Die richtigen Akupunkte zum Stechen findet man durch Abtasten (Fotos: Julia Romlewski)
10.03.2016
Akupunktur im Kuhstall

Wenn Bauern Nadeln legen

Viele Menschen haben mit Akupunktur gute Erfahrungen - etwa bei Migräne. Doch auch kranken Tieren können die Nadeln helfen. Eine Kuh zu nadeln ist allerdings eine Kunst für sich. Von Julia Romlewski

Wenn Claudia Kutscher einen Menschen mit Piercings sieht, die an den falschen Stellen sitzen, wird sie ein bisschen traurig. Sie muss dann an die zerstörten Heilpunkte denken, mit denen sie nicht mehr arbeiten könnte. „Wenn richtig durchgestochen wird, ist der Punkt weg.“

Eigentlich könnte ihr das egal sein, denn ihre Patienten sind Tiere. Und die tragen in der Regel keine Piercings. Dafür aber oft Ohrmarken, etwa die Kühe, und das ist aus heilmedizinischer Sicht mindestens so problematisch. Denn allzu oft sitzt die Marke ausgerechnet auf der Stelle, die laut chinesischer Lehre mit dem Euter verbunden ist. „Das ist richtig doof, denn so wird ein Dauerreiz auf das Euter ausgeübt“, sagt die Tierheilpraktikerin.

Heilmethode aus China

Die Akupunktur ist eine jahrtausendealte chinesische Therapie zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte. Mithilfe von Nadeln werden Akupunkturpunkte in der Haut gereizt, wodurch der Körper Endorphine und Neutrotransmitter bildet. Diese Substanzen wirken schmerzstillend und ausgleichend. Funktionsstörungen der inneren Organe lassen sich so ebenfalls positiv beeinflussen. Die Akupunktur wird inzwischen von vielen Krankenkassen bei bestimmten chronischen Leiden (Rückenschmerzen oder Kniebeschwerden etwa) als Kassenleistung anerkannt. Auch die WHO empfiehlt Akupunktur bei einer Reihe von Beschwerden wie Migräne, Zyklusstörungen oder Bronchitis. Kritiker der Akupunktur sprechen von reinen Placebo-Effekten.

Kutscher, 47, resolut, steht an diesem Tag im farbenfrohen Patchworkpulli vor einem Dutzend Landwirte in einem Seminarraum der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Bad Sassendorf. Es hat sich herumgesprochen, bei Biobauern und konventionellen, dass Akupunktur nicht nur Menschen helfen kann. Sondern auch Milchkühen. Etwa bei Stoffwechselproblemen, Gastritis, Entzündungen am Euter oder an den Klauen – alles typische Probleme, mit denen Milchbauern kämpfen.

Nur wer nadelt, lernt es auch

Die Bauern kommen zu Kutscher, weil sie neugierig sind, ihren Medikamentenverbrauch herunterschrauben wollen, keinen Tierheilpraktiker in der Nähe haben oder beim Nadeln nicht mehr nur Zuschauer sein wollen. Bioland-Bauer Hermann Vollmer aus Rheda-Wiedenbrück hat als Patient selbst gute Erfahrungen mit Akupunktur gemacht. „Ich bin auf allen Vieren zur Heilpraktikerin und aufrecht wieder hinausgegangen.“ Seit er den Hof an seinen Sohn übergeben hat, hat er Zeit.

Manche haben schon mal ein Seminar besucht, dann aber die Nadeln zu selten ausgepackt. Doch nur wer nadelt, lernt es auch. Und behält im Kopf, wo welche Meridiane, das sind die Energiebahnen im Körper, verlaufen, wo die Punkte zum Stechen genau sitzen und wofür jeder von ihnen gut ist. Krankheiten kommen der traditionellen chinesischen Medizin zufolge eigentlich immer von einem Energiestau. Es gibt zwölf Haupt-Meridiane, die jeweils einem Organ zugeordnet sind: Lunge oder Magen etwa. Und pro Meridian viele, viele Punkte.

Man kann die Kuh aber auch einfach an der Wirbelsäule entlang abtasten und dort, wo es sich komisch anfühlt, eine Nadel setzen. Hat man sich dann noch gemerkt, wofür der Punkt am Rücken steht, kann man gleich an der eigentlichen Problemstelle weiternadeln. Grundsätzlich sticht man bei der Kuh dort, wo man auch beim Menschen stechen würde. Nur, dass die Organe zum Teil woanders liegen. Und wo ist bei der Kuh gleich noch mal der Ellbogen?

Voodoo-Zauberer

Kutscher hat Skizzen mitgebracht und geht die wichtigsten Meridiane mit dem Bauern einzeln durch. Die Abbildungen sehen aus wie die Zeichnungen eines Voodoo-Zauberers, der es auf Kühe abgesehen hat. Allein der Blasen-Meridian besteht aus 67 Nadel-Punkten. Nicht alle Akupunkturpunkte sind für eine Kuh relevant, an manche kommt man auch schlicht nicht heran. Da müsste sich das Tier schon auf den Rücken legen und alle Viere hochstrecken.

Die Tierheilpraktikerin hat selbst die Akupunktur zunächst am Menschen gelernt. Und deshalb darf sich jeder übungshalber eine 25-Millimeter-Nadel in den eigenen Arm jagen. 20 Minuten sollen die Nadeln drinbleiben. Es kribbelt ein wenig.

Einer hält, einer sticht: Hermann Vollmer und Christian Kroll-Fiedler beim Üben
Draußen warten schon kranke Kühe. Sara hat eine entzündete Klaue. Bioland-Bauer Christian Kroll-Fiedler aus Warstein ist dran, er soll ihr eine Nadel in den Hinterfuß setzen. Es gehört Mut dazu, eine kranke Kuh genau dort zu piksen, wo es ihr gerade am meisten wehtut. Man muss entweder sehr geschickt sein oder gut springen können, wenn die Kuh ärgerlich wird.

Oder man kennt die Bauerntricks: Schwanz hochhalten, denn das blockiert die Kuh in ihrer Bewegungsfreiheit. Bioland-Kollege Vollmer packt schon mal den Schwanz. Kroll-Fiedler müht sich ab. So eine Klaue ist hart. Dabei hat Tierheilpraktikerin Kutscher schon dickere Nadeln genommen. Robust und stabil müssen sie sein. Richtig tief sticht man aber nur in die Muskulatur hinein, nicht ins Euter oder in die Beine.

Der Pipi-Punkt

Die nächste Kuh ist richtig arm dran, sie hat chronische Gastritis und noch dazu eine Euterentzündung. Die Nadel muss ins Euter hinein. Auch das kriegen die Bauern hin, einer krabbelt der Kuh unter den Bauch, eigentlich sind Kühe ja gutmütig. Ist die Erkrankung akut, nadelt man jeden Tag, sonst alle paar Tage. Kutscher verrät noch, wie man sein eigenes Können testen und nebenbei Skeptiker verblüffen kann. Mit Lenkungspunkt 3 am hinteren Rücken. „Da fangen die meisten Tiere an zu pinkeln“, so die Heilpraktikerin.

Nebenwirkungen gibt es bei Akupunktur eigentlich keine. Trotzdem sollte man nicht völlig ahnungslos drauflos nadeln. Denn ein paar kritische Stellen gibt es schon. „Bei gewissen Punkten kann die Lunge zusammenfallen“, warnt Kutscher. Und bei Herzproblemen ruft man bitteschön den Tierarzt. „Da fuchse ich nicht mit Akupunktur herum.“  

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