Immer mehr Verbraucher wollen keine Pestizide in ihren Lebensmitteln (Foto: Global 2000/Flickr.com)
31.07.2018
Kommentar

Raus aus dem Pestizid-Karussell

Mit dem Unkraut sterben die Wildpflanzen. Und die Bienen. Und die Vögel. Die zerstörerische Wucht von Pestiziden ist bekannt. Also tun Sie endlich was dagegen, Frau Klöckner! Von Gerald Wehde

Der intensive Einsatz von Pestiziden bedroht die biologische Vielfalt in der Kulturlandschaft. Diese Botschaft ist mit der Diskussion um Glyphosat und die Bienenkiller der Wirkstoffgruppe Neonicotinoide auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Und damit die Bedeutung von Insekten für unsere Ökosysteme und unser eigenes Überleben. Inzwischen wird immer mehr Menschen bewusst, dass Pflanzenkiller wie Glyphosat die Nahrungskette von Wildpflanzen über Insekten bis zu den Vögeln zerstören.

Auch die Nutzer von synthetischen Pestiziden, die konventionell wirtschaftenden Bauern, kommen endlich ins Grübeln. Denn die einfache chemische Keule funktioniert nicht mehr reibungslos. So wirken immer mehr chemische Mittel nicht mehr gegen bestimmte Unkräuter oder Schädlinge. Diese haben sich an die Chemie angepasst – sind resistent geworden. Ackerbauern suchen deshalb verstärkt nach Alternativen zu Pestiziden, zum Beispiel weite Fruchtfolgen, also viele Kulturen in Abfolge auf dem Acker, oder die mechanische Unkrautbekämpfung. Methoden, die im ökologischen Landbau gängige Praxis sind.

Auch der Verbraucher will eine Veränderung: Wer will schon regelmäßig einen Cocktail aus Pestiziden zu sich nehmen? Aber genau das tut, wer heute konventionell erzeugtes Obst und Gemüse isst. Laut einer Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit weisen 80 Prozent der Obstproben Mehrfachrückstände auf, im Durchschnitt fünf verschiedene Wirkstoffe. Doch wie diese Stoffe vor allem in Kombination auf den Organismus wirken, bleibt bisher im Dunkeln. Denn die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen. Meldungen über Glyphosat im Urin verunsichern viele Menschen. Sie misstrauen dem löchrigen Zulassungssystem für Pestizide und zweifeln immer mehr an den Beteuerungen der Behörden, dass die zulässigen Höchstwerte in Lebensmitteln unbedenklich und geprüft sind.

Alles gute Gründe für einen Ausstieg aus dem Pestizid-Karussell. Diese Gründe sind nicht neu, und doch hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich etwas verändert. Über 30.000 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe landen jährlich auf unseren Feldern. Und die Zahl steigt seit Jahren – trotz allen Schönredens von Politik und Agrarindustrie. Jahr um Jahr werden neue synthetische Pestizide entwickelt, verkauft und auf die Felder ausgebracht, bis der von ihnen verursachte Umweltschaden deutlich wird und sie - manchmal erst Jahrzehnte später - wieder verboten werden. Und jedes Mal werden die Pestizide dann durch neue ersetzt. Doch neue Chemikalien bringen neue Probleme mit sich. Das Profitkarussell dreht sich munter weiter. Glyphosat und Neonicotinoide sind daher nur ein Symptom einer verfehlten Pestizidpolitik.

Frau Ministerin Klöckner: Sie sind am Zug! Längst schon hätte die Politik diesem fatalen Trend entgegenwirken müssen. Isolierte Ackerbaustrategien und einzelne Studien zum Insektensterben helfen nicht mehr weiter. Wir brauchen endlich ein ernsthaftes Reduktionsprogramm, dass die Ausbringung von synthetischen Pestiziden in der Fläche deutlich minimiert. Bevor das Pestizid-Karussell eine neue Runde dreht.

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