Im Biolandbau ist Gentechnik verboten: Es gibt aber noch viele andere Regeln, sie stehen in der EU-Öko-Verordnung. (Foto: Bioland)
26.03.2014
EU-Öko-Verordnung

Das Grundgesetz der Bio-Branche

Franz Aunkofer war schon Biobauer, bevor es überhaupt Bio gab. Denn erst seit 25 Jahren gibt es Gesetze für Bio. Und erst seit 1999 beschreibt ein Gesetz, was ein Bio-Tier ist, Bio-Wein gibt es sogar erst seit zwei Jahren. Wieso braucht man überhaupt Regeln für Bio? Von Magdalena Fröhlich

Für Franz Aunkofer war es 1980 eine klare Sache: Irgendetwas läuft schief, wenn ständig Pestizide, die erst als Wundermittel verkauft wurden, plötzlich verboten wurden. "Sie waren offensichtlich doch nicht so harmlos, wie man dachte", erzählt er. "Und es kann doch nicht normal sein, dass wir uns darüber beschweren, dass es so teuer ist, ständig tiefere Brunnen graben zu müssen und dann am nächsten Tag aufs Feld zu fahren, wo wir genau diese Pestizide ausfahren, die unser Trinkwasser verseuchen." Deshalb beschloss der Bauer aus Kelheim in Niederbayern: Da machen wir nicht mehr mit. Die Tiere bekamen Auslauf statt Antibiotika, und auf den Feldern war Chemie tabu. Bauer Aunkofer wurde Biobauer und schloss sich der Fördergemeinschaft für ökologischen Landbau an, woraus später der ökologischen Anbauverband Bioland wurde. Fortan bestellte er nach dessen Richtlinien die Felder und kümmerte sich nach diesen Regeln um seine Tiere. Staatliche Gesetze gab es noch nicht, die kamen erst 1991. "Weil ja noch kaum jemand was von Bio gehört hat, war es gar nicht so leicht, die Lebensmittel zu höheren Preisen, zu Bio-Preisen eben, zu verkaufen. Deshalb habe ich meinen eigenen Hofladen eröffnet. Es gab ja noch gar keine anderen Vermarktungswege.“

Und dann gab es ja auch noch die, die sagten, sie machen bio, es aber gar nicht taten. "Es gab schlichtweg keine Gesetzgebung, die definierte, was bio ist und was nicht", sagt Bernward Geier, der von 1987 bis 2005 Direktor der IFOAM war, dem Dachverband der Bio-Verbände. "Wenn es keinen staatlichen Schutz gibt, kann man auch schlecht gegen Betrug vorgehen. Das ist dann ein unfairer Wettbewerb gegenüber jenen, die tatsächlich auf Pestizide verzichten und umweltschonend wirtschaften", so Geier. "Gerade als in den achtziger Jahren Bio verstärkt Einzug in Supermärkte hielt, fragten sich die Leute: Kann man dem wirklich trauen?", erinnert er sich. Also mussten staatliche Regeln her - zum Schutz der Bauern und zum Schutz der Verbraucher. Da traf es sich gut, dass gerade in Frankreich ein paar EU-Vertreter kurz vor der Pension standen und noch einmal "etwas Gutes tun" wollten, wie es Geier formuliert. "Diese gaben im Austausch mit den Biobauern den Anstoß für eine EU-weite Gesetzgebung."

Was regelt die EU-Öko-Verordnung?

In der EU-Öko-Verordnung wird definiert, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse, die als Öko- oder Bio-Produkte gekennzeichnet sind, erzeugt und hergestellt werden müssen. Die wichtigsten Punkte dabei sind:

  • Keine chemisch-synthetischen Pestizide

  • Keine synthetischen Kunstdünger

  • Keine Verwendung gentechnisch veränderter Organismen

  • Mehrgliedrige Fruchtfolgen (keine Monokulturen)

  • Mehr Platz im Stall, Auslauf und Tageslicht für Tiere

  • Weniger Zusatzstoffe (49 statt 316)

  • Ein Bio-Produkt muss zu 95% aus Zutaten aus ökologischem Anbau bestehen

Zur EU-Öko-Verordnung: www.bmelv.de

1991 war es dann so weit: Das Grundgesetz der Bio-Branche, die erste EU-Öko-Verordnung war beschlossen. Das heißt: Ab diesem Zeitpunkt war geregelt, was ein Bio-Produkt ist. Vorher gab es nur die privaten Standards der ökologischen Anbauverbände, also etwa die Richtlinien von Bioland, Demeter und Naturland. 

Die erste EU-Öko-Verordnung bezog sich aber erst einmal nur auf pflanzliche Produkte. Die Kartoffeln, Äpfel und Beeren von Bauer Gruel waren fortan also bio. Seine Kühe noch nicht. 1999 kamen auch die Tiere mit in die EU-Öko-Verordnung. "Damals war es auch noch nicht so, dass die Hähnchen um die Welt geflogen wurden. Genau wie der konventionelle Bereich wurde auch der Bio-Sektor zunehmend globalisierter. Es war ja zum Beispiel auch noch nicht normal, dass es ständig Ananas bei uns zu kaufen gibt", so Geier. Deshalb hat man sich auch erst später um den Import von Bio-Lebensmitteln gekümmert, die nicht aus der EU kommen.

Manche Produkte wurden besonders spät ins "Grundgesetz" aufgenommen: Bio-Fisch gibt es erst seit sechs und Bio-Wein sogar erst seit zwei Jahren. Wieso also hat das alles so lange gedauert? Geier nennt zwei Gründe: Der eine ist die Marktentwicklung, der andere die unterschiedliche Art von Landwirtschaft in den einzelnen Ländern - da dauert es, bis man einen Kompromiss gefunden hat. "Dieser Kompromiss ist der Standard - wenn man den nicht einhält, dann ist es auch kein Bio-Produkt und darf auch kein Bio-Siegel tragen", erklärt der Bio-Experte. Wer Bio will, muss also nur auf das Blatt aus Sternchen oder das Rechteck mit dem Schriftzug "Bio" in der Mitte achten. Eigentlich eine praktische Sache - ein Zeichen, und alles ist klar: Auslauf für Tiere, Futter vor der Haustür und keine Pestizide.

Tiere wurden erst 1999 in die EU-Öko-Verordnung aufgenommen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ganz so klar ist es dann aber doch nicht: Auch Bio-Lebensmittel sind nicht immer frei von Pestiziden, und nicht alle Kühe stehen immer auf der Weide. Und ja: Das Futter kommt schon mal per Schiffscontainer. Ist also alles Schwindel? "Nein", sagt Geier. "Wir brauchen einen Standard, der sich an die unterschiedlichen geografischen und klimatischen Bedingungen anpassen lässt." Dafür nennt er ein Beispiel: Wenn eine Kuh in einer Gebirgsregion lebt, dann könne sie nun mal nicht das ganze Jahr über im Schnee auf dem Berg stehen. Und wenn Schnee liegt, dann gebe es eben auch kein frisches Gras. Lebt die Kuh aber in Südeuropa, dann muss sichergestellt werden, dass sie genug Schatten und Wasser hat. "Der gemeinsame Konsens ist also: Eine Kuh braucht Auslauf an der frischen Luft, darf aber auch zeitweise im Stall stehen und muss, wenn vorhanden, mit Raufutter, also Gras oder Heu, ernährt werden", so Geier. Und wenn überall die Ernten schlecht sind, dann müsse es möglich sein, auch Futter aus dem Ausland zu beziehen. Deshalb kommt zum Beispiel Soja auch aus Südosteuropa.

Bio-Bauern setzen keine Pestizide ein, trotzdem gibt es manchmal Rückstände (Foto: Bioland)
Von Pestiziden steht allerdings nichts in der Verordnung - sie sind verboten. Dennoch sind sie manchmal auf Bio-Produkten zu finden. "Das ist die große Errungenschaft der EU-Öko-Verordnung. Es war weltweit das erste Mal, dass eine Qualitätsangabe über den Prozess und nicht über das Endprodukt definiert wurde", so Geier. Das Regelwerk legt nämlich fest, dass es sich unter anderem dann um ein Bio-Produkt handelt, wenn kein Kunstdünger und keine chemisch-synthetischen Pestizide eingesetzt wurden. "Und nicht, wenn man Pestizid-Spuren auf dem Lebensmittel findet", erklärt der ehemalige IFOAM-Direktor. Diese Spuren können nämlich auch durch Abdrift von einem konventionellen Nachbarfeld kommen oder durch Wind und Regen verbreitet werden.

Genau das will die EU-Kommission derzeit ändern - und Bio darüber definieren, was auf dem Produkt zu finden ist. Auch zahlreiche andere Vorschläge gibt es, wie das Grundgesetz der Bio-Branche von Grund auf erneuert werden kann. Und Bauer Aunkofer? Der wäre vor allem froh, wenn er sich weniger um bürokratische Sachen kümmern müsste. "Wer liest schon gerne über 100 Seiten Gesetzestext?" fragt er. Dieser erscheint aber erst 2017 - so lange dauert es, bis aus einem Vorschlag eine Verordnung wird. Aber eines steht für ihn fest: Er macht auch danach weiter bio. 

Neue Regeln für Bio

Die wichtigsten Änderungesvorschläge für die EU-Öko-Verordnung im Überblick:

  • Keine Teilumstellungen mehr möglich: Das heißt, wer Bio-Bauer sein will, muss einen kompletten Betrieb auf bio umstellen. Bei den Anbauverbänden ist das schon von Anfang an so.

  • Alle Einzelhändler sollen nun kontrollpflichtig werden. Es werden also nicht mehr nur die Erzeuger und Verarbeiter kontrolliert, sondern nun auch der komplette Handel.

  • Für Bio-Lebensmittel gelten künftige eigene, besonders strenge, Grenzwerte für Pestizide und gentechnisch veränderte Organismen. Das ist ein Systemwechsel: Die Rückstandsfreiheit im Endprodukt steht im Vordergrund und weniger die umweltfreundliche Methode.  

  • Die Umstellung auf ökologisches Saat- und Pflanzgut soll forciert werden (bis 2021).

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Gesetze rund um den Ökolandbau: www.oekolandbau.de