Alltag auf unseren Äckern: chemische Spritzmittel (Foto: Kara/Fotolia.com)
20.02.2014
Pestizide

Das Gift auf dem Acker

Schlagzeilen wie "Glyphosat im Urin" oder "Gift auf Tafeltrauben" schrecken immer wieder die Verbraucher auf. 35.000 Tonnen Gift werden auf Deutschlands Äckern jährlich versprüht - gesund kann das nicht sein, denken viele. Aber wie gefährlich ist es? Und was sind die Alternativen? Von Martin Rasper

Jeder kennt solche Bilder aus Fernsehberichten: Ein Traktor fährt über den Acker, hinten dran ein zehn Meter breites Stahlgerüst, von dem aus unzähligen Düsen ein Sprühnebel nach unten saust. An sich schon irgendwie bedrohlich, das Ganze - und dazu verkündet die raunende Stimme des Sprechers: "35.000 Tonnen Pestizide landen jährlich auf unseren Feldern..."

Doch solche Zahlen können die meisten Menschen nicht wirklich einordnen. Und die suggestive Wirkung der Bilder lässt schnell nach. Selbst darüber, wir gefährlich die Spritzmittel sind, gehen die Meinungen auseinander. Und was genau sind noch mal Pestizide?

"Pestizide ist ein Sammelbegriff für alle Stoffe, die unerwünschte Organismen aus der Landwirtschaft fernhalten", sagt Melanie Eben vom Umweltinstitut München. Je nachdem ob sie gegen Unkraut, Insekten oder Pilze eingesetzt werden, spricht man auch von Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden und so weiter. Offiziell, das heißt in der Wissenschaft, bei den Herstellern und den Behörden, heißen die Substanzen "Pflanzenschutzmittel". Dabei wird aber leicht vergessen, so Melanie Eben, "dass es Gifte sind, die zum Töten von Lebewesen entwickelt wurden."  

In der konventionellen Landwirtschaft werden chemische Pflanzengifte nicht nur zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, sondern auch, um beispielsweise den Reifeprozess zu beschleunigen. Im biologischen Landbau dagegen gelten andere Grundsätze: Hier versucht man in erster Linie, die Pflanze zu kräftigen, damit sie sich selbst gegen den Angreifer wehren kann, oder man versucht den Schädling mit natürlichen Feinden zu bekämpfen.

Viele Substanzen, ein Spitzenreiter

Die in Deutschland zugelassenen Pflanzenschutzmittel werden in sehr unterschiedlichem Maß eingesetzt. Das am häufigsten verwendete Pestizid ist Glyphosat - eine Phosphorverbindung, die 1974 von dem amerikanischen Chemiekonzern Monsanto unter dem Namen "Roundup" auf den Markt gebracht wurde.  

Die Wirkung von Glyphosat ist "unspezifisch"; das bedeutet, es tötet oder schwächt alle Pflanzen gleichermaßen. Deshalb werden solche Stoffe auch "Totalherbizide" genannt; sie werden in der Regel vor der Aussaat ausgebracht, um das Feld von allem Unkraut zu "säubern". Das Gift blockiert die Bildung eines für die Pflanzen lebenswichtigen Enzyms; es wird über die Blätter aufgenommen und über die gesamte Pflanze verteilt, bis in die Wurzeln. 5.300 Tonnen allein an Glyphosat-Wirkstoff werden jährlich auf Deutschlands Feldern ausgebracht; das entspricht rund 15.000 an verkaufter Produktmenge. 

Im konventionellen Anbau werden Mittel wie Glyphosat sogar verwendet, um die Nutzpflanzen abzutöten, damit sie sich leichter ernten lassen (Foto: Erich Westendarp/pixelio.de)

Da das Gift jedoch alle Pflanzen unterschiedslos schwächt, konnte man es anfangs nur vor der Aussaat ausbringen und nicht mehr während des Wachstums der Pflanzen. Deshalb war der nächste Entwicklungsschritt nur folgerichtig: Wenn es gelänge, so der Gedanke, Pflanzen gegen das Mittel immun zu machen, dann könnte man es auch während des Wachstums verwenden und so auch die neu aufgeschossenen Unkräuter effektiv fernhalten.  

Gesagt, getan: Mit der Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen, die gegen das Gift resistent sind, erreichte Monsanto genau das. Beim Einsatz von solchen Pflanzen werden also noch größere Mengen des Giftes ausgebracht als ohnehin schon; die Gentechnik macht also die konventionellen Gifte keineswegs überflüssig, wie gelegentlich behauptet wird - im Gegenteil.   

In den letzten Jahren hat der Glyphosat-Einsatz in Deutschland noch einmal massiv zugenommen, und dafür ist auch eine selbst bei Fachleuten umstrittene Einsatzform verantwortlich: die sogenannte Sikkation. Dabei werden die Pflanzen vor der Ernte mit Gift abgetötet, damit sie alle gleichzeitg "abreifen" und die Ernte erleichtert wird.

Wer entscheidet, was auf den Acker darf...

Insgesamt sind zur Zeit in Deutschland über 700 verschiedene Pflanzenschutzmittel zugelassen. Das Verzeichnis der erlaubten Mittel allein für den Bereich "Ackerbau, Wiesen und Weiden, Hopfenbau und Nichtkulturland" ist in der derzeitigen Fassung stolze 415 Seiten lang; dazu kommen die entsprechenden Verzeichnisse für "Obst- und Gemüsebau", "Weinbau", "Forst", den "Vorratsschutz" sowie den "Haus- und Kleingartenbereich".   

Für die Zulassung ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit seinen rund 500 Mitarbeitern zuständig - aber nicht allein. Die eingesetzten Wirkstoffe werden letztlich von der EU bewertet; an diesem Prozess nehmen auch die EU-Pflanzenschutzbehörden und die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit teil. Das BVL ist als deutscher Vertreter in diesen Vorgang eingebunden und muss im Gegenzug die Entscheidungen für Deutschland umsetzen.  

Bei der fachlichen Beurteilung wirken auch noch andere nationale Behörden mit wie das Bundesinstitut für Risikobewertung, das Umweltbundesamt sowie das weit verzweigte Julius-Kühn-Institut, dessen rund 20 Forschungsstellen eine breite Palette an Fragen verfolgen, von der Züchtungsforschung bis zur Folgenabschätzung.    

Die Zulassung der Mittel ebenso wie die Festlegung der zulässigen Höchstwerte für die Rückstände ist ein komplizierter Prozess. Und nicht immer scheint da alles so wissenschaftlich exakt zuzugehen, wie es hinterher die präzisen Messwerte für die Rückstände suggerieren. So berichtet Melanie Eben, dass etwa bei dem Getreide, bei dem am meisten Glyphosat eingesetzt wird, auch die höchsten Rückstände erlaubt sind.    

... und wer kontrolliert, was damit geschieht?

Wenn man sich vor Augen führt, wie viel davon abhängt, wie die einzelnen Landwirte mit den Spritzmitteln umgehen, dann wird einem um so klarer, wie komplex das Thema "Gift auf dem Acker" insgesamt ist. Allein die Auflagen, von denen für jedes Mittel einzelne oder mehrere gelten können, umfassen mehrere Seiten. Sie reichen von Vorschriften zum Schutz der Anwender ("Beim Umgang mit dem unverdünnten Mittel partikelfiltrierende Halbmaske FFP2 oder Halbmaske mit Partikelfilter P2 tragen") bis zu Auflagen zum Schutz der Umwelt, zum Beispiel der Bienen.  

Die lesen sich beispielswiese so: "Zwischen behandelten Flächen mit einer Hangneigung von über 2 % und Oberflächengewässern - ausgenommen nur gelegentlich wasserführender, aber einschließlich periodisch wasserführender - muss ein mit einer geschlossenen Pflanzendecke bewachsener Randstreifen vorhanden sein ... Er muss eine Mindestbreite von 10 m haben. Dieser Randstreifen ist nicht erforderlich, wenn ausreichende Auffangsysteme für das abgeschwemmte Wasser bzw. den abgeschwemmten Boden vorhanden sind, die nicht in ein Oberflächengewässer münden, bzw. mit der Kanalisation verbunden sind, oder wenn die Anwendung im Mulch- oder Direktsaatverfahren erfolgt."  

 

Alltag in der Kulturlandschaft: Bewirtschaftete Flächen reichen bis dicht an die Gewässer heran (Foto: Klaus-Peter Wolf/pixelio.de)

Wenn man das liest, kann man sich denken, dass nicht jeder Landwirt in alle diese Feinheiten einsteigen wird, zu schweigen davon, dass er alles hundertprozentig beachten wird. Und kontrollieren lässt sich die korrekte Anwendung der Gifte - die "gute fachliche Praxis" - nur sporadisch: Ganze 109 Personalstellen stehen bundesweit bei den zuständigen Ämtern für die sogenannten "Verkehrs- und Anwendungskontrollen" zur Verfügung, für 300.000 landwirtschaftliche Betriebe.  

Kein Wunder, dass die meisten Schlampereien unentdeckt bleiben und dass Gewässer, die inmitten konventionell bewirtschafteter Felder liegen, in der Regel todgeweiht sind. Ein ZDF-Bericht enthüllte, dass bei stichprobenartigen Kontrollen des dafür eigentlich nicht zuständigen Umweltbundesamtes, die deshalb als "Forschungsprojekt" bezeichnet wurden, rund die Hälfte der untersuchten Landwirte die Anwendungsrichtlinien missachtet hatten. Der Aufschrei der Bauern war groß, dem Umweltbundesamt wurden derartige Anmaßungen für die Zukunft untersagt.        

Reizthema Pestizidrückstände  

Auch die erlaubten Höchstmengen von Pestizidrückständen in Lebensmitteln werden von der EU festgelegt. Vielen Verbrauchern ist gar nicht bewusst, dass Pestizidrückstände bis zu eben diesen jeweiligen Höchstmengen hochoffiziell erlaubt sind. "Viele Verbraucher gehen davon aus, dass in Lebensmitteln gar keine Rückstände von Pflanzenschutzmitteln enthalten sein dürfen", sagt Melanie Eben; "ein Irrtum". Zwar fordern die einschlägigen Vorschriften zur Festlegung der Grenzwerte: "Diese Rückstände sollen so gering gehalten werden, dass sie die Gesundheit der Verbraucher weder bei lebenslanger täglicher Aufnahme noch bei einmaligem Verzehr großer Lebensmittelmengen schädigen können" - doch wie diese Stoffe vor allem in Kombination auf den Organismus wirken, ist noch weitgehend unerforscht.  

Wer ganzheitlich denkt, hat aber ohnehin nicht nur die Auswirkung auf die eigene Gesundheit im Blick, sondern auch die Wirkung auf die Umwelt. Der seit Jahrzehnten ununterbrochene Einsatz von Giften auf unseren Äckern und Obstplantagen bleibt natürlich nicht ohne Wirkung auf den Zustand unserer Natur. Wie das Umweltbundesamt bestätigt, sind Pestizide einer der Hauptgründe für die Bedrohung der biologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft.      

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