Drei Generationen auf einem Hof - keine Selbstverständlichkeit (alle Fotos: Martin Rasper)
21.07.2014
Hofübergabe

40 Hektar Deutschland

Siegfried Kuhlendahl war Bio-Bauer aus Leidenschaft; mit seinem Land sorgsam umzugehen, war ihm eine Verpflichtung. Als es darum ging, einen geeigneten Nachfolger zu suchen, tat er sich schwer - bis es dann doch ein Happy End gab. Von Martin Rasper

Siegfried Kuhlendahl sitzt vor seinem Häuschen im Bergischen Land, die Sonne flirrt, Grillen zirpen. Sein Blick geht übers Tal, die Wiese am Gegenhang, den Wald auf dem Hügel. Das ist sein Land. Nicht in dem Sinn, dass es ihm gehörte; das tut es nicht mehr. Aber er ist hier geboren, hat sein ganzes Leben hier verbracht, und dank ihm sind diese paar Dutzend Hektar Deutschland seit Jahrzehnten frei von Kunstdünger und Pestiziden. Siegfried Kuhlendahl sieht: Es ist gut.

Siegfried Kuhlendahl auf dem Altenteil
Wenn man nicht mehr darüber wissen will, dann ist das schon die Geschichte: Ein Altbauer sitzt im Austragshaus, und der Hof wird von der jungen Generation weitergeführt. Die Wahrheit ist aber, dass es ein verdammt langer Weg war, bis er hier so sitzen konnte. Die Kuhlendahls hatten nämlich keine Kinder, die den Hof hätten übernehmen können (was auch nicht immer gutgeht, aber das ist eine andere Geschichte). Jedenfalls ist Siegfried Kuhlendahl zehn Jahre lang immer wieder daran gescheitert, den richtigen Nachfolger zu finden. Und beinahe wäre es ganz schief gegangen.  

"Das war ein schwieriger Prozess", sagt er und streicht sich mit der Hand über den Hinterkopf, als würde schon die Erinnerung daran immer noch ein leichtes Jucken auslösen; "wir haben viel dabei gelernt". Wenn einer wie er so einen Satz sagt, dann heißt das was. Das ist keiner, der sich Probleme einreden würde. Großgewachsen, gerader Blick, fester Händedruck, mit seinen 85 Jahren immer noch ein stattlicher Mann. Nicht so der Typ fürs Selbsterfahrungs-Seminar. Sondern einer, der anpackt; und zwar mit langem Atem.

Zu einem richtigen Hof gehören Tiere, die einem ständig vor die Füße laufen

Kuhlendahl war einer der ersten in Deutschland, die auf Biolandbau umstellten, Ende der Siebziger. Was ist er nicht angefeindet worden damals! Einerseits. Und als Pionier gefeiert worden, andererseits. Er hatte den Milchbauernhof, den er 1957 von seinem Vater übernommen hatte, zunächst mit Vollgas Richtung Effektivität geführt. "Wir sind voll auf Wachstum gegangen", erzählt er, "wir hatten früh einen Boxen-Laufstall, hohen Stickstoff-Einsatz, wir waren ein Vorzeigebetrieb." Bis er merkte, dass das in die falsche Richtung geht. Dass er enorme Kosten hatte, die von den Erlösen nicht gedeckt wurden, für Kunstdünger, Schädlingsbekämpfung, Kraftfutter, Tierarzt. So dass er auf Abhilfe sann, gemeinsam mit seiner Frau bei Hans Müller in der Schweiz den Kurs über Biolandbau machte und den Betrieb umstellte. Nicht nur auf Bio, sondern auch auf Gemischtbetrieb, Milch, Kartoffeln, Getreide, Futterbau, zeitweise auch Gemüse.

"Jetzt musst du mal einen Nachfolger finden"

Kuhlendahl schaut in die Ferne. Oben am Himmel zieht ein Bussard seine Kreise. "Als ich 65 war, habe ich überlegt, jetzt musst du langsam mal einen Nachfolger finden", sagt er. Dass das nach Ansicht professioneller Berater viel zu spät ist – was hilft’s? War halt so. Und doch begann da erst die lange Geschichte des Scheiterns und des Leidens. Die er aber nur andeutungsweise erzählen will.

Auch ein altes Backhaus gehört zum Hof
"Der erste Versuch ging schief, ein Jahr dauerte das. Eine junge Familie, die waren schon da und arbeiteten mit, und wir wollten in dem Häuschen auf dem Nachbargrundstück wohnen, aber es klappte nicht." Woran lag’s? "Verschiedene Gründe, das will ich im Einzelnen nicht ausbreiten." Der nächste Versuch war mit einem ehemaligen Praktikanten, der kannte die Kuhlendahls und kannte den Hof und pachtete ihn - das ging immerhin sieben Jahre lang gut. "Aber am Ende klappte es auch nicht." Wieder, äh, verschiedene Gründe? "Ja." Dann gab es nochmal einen Versuch mit jemand anderem, das ging nochmal zwei Jahre. Aber am Ende eben doch wieder nicht.

Kuhlendahl rückt den Liegestuhl in den Schatten, die Sonne ist längst weitergewandert. "Zu dem Zeitpunkt hatten wir fast schon resigniert. Wir waren eigentlich schon so weit, dass wir zusperren wollten." Aber dann kamen Thorsten und Maria.

Thorsten und Maria Wemmers
Thorsten und Maria Wemmers sitzen auf ihrer Terrasse, auf der vom Haupthaus, auch sie schauen auf Wiese und Wald, sie haben im Prinzip die gleichen Perspektive wie die Kuhlendahls, nur ein bisschen verschoben. "Wir wussten von der Vorgeschichte", sagt Thorsten Wemmers; "wir waren auch gewarnt worden, von einigen Leuten. Aber das war uns egal." Wemmers ist Rheinländer, aus Düsseldorf, er spricht mit dem typischen jovialen Singsang, der oft so gemütlich klingt. Aber man lasse sich nicht täuschen: Auch der ist kein Mann für Schnickschnack. Geraderaus, fester Blick aus wachen Augen. Er war erst Mitte Zwanzig seinerzeit, aber er hatte schon einen ziemlichenWeg hinter sich: eine Landwirtschaftslehre absolviert, dann ein Jahr in einem landwirtschaftlichen Betrieb gearbeitet; anschließend noch eine Metzgerlehre drangehängt, noch einmal ein Jahr in einer Metzgerei gearbeitet. Und dann erfuhr er von diesem Hof, der sich so schwer damit tat, einen Nachfolger zu finden.

Gehört da nicht ziemlich viel Mut dazu, sowas trotzdem zu versuchen? "Och nö", sagt Wemmers, "ich hab das vor allem als Chance gesehen. Und wir waren uns auf Anhieb ganz sympathisch." Wemmers und Kuhlendahl beschlossen es miteinander zu versuchen. Erst eine Probezeit auf angestellter Basis; dann wurde ein Pachtvertrag ausgehandelt, und in dem war schon festgehalten, dass eine Hofübergabe angestrebt wird.

"Wir hatten schon Vorurteile"

"Wenn nicht vorher die schiefgegangenen Versuche gewesen wären, hätten wir die beiden sicher nicht genommen", hatte Kuhlendahl gesagt, drüben im Garten seines Austragshäuschens. "Wir hatten schon auch Vorurteile. Wir dachten, es muss jemand sein, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, sonst würde das gar nicht gehen. Und dann waren die ja noch nicht mal verheiratet!" Bei dem Satz muss er doch lächeln, und es ist ein schönes Lächeln, weil in ihm die ganzen Erfahrungen drinstecken.

Thorsten Wemmers beim Heuwenden
Auch Thorsten und Maria müssen lachen, als die Sprache auf das Verheiratet-Sein kommt. "Wir waren ja noch jung, Maria hat noch studiert", sagt Thorsten Wemmers. Nein, er hat sich offensichtlich deutlich weniger schwer getan mit der Entscheidung als der Alte. Das wichtigste ist wohl, dass alle beim zentralen Punkt einer Meinung sind: dass so ein Hof mehr ist als ein paar Gebäude mit ein paar Wiesen drum herum. Dass es ein lebendiger Organismus ist, ein eigenes kleines Gemeinwesen. Zumal mit dieser Geschichte: Das älteste Gebäude auf dem Hof Judt ist von 1693. "So ein Hof ist ein Kleinod, das gibt man nur in die richtigen Hände", sagt Kuhlendahl. "Das Schöne ist ja dieses Generationenprojekt", sagt Wemmers, "dass es hier weitergeht, und dass die Kinder auf dem Hof aufwachsen können." Und auch dass der Hof biologisch bewirtschaftet wird, war nie ein Thema. Die beiden Männer hatten sogar vergessen, es in den Übergabevertrag reinzuschreiben. Erst als das Papier unterschriftsreif da lag, fiel jemandem auf, dass diese Kleinigkeit fehlte. Es war für beide so selbstverständlich gewesen, dass keiner daran gedacht hatte.

Wemmers kommt mit dem Fendt vom Heuwenden angefahren; Berry, der einjährige Rauhaardackel, freut sich wie Bolle und hüpft ihm in die Arme, während die Abendsonne alles in ein goldenes Licht taucht. Zu schön, um wahr zu sein? Naja. Die Übergabe kam eigentlich ein bisschen spät. Kuhlendahl ist jetzt 85, Wemmers 37, im Grunde fehlt dazwischen fast schon eine Generation. Der Stall ist ziemlich alt, und auch sonst müsste man längst hier und da investieren. Und zwischen den Generationen, den einstmals fremden, die so nahe zusammenleben, als wenn sie miteinander verwandt wären, zwischen denen knirscht es auch schon mal. Es ist eben keine perfekte Idylle. Es ist: echtes Leben.

Kuhlendahl sitzt im Garten, er sieht Wemmers, wie er den Trecker zum TÜV fährt; er sieht die Kinder, die Hunde, die Katzen; die Kühe, die Schweine, die Gänse; er sieht die Kunden, die in den Hofladen kommen; er sieht, wie am Freitag Brot gebacken und verkauft wird. Und er sieht: Es ist gut. Auch in der langen Version endet die Geschichte doch mit demselben Satz.

Ach ja: Dass der Hof biologisch bewirtschaftet werden muss, das haben sie dann übrigens doch noch in den Übergabevertrag reingeschrieben. Aber nur der Vollständigkeit halber.    

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