Auf vielen Höfen stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? (alle Fotos: Martin Rasper)
21.07.2014
Generationenwechsel

"Die Glut übergeben, nicht die Asche"

Jahrzehntelang hat der Hof funktioniert, jetzt fehlt ein Nachfolger. Was tun? Das Problem ist zweifach: jemand Geeigneten finden und selbst loslassen können. Der Prozess kann alle Beteiligten fordern - und überfordern. Doch es gibt Hilfe. Von Martin Rasper

So eine Hofübergabe zieht sich manchmal elend hin, Prinz Charles kann ein Lied davon singen. Seit Jahrzehnten weigert sich die Frau Mama, ihm den Laden zu übergeben, wird älter und älter und will einfach nicht Platz machen. Im Hause Windsor scheitert eine ordentliche Übergabe schon an der Grundvoraussetzung: Die Betriebsleiterin hat bisher noch nicht einmal ihren mindesten Willen zum Abtreten bekundet.

Scherz beiseite, in der Landwirtschaft ist das Thema hoch brisant. Zwar ist die traditionelle Praxis, dass eines der Kinder den Hof übernimmt, durchaus noch üblich; immer häufiger aber funktioniert es eben nicht mehr (beide Möglichkeiten werden in den schönen Dokumentarfilmen "Still" und "Sauacker" thematisiert). Die eigenen Kinder wollen oder können oft nicht, und dann jemand Passenden zu finden, ist nicht einfach. Auf sage und schreibe zwei Dritteln aller Höfe, auf denen der Betriebsleiter älter als 45 Jahre ist, so eine Erhebung des Statistischen Bundesamts, ist die Nachfolgeregelung unklar. Die "außerbetriebliche Hofnachfolge", wie die Fachleute es nennen, ist ein drängendes Problem.

Viele Höfe bestehen seit Jahrhunderten; das kann beflügeln - oder lähmen
Als besonders drängend wird es in der Biolandwirtschaft empfunden. Wer jahrzehntelang seinen Hof mit Herzblut aufgebaut, sich um die Artenvielfalt gekümmert, sein Stück Land vor Giften und Kunstdünger bewahrt hat, der will natürlich erst recht, dass sein Werk weitergeführt wird. "Man muss loslassen können", sagt Bioland-Pionier Siegfried Kuhlendahl aus dem Bergischen Land, der die Übergabe selbst als langen und schmerzhaften Prozess erlebt hat; "und man muss das Vertrauen in die junge Generation haben, dass die das hinkriegen". Für die Branche ist das Thema wesentlich: Der Biolandbau kann nur dann wachsen, wenn neben neu hinzukommenden Höfen möglichst viele der bestehenden erhalten bleiben. Findet sich dagegen kein geeigneter Nachfolger, dann droht oft dasselbe Schicksal: Der Hof wird in Wohnraum verwandelt, die Fläche verpachtet – häufig genug an konventionelle Bewirtschaftung. Dabei erklärte bei der oben erwähnten Erhebung des Statistischen Bundesamts nur ein Viertel der Biobauern ohne Nachfolger, dass der Hof keine ausreichende wirtschaftliche Basis biete; bei der überwältigenden Mehrheit lag es schlicht daran, dass die eigenen Kinder andere Interessen hätten.

Wichtig ist die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen

"Dabei gibt es eine Menge junger Leute, die gern einen Hof übernehmen möchten, aber die haben in der Regel kein Geld oder können den entsprechenden Kredit nicht stemmen", sagt Christian Wucherpfennig vom Beratungsteam Ökologischer Land- und Gartenbau der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Andererseits hat er die Erfahrung gemacht, "dass es primär nicht am Geld scheitert" - sondern eher an der Bereitschaft, sich wirklich auf den Prozess einzulassen. Und an so schwierig herzustellenden Dingen wie gegenseitigem Vertrauen zwischen bis dahin Fremden.

Sein Kollege Harald Schmid, der regelmäßig Seminare zum Thema leitet, hält es für das Wichtigste, sich über seine Erwartungen klarzuwerden. "Wir erleben oft, dass Erwartungen nicht bewusst sind", erzählt Schmid; "aber die wirken ja trotzdem." Deshalb versuche er sie in seinen Seminaren herauszuarbeiten, außerdem arbeite er gezielt mit Perspektivwechseln. "Das ist für die meisten eine sehr erhellende Übung, sich klarzumachen: Was erwartet denn eigentlich der andere von mir?" Und er macht für die Teilnahme am Seminar zur Bedingung, dass beide Generationen eines Betriebs, also die abgebende und die übernehmende, vertreten sind.

Die Übergabe ist ein Ziel, das man planmäßig ansteuern sollte
Schmid, der seit fast 30 Jahren Landwirte bei der strategischen Ausrichtung, bei der Umstellung auf biologische Bewirtschaftung und eben beim Betriebsübergang berät, empfiehlt, die Übergabe als strategisches Ziel zu definieren - das genau so bewusst angesteuert werden muss wie andere unternehmerische Ziele auch. "Es geht ja um die künftige Entwicklung des Betriebs", sagt er, "da müssen auch Vorgaben und Bedingungen angesprochen werden."  Und er weist noch auf einen Punkt hin, der häufig unterschätzt wird: "Wichtig ist auch, die Parallelphase zu begleiten. Der Übergang ist ja häufig kein scharfer Schnitt - auch wenn es in juristischer Hinsicht natürlich den Zeitpunkt gibt, an dem es heißt: Jetzt ist der andere zuständig. Aber in Wahrheit gibt es eine mehr oder weniger lange Phase, in der die Entscheidungen, die getroffen werden, beide betreffen."

Nicht nur Institutionen wie die Landwirtschaftskammern helfen bei dem Prozess, es gibt auch private Initiativen. Christian Vieth, studierter Agraringenieur, hat sich früh des Themas angenommen und nicht nur die Internet-Hofbörse hofgruender.de ins Leben gerufen, sondern auch eine auf das Thema spezialisierte Beratungsgesellschaft gegründet. "Hofübergabe ist mehr als der Gang zum Steuerberater oder zum Rechtsanwalt", sagt er. Vieth empfiehlt, die kritische Phase des Übergangs als Chance zu sehen - für den Betrieb, aber auch für die handelnden Personen. "Gerade für den, der abtritt, ist das die Gelegenheit, sich zu fragen: Was habe ich erreicht, wie steht der Betrieb da?" Auch bei einer solchen gründlichen Bestandsaufnahme kann Unterstützung von außen hilfreich sein.

Eine maßgeschneiderte Lösung suchen

Beim Finden einer geeigneten Lösung ist häufig Fantasie gefragt. Sei es, dass die Übernehmenden dem Übergeber zusätzlich (oder anstelle) des Kaufpreises eine Leibrente garantieren; sei es, dass man eine Konstruktion findet, in der beide etwas zu sagen haben; sei es, dass man vertraglich eine Lösung in mehreren Schritten festschreibt. Familie Schulz vom Bioland-Hof Aerzen im Weserbergland beispielsweise hat sich für eine schrittweise Übergabe im Rahmen einer Kommanditgesellschaft entschieden. Zunächst waren Vater Eberhard und Sohn Arne gleichberechtigte Geschäftsführer; zu einem Stichtag übernahm dann der Sohn die alleinige Verantwortung und kann jetzt den Hof weiterentwickeln, wie er es für richtig hält, während die Eltern als Kommanditisten mit ihrer Einlage und den entsprechenden Rechten nach wie vor im Unternehmen engagiert sind. Auf diese Weise haben sie es hinbekommen, "die Glut zu übergeben und nicht die Asche", wie Eberhard Schulz es nennt.

Erprobt ist auch die Konstruktion, dass ein Verein oder eine Stiftung einen verwaisten Hof übernimmt und an einen Betreiber verpachtet, das Eigentum am Hof aber behält. Gerade bei Demeter-Höfen wird das gelegentlich praktiziert, wo in der Regel ein engagierter Verein im Hintergrund steht, dessen Mitglieder notfalls auch mal selbst anpacken oder Praktikanten vermitteln. "Es gibt keine Patentlösung", sagt Berater Schmid; "das ist Teil des Prozesses, dass man eine maßgeschneiderte Lösung findet." Und überhaupt sei das Wichtigste manchmal etwas ganz Einfaches und zugleich Schwieriges: "Unsere Hauptaufgabe als Berater besteht oft darin, den Menschen immer wieder Mut zu machen und ihnen zu vermitteln, dass sie bei ihrer Aufgabe nicht allein sind."      

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Reportage über die schwierige, aber letztlich geglückte Übergabe am Hof Judt: 40 Hektar Deutschland

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Bauer sucht Hof, Hof sucht Bauer: Die Internetbörse hofgruender.de

BAG Familie und Betrieb: Übersicht der landwirtschaftlichen Familienberatungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

"Hofübergabe und Existenzgründung": Ausführliche Broschüre des hessischen Landwirtschaftsministeriums