Raphaela von der Gärtnerei Ulenburg: Ihr dürfen die Blogerinnen Simone und Jasmin bald über die Schultern schauen (Foto: Magdalena Fröhlich)
08.04.2015
Zu Besuch in der Bioland-Gärtnerei Ulenburg

Blattläuse? Ja, bitte!

Eine Gärtnerei, in der alle Chef sind, freiwillig Blattläuse ausgesetzt werden und jeder das gleiche Gehalt bekommt: Das klingt nicht normal, aber spannend. Unsere beiden Bloggerinnen Simone Ehrhardt und Jasmin Wurth lernen die Gärtnerei Ulenburg bald kennen. Von Magdalena Fröhlich

Wenn Raphaela Gerlach von "25 Sätzen mit Kohlrabi" spricht, dann haben diese Sätze keinen Punkt. Wenn dann einen Zeitpunkt. Zum Ernten, nämlich. 25 Sätze Kohlrabi bedeutet: Die Gärtnerin sät an 25 unterschiedlichen Zeitpunkten, meist mit einem Abstand von zwei Wochen, Kohlrabi aus. Das ist für sie ziemlich praktisch: Raphaela und ihre 19 Kollegen müssen den ganzen Kohlrabi nicht auf einmal ernten und haben länger frisches Gemüse. Sollte mal ein Kohlrabi länger zum Wachsen brauchen, dann bleibt er somit auch nicht liegen.

Die Sache mit den Sätzen ist aber nicht der einzige Gärtner-Slang, den unsere Bloggerinnen Simone und Jasmin bei ihren Besuch auf der Gärtnerei Ulenburg in der Nähe von Bielefeld kennenlernen werden.

Die Aubergine mag es warm: 21 Grad hat es unter dem Vlies - hier ist sie noch nicht veredelt (Foto: Magdalena Fröhlich)
Raphaela spricht auch schon mal von "veredelten Auberginen" - und das hat bei ihr nichts mit Kochen zu tun. Veredeln geht so: Man braucht junge Pflänzchen von Wildtomaten und Auberginen. Dann muss man Folgendes machen: Beide Jungpflanzen werden am oberen Ende schräg abgeschnitten. Dann setzt man den oberen Teil der Aubergine auf die Wildtomate. Weil man eine Pflanze auf die andere setzt, heißt das auch "Kopfveredelung". Damit das Ganze auch hält, wird die Pflanze, die nun die Wurzeln der Wildtomate und das obere Ende der Aubergine hat, mit einer Klammer fixiert. Herauskommt keine wilde Aubermate oder wilde Tomagine, sondern eine Aubergine, die schneller wächst und somit mehr Ertrag bringt. Die wilde Tomate bildet nämlich mehr Wurzelmasse als die Aubergine - und kann somit mehr Nährstoffe aus dem Boden aufnehmen. Somit wächst sie schneller. "Wir machen das vor allem, weil die Tomate viel widerstansfähiger ist - zum Beispiel gegen bodenbrütige Pilze, also Pilze, die im Boden sind", erklärt Raphaela.

Unten die Tomate, oben die Aubergine - eine Veredelungsklammer hält's zusammen (Foto: Raphaela Gerlach)
Trotz der Tomate als Unterlage bleibt die Aubergine eine Aubergine - es hat ja keine Kreuzung der Gene stattgefunden. Aus der wilden Tomate wird dann übrigens nichts mehr, die sät die Gärtnerin allein als Wachstumshilfe für ihre Auberginen an. "Wilde Tomaten würden auch gar nicht schmecken", erklärt sie. "Da haben wir bessere Sorten." Insgesamt neun verschiedene. Von den kleinen roten bis hin zur 90 Gramm schweren Tomate. Wer schon einmal selbst Tomaten angebaut hat, weiß das: Tomaten haben oftmals ein Problem: Blattläuse. Doch auch da kennt die 22-Jährige einen Trick. Sie bestellt Blattläuse.

Ja richtig - eine Gärtnerin, die sich freiwillig Blattläuse zu den Pflanzen ins Gewächshaus holt. Allerdings ist das auch eine besondere Art von Blattlaus - die Getreideblattlaus. Die schadet - wie der Name schon sagt - nur dem Getreide. Wo aber ein Insekt vor Ort ist, da kommt auch bald das nächste, hier: die Blattlausschlupfwespe. Und diese isst besonders gerne - Blattläuse. Ob es sich dabei um solche Blattläuse handelt, die auf Getreide spezialisiert sind, oder um solche, die sich auf den Tomatenpflanzen breit machen, ist der Wespe dabei ziemlich egal: Sie frisst sie alle. Die Blattlausschlupfwespe ist also ein Nützling für Raphaela. So kann sie ihre Tomaten optimal schützen, ohne Chemie einzusetzen, den Job die Blattläuse fernzuhalten übernimmt die Fliege.

Unter dem Vlies sind Getreideblattläuse, diese sollen sich dort erst vermehren, ehe sie freigelassen werden (Foto: Magdalena Fröhlich)
Chemisch-synthetische Pestizide sind bei einer Bio-Gärtnerei nämlich tabu. Genauso wie mineralischer Stickstoffdünger. "Wir wollen ja nicht unseren eigenen Boden vergiften", erklärt Raphaela, die bald Produktionsgartenbau studieren möchte. Produktionsgartenbau ist praktisch das Gegenstück zum Landschaftsgärtner. Beim einen werden Obst, Gemüse oder Zierpflanzen angebaut und geerntet, beim anderen wird nur gestaltet, zum Beispiels Parks.

Raphaela liebt ihre Gewächshäuser genauso wie den Acker - oder noch viel mehr, wenn im März das erste Rot der Radieschen aus der Erde hervorspitzt, oder: "Das ist der Hammer, wenn es im Frühling den ersten Salat gibt. Das schmeckt so unglaublich frisch und voller Power." Schon bald kann sie jede Menge davon ernten: Insgesamt 40 verschiedene Gemüse-Sorten und -Arten baut die Gärtnerei Ulenburg an. Das sind allein 5.000 Kilo Kohlrabi (also 25 Sätze), 25.000 Kilo Tomaten, 1.000 Kilo Auberginen und ein ganzes Lager voller Möhren.

All das Gemüse sowie einige Kräuter wachsen auf 54 Hektar Ackerland, in sieben Gewächshäusern und zwei Folientunneln - das macht zusätzlich  6.000 Quadratmetern Fläche aus. Wären da nicht die Glasscheiben, könnte man also in so einen Gewächshaus locker einen Tennisplatz integrieren oder darin Fußball spielen. Insgesamt 50 Menschen arbeiten auf der Gärtnerei Ulenburg, dazu kommen noch rund 50 Saisonarbeitskräfte, Marktmitarbeiter und Erntehelfer. Statt eines Chefs gibt es ein Kollektiv. Das heißt: Jede Stimme zählt gleich viel, jeder Mitarbeiter bekommt das gleiche Gehalt. Wer länger dabei ist, erhält zusätzlich eine Rücklage fürs Alter. Wie das funktioniert? "Hervorragend", antwortet Wolfgang Nemesch. Der Gartenbau-Ingenieur ist seit 30 Jahren dabei - von Anfang an. "Die Gärtnerei braucht die Leute, die sich um die Aussaat und die Jungpflanzen kümmern, genauso wie jene, die unsere Schlepper reparieren oder unser Gemüse auf den Markt oder an Großhändler verkaufen."

Und wie das mit der Entscheidungsfindung klappt? Auch da: "Hervorragend", sagt Wolfgang. Im Plenum entscheiden wir über größere Anschaffungen oder über Neueinstellungen. Eingestellt wird nur jemand, wenn niemand aus dem Kollektiv etwas dagegen hat. Und weil alles transparent ist und der Lehrling genauso mitbestimmen darf wie der Chef, fühlt sich jeder wertgeschätzt." Das sieht auch Raphaela so. Zuerst wollte sie nur 25 Wochen bleiben. Jetzt sind es schon 15 Monate - dreimal hat sie schon verlängert, doch 2016 will sie nun an der FH ihr Studium beginnen.

Ansonsten gilt für das Kollektiv: "Wir sind kein Debattierclub, sondern eine Gärtnerei." Zum Besprechen reiche jeden Tag ein gemeinsames Mittagessen aus. Und dazu gibt es bald wieder frisches Gemüse. Aber das werden die Bloggerinnen Jasmin und Simone ja bald kennenlernen.

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Im Netz:

Die Bioland-Gärtnerei Ulenburg im Netz: www.ulenburg.de