Richtig schlecht für die eigene Klimabilanz: Urlaub auf einer Südseeinsel (Foto:imago)
06.05.2015
Reisetipps für mehr Nachhaltigkeit

"Machen Sie länger Urlaub!"

Regt sich im Urlaub manchmal Ihr grünes Gewissen? Ferien können aber auch ökologisch unbedenklich sein. Selbst wer sich mal einen Flug gönnt, kann einiges für die Umwelt tun. WWF-Expertin Mila Dahle erklärt, wie das geht - und was man lieber sein lassen sollte.

IM FOKUS: Frau Dahle, die Hauptreisezeit hat begonnen. Wo sollte man Urlaub machen, wenn man in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit alles richtig machen will?

Dahle: Fürs Klima wäre Urlaub auf Balkonien natürlich am allerbesten, aber man will ja auch mal etwas anderes sehen. Aber je näher das Urlaubsziel, desto besser.

IM FOKUS: Wo waren Sie denn zuletzt im Urlaub?

Dahle: Wir waren auf Sylt und sind mit dem Zug hingefahren. 

IM FOKUS: Im Winter zieht es aber viele eher in die Sonne. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich im Februar eine Woche auf die Kanaren fliegen will?

Dahle: Na ja, Sie sollten zumindest die Aufenthaltsdauer überdenken, denn die Anreise macht bei der Klimabilanz fast immer den Löwenanteil aus. Wer in den Mittelmeerraum fliegt, in die Türkei, oder etwas weiter auf eine Kanareninsel, sollte schon zehn Tage bis zwei Wochen bleiben. Fernreisen nach Amerika, Asien oder Australien sollte man nicht unter drei Wochen machen - so als Faustregel.

IM FOKUS: Ein Flug ist so umweltschädlich wie ein Jahr Autofahren, hat man früher gesagt. Stimmt das so noch?

Dahle: Es kommt darauf an, wohin Sie fliegen und mit wie vielen Personen Sie im Auto sitzen. Die Ferienflieger werden immer effizienter. Darüber kann man sich zum Beispiel bei der Klimaschutzorganisation atmosfair informieren. Dort gibt es eine Rangliste der effizientesten Charterfluggesellschaften. Trotzdem bleibt Fliegen natürlich die klimaschädlichste Art des Reisens.

IM FOKUS: Wer fliegt, kann bei atmosfair auch eine freiwillige Klima-Abgabe leisten. Bringt das etwas oder beruhige ich damit nur mein schlechtes Gewissen?

Dahle: Man sollte primär versuchen, Flüge zu vermeiden oder zu reduzieren. Ist ein Flug dennoch nötig, ist eine Klima-Abgabe aber ein guter Weg, Emissionen zu kompensieren. Atmosfair ist übrigens sehr renommiert, das Geld fließt in nachhaltige Projekte.

IM FOKUS: Und wenn ich nicht aufs Fliegen verzichten will: Lieber öfter ein kürzerer Flug oder ab und zu eine Fernreise?

Dahle: Bei Fernflügen werden unglaublich hohe Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Bei einer Reise nach Mexiko zum Beispiel sind Sie hin und zurück bei mehr als 6000 Kilogramm CO2 pro Person. 

Im FOKUS: Wie viel ist das im Vergleich?

Dahle: 6000 Kilogramm - so viel CO2-Emissionen verursacht ein Deutscher im Schnitt in einem halben Jahr und das ist eigentlich auch viel zu viel. Für 6000 Kilo Kohlendioxid können Sie ein halbes Jahr lang heizen, einkaufen, eben Ihrem Alltag nachgehen.

IM FOKUS: Auch WWF-Partner bieten Fernreisen in Naturschutz-Projektgebiete an, zu den Orang-Utans auf Borneo etwa. Wie lassen sich da die langen Flüge rechtfertigen?

Dahle: Die Touristen tragen mit ihrem Eintrittsgeld für die Nationalparks dazu bei, dass lokal Jobs entstehen, die Tiere geschützt werden und die Wilderei zurückgedrängt wird. Damit wird gezeigt: Ein lebender Gorilla ist mehr wert als ein toter. Diese Art von Tourismus ist also aktiver Naturschutz.

IM FOKUS: Der WWF hat verschiedene Reisen in puncto Klimafreundlichkeit verglichen. Was ist denn besser? Eine Woche mit dem Auto nach Österreich zum Wintersport fahren oder für zwei Wochen nach Mallorca fliegen?

Dahle: Der Skiurlaub in Österreich schnitt in unserer Berechnung im Vergleich besser ab, weil Sie nicht fliegen müssen. Sie sparen dabei insgesamt umgerechnet rund 17 Kilogramm CO2 am Tag.

Alpines Skifahren ist schlecht für Natur und Klima (Foto: imago)
IM FOKUS: Skifahren ist aber doch aus anderen Gründen problematisch.

Dahle: Das stimmt. Pisten und Skilifte beeinträchtigen die Pflanzen- und Tierwelt. In vielen Regionen kommen Schneekanonen zum Einsatz. Das kostet viel Energie und Wasser und lässt die Klimabilanz schlecht aussehen. Der WWF fordert daher so wenig künstlichen Schnee wie möglich und will, dass keine neuen Skigebiete mehr erschlossen werden.

IM FOKUS: Ist Langlaufen die bessere Alternative?

Dahle: Auf jeden Fall. Man bewegt sich aus eigener Kraft fort und ist nicht auf Seilbahnen oder Schlepplifte angewiesen, die ja auch Energie verbrauchen.

IM FOKUS: Mal ein Vergleich: Pauschalreise oder Individualreise?

Dahle: Ich rate grundsätzlich eher zur Individualreise – nicht nur wegen der schlechten Klimabilanz von riesigen Hotelanlagen mit Pools und allem möglichen Luxus. Die Menschen im Gastgeberland profitieren in der Regel direkter vom Urlauber, wenn er zu ihnen in ihr kleines Hotel kommt, in verschiedenen Restaurants isst, in Museen geht oder bei einem lokalen Anbieter einen naturverträglichen Ausflug bucht. 

IM FOKUS: Welche Aktivitäten sollte ich mir besser verkneifen?

Dahle: Alles, was viel Energie verbraucht: Heli-Skiing zum Beispiel, also sich mit einem Helikopter zum Skifahren auf den Berg fliegen lassen. Offroad mit Quads herumfahren, ohne zu wissen, was man da an Pflanzen kaputt macht. Motorisierte Wassersportarten sollte man auch eher meiden. Ein Ausflug mit einem Katamaran ist besser als mit einem Schnellboot.

IM FOKUS: Und wie erkenne ich ein Hotel, das auf Umweltschutz achtet?

Dahle: Es gibt jede Menge Gütezeichen. Es ist aber gar nicht so einfach, da durchzublicken. Auf der  Internetseite von ecotrans findet man einen Labelführer für nachhaltige Unterkünfte und Veranstalter.

IM FOKUS: Wie verhalte ich mich vor Ort richtig?

Dahle: Erkunden Sie die Umgebung zu Fuß oder mit dem Rad. Nutzen Sie den Nahverkehr, gehen Sie wandern. Suchen Sie sich einen Wintersportort ohne Kunstschnee. Achten Sie auf Ihren Wasserverbrauch. Man muss ja nicht jeden Tag dreimal duschen. Lassen Sie die Klimaanlage nicht laufen. Bestellen Sie sich nicht immer Fleisch, das hat auch eine hohe Klimarelevanz. 

IM FOKUS: Und was sagen Sie zu Kreuzfahrten?

Dahle: Kreuzfahrten sind sehr energieintensiv, weil man sich ja quasi mit seinem ganzen Hotel bewegt. Eher mit Vorsicht zu genießen. Denn einerseits reist man häufiger bereits mit dem Flugzeug zum Kreuzfahrtschiff, und darüber hinaus verursacht das Schiff selbst hohe Emissionen.

Das Interview führte Julia Romlewski

Zur Person

Mila Dahle arbeitet seit 2014 beim WWF Deutschland an der Entwicklung und Umsetzung eines nachhaltigeren Tourismusansatzes zum Schutz der weltweiten Artenvielfalt. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften mit den Schwerpunkten ökologisches Marketing, Umweltökonomie und Systemmanagement und leitete das Umweltmanagement der TUI AG.

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