Bei den Tieren fühlt er sich wohl: Sascha Gelindemann arbeitet auf dem heilpädagogischen Hof Isenbüttel (Foto: Magdalena Fröhlich)
03.06.2015
Biohof und Behindertenwerkstätte

"Das ist ein Job, keine Beschäftigungstherapie"

Behindertenbonus? So ein Quatsch. Kein Mensch kauft eine Wurst wegen des Down-Syndroms des Metzgers. Sondern weil sie schmeckt. Das sagt Roland Bursian, Geschäftsführer auf dem Hof Isenbüttel. Dort leben und arbeiten seit über 15 Jahren Menschen mit geistiger Behinderung. Das klappt ziemlich gut. Von Magdalena Fröhlich

inklusiver Hof
Gunter beim Ausladen der Marktkisten (Foto: Magdalena Fröhlich)
Gunter ist 50 Jahre alt und kann sich weder die Schuhe binden noch den Reißverschluss an seiner Jacke öffnen. Das klingt ziemlich krass, ist aber kein Problem, wenn er meist mittwochs auf dem Markt in Gifhorn steht und Eier, Fleisch, Gemüse und andere Lebensmittel verkauft. Gunter plaudert nämlich gern. Er erzählt einfach drauflos: Dass auf dem heilpädagogischen Biolandhof Isenbüttel die Schweine draußen sein dürfen, dass sie hier sogar einen Eber haben, dass es erst vor ein paar Wochen einen neuen Wurf Ferkel gab. Oder dass sie drei Eimer Kartoffeln und einen Eimer Schrot bekommen. Wasser bräuchten sie nicht, da gebe es eine Tränke im Auslauf. Und wenn man wissen will, wie viele Schweine sie auf dem Hof pro Jahr vermarkten, dann zeigt er auf einen Kollegen. Der weiß das. Oder der Landwirtschaftsmeister Bonifatius Huizinga. Gemeinsam mit der Agrarwissenschaftlerin Susanne Dreyer kümmert er sich um die Pflanzen und Tiere auf dem Hof. Die beiden haben 23 Mitarbeiter, von denen immer zehn bis zwölf gleichzeitig im Stall und auf dem Acker helfen. Die anderen arbeiten entweder im Hofcafé, Hofladen, oder im Haushalt. Sie alle sind geistig behindert.

Über den Hof

  • Auf dem Hof wohnen 16 Menschen mit geistiger Behinderung in mehreren Wohngruppen.

  • Sie können auf dem Hof auch ihre Freizeit gestalten: Vom Reiten bis zum gemeinsamen Schwimmbadbesuch - das hat einigen schon zu vielen Erfolgen bei den Special Olympics verholfen.

  • 23 Menschen mit Behinderung gibt der Hof einen Arbeitsplatz.

  • Die Arbeitsbereiche sind unterschiedlich: Landwirtschaft, Hofladen, Hofcafé, Wurstverarbeitung, Haushalt. Jeder Mitarbeiter muss in einem regelmäßigen Turnus die Bereiche durchlaufen. Ziel: Die Arbeit der anderen wertzuschätzen, neue Fähigkeiten erlernen.

  • Laut Gesetz haben erwachsene Menschen Anspruch auf einen Werkstattplatz, die wegen der Art oder Schwere ihrer Behinderung keine betriebliche Berufsausbildung und keine übliche Erwerbsarbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen. Infos: www.bagwfbm.de

"Zwei Dinge braucht man im Umgang mit Mitarbeitern: Menschlichkeit und klare Ansagen", so Huizinga. "Eine pädagogische Zusatzausbildung nicht unbedingt." Diese hat Kollegin Dreyer zwar, aber: "Eine Tomate muss trotzdem nicht anders gepflegt werden, und auch den Tieren ist ziemlich egal, wer sich um sie kümmert. Hauptsache, es gibt Futter." Wie das geht, das müsse man den Mitarbeitern halt genau erklären. "Einige der Bewohner können zum Beispiel nicht mit Mengenangaben umgehen. Das funktioniert nicht, wenn man ihnen sagt, die Hühner brauchen zehn Kilo Getreide", erklärt Geschäftsführer Roland Bursian. "Deshalb haben wir Eimer mit verschiedenen Farben. Wenn jemand sagt: Die Hühner brauchen einen blauen Eimer voll davon und die Gänse einen gelben davon, dann klappt das." Weil die Tiere Platz haben und draußen sind, seien sie viel entspannter. Fällt etwa die Mistgabel um, geraten die Hühner nicht gleich in Panik.

Falls ein Mitarbeiter einmal nicht mehr wissen sollte, wie etwas funktioniert, kann er auf Bildkarten nachschauen. Dort ist jeder Arbeitsschritt mit einem Foto haarklein erklärt. "Man kann nicht einfach sagen: Kannst du den Pferden bitte mal Heu geben?", sagt Dreyer. "Wenn man aber sagt: Gib den Pferden bitte Heu, und mach vorher die Bänder ab, und lockere dann das Heu etwas auf, damit es nicht so zusammengepresst ist, machen das unsere Mitarbeiter sehr sorgfältig."

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Bei der Arbeit ist nicht immer ein Betreuer dabei (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das klingt nach ziemlich viel Aufwand und wirtschaftlich kaum rentabel. Der Hof schreibt trotzdem schwarze Zahlen und verlangt für seine Lebensmittel nicht mehr als andere Bauern auch. Die Mitarbeiter bekommen wie in jeder anderen der bundesweit über 700 Behindertenwerkstätten auch ein Gehalt. Der Hof ist wie bundesweit rund 30 weitere als solche registriert. Für jeden der Bewohner gibt es von der Sozialkasse einen Betreuungssatz. Je nach Grad der Behinderung, beispielsweise ob jemand Hilfe bei der Körperhygiene braucht, fällt dieser unterschiedlich aus. Dazu kommt noch Geld für Essen und Unterkunft von der Sozialkasse. Dieser Anteil sowie jener für pädagogische Mitarbeiter ist somit gedeckt. Stall- und Futterkosten für die Tiere und alles, was sonst noch zur Landwirtschaft dazugehört, muss der Hof genau wie jeder andere Betrieb selbst erwirtschaften.

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Geworben wird mit Bio und Regionalität (Foto: Magdalena Fröhlich)
Wenn man Bursian fragt, ob das ein Vermarktungsvorteil sei, dass etwa die Wurst von Menschen mit Autismus oder Down-Syndrom hergestellt worden ist, dann schüttelt er nur mit den Kopf und sagt: "Wir können ja nicht zu den Kunden sagen. Oh, heute sind die Wiener ganz schön versalzen, aber bei uns arbeiten Menschen mit Behinderung, dann wäre das sowohl gegenüber unseren Mitarbeitern als auch gegenüber den Kunden unfair." Deswegen müsse die Qualität immer stimmen. "Das macht man vielleicht ein paar Mal, etwas aus Solidarität zu kaufen - aber Sie essen doch nicht wöchentlich eine Wurst, die nicht schmeckt." Deshalb wird auch bei der Kontrolle kein Auge zugedrückt - im Gegenteil. Neben der Bio-Kontrolle fällt außerdem noch die der Behindertenwerkstätten und der Heimaufsicht an.

Es braucht nicht für alles einen Betreuer

Beim Gemüse, Getreide, den Schweinen, Hühnern oder Gänsen - überall arbeiten die Bewohner des Hofes mit. Das macht deutlich: Die beiden Landwirte können gar nicht überall sein. Das gilt auch für den Hofladen, das -café und die Wurstverarbeitung. "Der Chef sitzt im Büro ja auch nicht ständig neben den Mitarbeitern", sagt Huizinga. "Das muss bei uns auch von alleine laufen."

Die Wurst muss schmecken, egal wer sie hergestellt hat (Foto: Magdalena Fröhlich)
Tut es meistens auch. Viele Arbeiten machen die Bewohner selbstständig, nur ab und an schauen Huizinga und Dreyer nach, ob alles klappt. "Das ist ein Job und keine reine Beschäftigungstherapie", sagt Bursian, "nur so fühlen sich die Mitarbeiter auch in ihren Fähigkeiten gestärkt. Das Besondere bei uns ist, dass sie den ganzen Kreislauf sehen - und am Ende auf das Ergebnis stolz sein können. Weil jeder genau weiß: Wenn ich mich nicht ordentlich um das Gemüse kümmere, gibt es am Ende  eine schlechte Ernte. Deshalb nimmt jeder seine Aufgaben sehr ernst und schätzt auch die der anderen wert."

So wie Sascha. Es ist 16 Uhr und er schaut schon etwas nervös auf die Uhr. Die Hühner müssen rein, zur Zeit geht der Fuchs um. Und dann ist auch schon bald Feierabend, Fußball-Zeit. Als Freiwilliger arbeitet er beim Fanclub des VfL Wolfsburg und verteilt im Stadion die Fanzeitschrift. Ohne Betreuer. "Manche Sachen kann ich alleine, andere nicht", sagt er. "Aber es klappt immer mehr alleine." Sascha ist kürzlich ausgezogen. Er wohnt nun mit zwei anderen in einer WG im Nachbarort.

Sascha, Gunter und ein weiterer Kollege beim Feierabendplausch (Foto: Magdalena Fröhlich)

 

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Website des Hofes Isenbüttel: www.der-hof-isenbuettel.de

Übersicht von Bauernhöfen, die als Tageseinrichtung und Werkstatt für Menschen mit Behinderung registriert sind: www.soziale-landwirtschaft.de

Netzwerk Arbeitsfeld Landwirtschaft mit allen - für Menschen mit und ohne Behinderung: www.netzwerk-alma.de