassalbei bis Zimtbasilikum, überhaupt immer zehn bis dreißig verschiedene Sorten Basilikum, drei Dutzend Minzen. Was für eine unglaubliche Vielfalt in dem vermeintlich simplen Thema "Kräuter" steckt! Sagenhaft.

Das Kräutergut, wie der Betrieb heißt, liegt in dem Dorf Kraftshof, das zwar zu Nürnberg gehört, aber mitten im Knoblauchsland liegt, wie sich die fruchtbare Ebene zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen nennt, traditionell der Gemüsegarten der Frankenmetropole. Wenn man dort durchfährt, sieht man auch heute noch sehr viele Gemüsefelder. Obwohl, wie Tanja Dworschak mit ihrem unnachahmlich schnoffigen Humor erklärt: "Wenn einer wirklich versucht, von dem Land zu leben wie wir, ist er ja schon fast ein Exot - die beliebteste Fruchtfolge hier ist Kartoffel-Kiesgrube-Baugrube."

Bioanbau und Automatisierung schließen sich nicht aus (Foto: topfkraeuter.de)
Aber die Familie von Tanja Dworschak lebt jetzt schon in vierter Generation von dem, was das Land hervorbringt. Seit 1928 betrieb die Uroma hier Ackerbau und Viehzucht; nach dem Krieg kam ein Schwiegersohn aus Südmähren ("der hat diesen typisch fränkischen Namen hierher gebracht") und konzentrierte sich auf den Gemüseanbau. Der mährische Großvater war es vielleicht auch, der das Unternehmer-Gen in die Familie gebracht hat. "Wir haben immer frühzeitig investiert", erzählt Tanja Dworschak. "In den achtziger Jahren hatten wir fünfeinhalb Hektar unter Glas, das war damals eines der größten Gewächshäuser in Deutschland."

"Ohne Gift ist halt auch gesünder"

Anfang der neunziger Jahre nochmal ein Schwenk, jetzt die Konzentration auf Topfkräuter. "So Sachen wie Schnittlauch und Petersilie, das war hier Tradition", erzählt Tanja Dworschak, "aber wir haben damals auch mit Basilikum angefangen, das war total exotisch, das kannte kein Mensch." Dazu kam die Entscheidung, auf biologischen Anbau umzustellen. "Wir haben erstmal ein Jahr biologisch produziert, ohne es zu deklarieren, um zu sehen, ob es funktioniert" – und als es funktionierte, ließen sie sich 1996 von Bioland aufnehmen und zertifizieren. "Die Umstellung auf Bio war die beste Entscheidung", sagt sie – mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sie keine Angst haben musste, wenn ihre drei Söhne im Gewächshaus rumliefen und mal was Falsches in die Finger kriegten; "ohne Gift zu arbeiten, ist halt in jeder Hinsicht gesünder."

Die Doppelstockanlage ist das Herz des Anzuchthauses (Foto: topfkraeuter.de)
Trotzdem ist der Betrieb ohne moderne Technik nicht denkbar. "Technik und Bio, das ist doch kein Widerspruch", sagt Tanja Dworschak. Herzstück des Betriebs ist die Doppelstockanlage, die Vater Dworschak selbst geplant und gebaut hat. Nach einem ausgeklügelten System werden die Anzuchttöpfe beleuchtet, gewässert, gedüngt und bei der richtigen Temperatur gehalten, und jeder kleinste Parameter wird automatisch dokumentiert. "Der Computer registriert alles", sagt Tanja Dworschak begeistert, "wann welcher Samen reinkommt von welcher Sorte, wann wie gewässert wird, gedüngt, wann welche Nützlinge dazukommen - der Computer vergisst nichts, und wenn am Ende die Charge die Halle verlässt, hat jede Charge ein Etikett, auf dem sich genau ablesen lässt, was alles mit den Pflanzen gemacht worden ist."

Zufrieden zurücklehnen aber kann sie sich nicht. Es geht ja immer weiter, auch so ein Vorzeigebetrieb muss sich immer wieder neu erfinden. "Der Betrieb ist jetzt im wesentlichen 18 Jahre alt", sagt sie, trotz aller Isolierung und intelligenten Ressourcennutzung sind die Energiekosten zu hoch geworden. Immer wieder mussten auch private Krisen gemeistert werden, die Trennung der Eltern, als der Betrieb sich ganz neu aufstellen musste, die eigene Trennung vom ersten Mann, mit dem sie drei Söhne hat. Tanja Dworschak hat noch immer die Balance hingekriegt, mit Power und mit Herz.

Eines ist ihr dann aber noch ganz wichtig zu betonen - die Bedeutung der Mitarbeiter. Von den rund 35 Mitarbeitern sind vier Schwerbehinderte, dazu kommen regelmäßig behinderte Praktikanten, die in enger Abstimmung mit Integrations- und Förderstellen betreut werden. Dass so etwas funktioniert, dass Behinderte und Nichtbehinderte zusammenarbeiten können und am Ende ein wettbewerbsfähiger Betrieb rauskommt, das erfüllt sie immer wieder mit Stolz und Freude. Wobei sie es ein wenig anderes ausdrückt: "Mir ham a subber Trubbe", sagt sie. Und obwohl man als Journalist eigentlich keinen Dialekt nachahmen soll - dieser Satz verträgt kein Hochdeutsch, der klingt in dem dynamischen Fränkisch der Tanja Dworschak einfach am schönsten.

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Kräuter aus dem Knoblauchsland: Das Kräutergut

Überblick zu Geschichte und Entwicklung des Biolandbaus vom Bundesministerium für Ernährung