Die Erde nicht wie einen Spielball behandeln: Die Staaten müssen ihre Ziele zum Klimaschutz ernst nehmen (Foto: imago/ZUMA Press)
14.12.2015
Kommentar zum Klimaschutzabkommen

Motivation statt Zwang

Der Klimavertrag in Paris ist ein wichtiger Schritt. Jetzt müssen die Regierungen zeigen, wie ernst sie ihre Ziele verfolgen. Dabei muss auch die Landwirtschaft stärker in den Fokus rücken. Von Gerald Wehde

Es ist geschafft: Nach mehreren gescheiterten Anläufen konnten sich 195 Staaten in Paris auf ein Klimaschutzabkommen einigen. Zum ersten Mal wird die 2-Grad-Obergrenze in einem völkerrechtlichen Abkommen verankert. Darüber hinaus sollen sich die Staaten anstrengen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch es bleibt eine gewaltige Kluft zwischen diesem ehrgeizigen Klimaziel auf dem Papier und den konkreten Maßnahmen zur Erreichung des Ziels. Denn die vorliegenden Klimaschutzpläne der Staaten würden lediglich den Temperaturanstieg auf 2,7 Grad zu begrenzen. Wann beispielsweise der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe/Energieträger geschafft sein soll, bleibt offen. Klimaneutralität - also ein Gleichgewicht von CO2-Ausstoß und -Aufnahme, zum Beispiel durch Wälder - soll in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erreicht werden.

Paris war erfolgreich, weil es auf Motivation der Staatengemeinschaft setzte, statt auf Zwang. Dennoch kann sich in Zukunft kein Land mehr völlig aus der Verantwortung stehlen - jedes muss nationale Ziele formulieren und alle fünf Jahre über deren Verschärfung reflektieren. Das ist ein Fortschritt, aber keine Erfolgsgarantie.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sagte zu Recht zum Abschluss der Konferenz: "Paris ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines langen Weges, auf den die Weltgemeinschaft sich geeinigt hat". Dabei ist offen, ob sich die schwache Klimapolitik der letzten Jahrzehnte fortsetzt, oder eine Transformation zu einem anderen Weltwirtschaftsmodell ohne fossile Energieträger gelingt.

Deutschland muss als größter Emittent von Kohlendioxid in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen und den forcierten Ausstieg aus der Kohle organisieren. In unserem Land werden immer noch rund 44 Prozent des Stroms aus Kohle erzeugt, davon mehr als die Hälfte aus besonders schmutziger Braunkohle. Gerade ist die Bundesregierung gescheitert, ein effizientes Instrument gegen die klimaschädliche Kohleverstromung zu installieren. Die Bundesregierung muss endlich wirksame politische Maßnahmen zum Umbau des Energiesystems und damit für 100 Prozent erneuerbare Energien ergreifen. Ansonsten bleibt Bundeskanzlerin Angela Merkel unglaubwürdig.

Viel wird davon abhängen, ob das Paris-Abkommen das größte Investitionsprogramm in der Menschheitsgeschichte auslösen wird, wie es US-Außenminister Kerry auf der Klimakonferenz prognostizierte. Erneuerbare Energien sind mittlerweile bezahlbar und wettbewerbsfähig geworden. Und große Investmentfonds entziehen Ölmultis ihre "Kohle". Das gibt Hoffnung.

Doch in einer Welt mit einer künftig neutralen Treibhausgasbilanz müssen Strategien in den Fokus rücken, wie man Kohlendioxid binden kann. Technische Lösungen reichen dafür nicht aus. Der Schutz und Erhalt von Ökosystemen, großflächige Aufforstung und eine Landwirtschaft, die CO2 über Humusaufbau in ihren Böden speichert, müssen in den Fokus rücken. Leider spielt die Landwirtschaft im Pariser-Vertrag keine Rolle, obwohl sie rund ein Drittel der globalen Treibhausgase verantwortet. Die Zerstörung fruchtbarer Böden muss gestoppt und stattdessen das Potential gesunder Böden für den Klimaschutz genutzt werden.

Wollen wir sehenden Auges unsere Lebensgrundlagen zerstören und mehr Hunger und Armut im globalen Süden verantworten? Ich sage nein! Eine Klimapolitik der Zukunft duldet keinen Aufschub mehr. Es gibt also sehr viel zu tun, damit sich eine weitere Aussage von Umweltministerin Hendricks zum Abschluss der Konferenz nicht als Wunsch einer erschöpften Klimadiplomatin erweist: "Wir haben hier zusammen Geschichte geschrieben."

Entscheidend wird auch folgende Frage: Wie kommen wir weg von nationalen Egoismen zu einer Verantwortung für das globale Ganze? Die Antwort ist: Gerechtigkeit und Teilen. Das einseitig auf Wachstum ausgerichtete Wohlstandsmodell wird nicht mehr tragen. Auch die Konsum- und Produktionsmuster vieler Industrie- und Schwellenländer können wir uns nicht mehr erlauben. Bei dieser Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft ist jedes Land und jeder von uns gefordert. Packen wir es also an! Die kleinen Entscheidungen jedes Einzelnen machen zusammen den großen Unterschied: Elektro-Kleinwagen statt SUV und Biofleisch in Maßen statt Billigfleisch aus Massentierhaltung.

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