Der Wirkstoff Glyphosat ist auch in Pestiziden für Kleingärtner. Das bekannteste Mittel ist Roundup (Foto: PanoramiC/imago)
05.10.2015
Kommentar zur Pestizidabgabe

Eine Pestizid-Steuer allein reicht nicht

Eine Pestizid-Steuer wird die Umweltprobleme durch Ackergifte nicht lösen, aber die Verursacher in die Verantwortung nehmen. Deshalb setzt sie ein wichtiges politisches Zeichen. Von Gerald Wehde

Wer etwas zerstört, soll es auch wieder richten. Oder zumindest dafür zahlen. Aber wie viel soll es kosten, wenn man die Artenvielfalt zerstört? Das Wasser verschmutzt? Oder die Gesundheit von Menschen gefährdet? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Deshalb kann eine Steuer auf chemisch-synthetische Pestizide gar nicht hoch genug ausfallen. Sie kann nur sehr begrenzt die Verursacher für versteckte Kosten in die Verantwortung nehmen: für Umweltschäden, Artenverlust, Brunnenschließungen oder Krankheitsbehandlungen.

Diese Folgeschäden gehen zulasten anderer, während die Pestizidhersteller immer größere Gewinne einfahren. Selbst Anwendungskontrollen und staatliche Rückstandsanalysen werden aus Steuergeldern bezahlt. Das Verursacherprinzip wird bisher grob missachtet. Die Einführung einer Pestizid-Steuer, wie sie die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) empfehlen, setzt daher ein richtiges Signal: Wer für den Schaden sorgt, soll auch dafür bezahlen. Deutschland muss nun Dänemark, Frankreich und Schweden folgen, wo es solche Pestizid-Abgaben schon längst gibt.

Klar ist aber auch: Eine Pestizidsteuer allein reicht nicht. Mit Geld allein kann man der Natur nicht helfen. Es braucht auch Verbote, die dafür sorgen, dass umwelt- und gesundheitsschädliche Substanzen gar nicht erst eingesetzt werden dürfen. Das zeigt aktuell die Diskussion um Glyphosat, den weltweit am meisten eingesetzten Pestizid-Wirkstoff. Vom Kleingärtner bis zu riesigen Monokulturen mit gentechnisch veränderten Pflanzen wird es in sämtlichen Bereichen als Totalherbizid eingesetzt, es tötet alle Wildpflanzen und wird in Deutschland auf 40 Prozent der Ackerfläche versprüht.

Seit Jahren warnen Wissenschaftler und Umweltschützer vor den Schäden für Mensch und Natur: Glyphosat dezimiert die Artenvielfalt in Agrarlandschaften, beeinträchtigt den Orientierungssinn von Bienen, schädigt Boden- und Wasserlebewesen und ist beim Menschen hormonell und zellschädigend wirksam. Selbst im Urin von Großstadtbewohnern, die keinen direkten Kontakt mit dem Mittel haben, ist es nachweisbar. Obwohl dieses Jahr sogar die Krebsforschungseinrichtung der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hat, ist ein Verbot bislang nicht erfolgt. Das Bundesamt für Risikobewertung, das in Deutschland für die Zulassung von Pestiziden zuständig ist, ignoriert diese Warnung genauso wie die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Anderes Beispiel: Zum Schutz der Bienen müssen Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid aus der Gruppe der Neonicotinoide - auch bekannt als "Bienenkiller" - dauerhaft verboten werden. Auch dies ist bisher nicht erfolgt. Das zeigt: Bis eine Substanz aus dem Verkehr gezogen wird, kann noch viel davon auf den Feldern versprüht werden. Und es drängt sich die Frage auf: Was muss eigentlich noch passieren, damit solche Mittel endlich von den Zulassungslisten verschwinden?

Deshalb ist es wichtig, den Verbrauch von Ackergiften auch mit anderen Instrumenten zu drosseln. Eines davon ist der Preis. Werden auf Pestizide Abgaben erhoben, steigen die Kosten. Folglich überlegt sich ein Landwirt oder Gärtner, ob er denn nicht an dem Pestizid sparen und weniger davon einsetzen könnte. Ganz darauf verzichten wird er wohl kaum. Wer aber erst gar keinen Schaden will, braucht auch Verbote. Denn dass es auch ohne Chemiekeulen funktioniert, beweisen täglich tausende Biobauern.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Studie: Glyphosat beeinträchtigt den Orientierungssinn von Bienen: www.jeb.biologists.org

Studie: Glyphosat schädigt Regenwürmer: www.nature.com

Studie: Glyphosat wirkt zellschädigend: www.i-sis.org.uk

Untersuchung zum Thema Glyphosat und Gentechnik: www.testbiotech.de