Bio-Hühner haben Auslauf im Freien: Sie können in der Erde scharren, ein Staubbad nehmen - oder den Ausblick genießen (Foto: Magdalena Fröhlich)
11.12.2013
Kommentar

Die scheinheiligen Versprechen der Regionalität

Lebensmittel mit Aufschriften wie "aus unserer Region" versprechen vieles, halten aber kaum etwas: Transparenz, Klimaschutz, gute Arbeitsplätze auf dem Land - wer sicher gehen will, kauft bio. Ein Kommentar von Jan Plagge

Zurzeit heißt es immer wieder: Regional ist das neue Bio. "Regional", das verbinden viele Menschen mit Grünkohl mit Pinkel, Obst und Gemüse vom Wochenmarkt, überschaubaren Strukturen und einer schönen Landschaft. Aber was ist, wenn das Fleisch von der Massentierhaltungsanlage kommt? Wenn ein konventioneller Apfel mit 40 chemischen Pestiziden behandelt wurde? Und wenn die Landschaft eine Maiswüste ist? All das gibt es auch in der Region. Aber mit gesunden Lebensmitteln, Umwelt- und Klimaschutz, Biodiversität und Transparenz, also all dem, was sich viele Verbraucher Studien zufolge unter Regionalität vorstellen, hat es rein gar nichts zu tun.

Wer auf diese Punkte besonderen Wert legt, muss zunächst auf etwas anderes achten - auf Bioprodukte. Denn: Ein Bio-Acker kann doppelt so viel CO2 im Boden speichern wie ein konventioneller, auf Biohöfen leben durchschnittlich 85 Prozent mehr Pflanzenarten und arbeiten im Schnitt 34 Prozent mehr Menschen. Alle Biohöfe werden mindestens einmal pro Jahr kontrolliert, bei den konventionellen Höfen ist es gerade mal ein Prozent. Außerdem: Da viel weniger Hilfs- und Zusatzstoffe erlaubt sind, fördert Bio noch echtes Lebensmittelhandwerk.

Beneidenswert sind die Verbraucher, die im nahegelegenen Hofladen einkaufen können. Denn hier kommen die Vorteile von Bio und Regionalität zusammen, die Stärkung der lokalen Wirtschaft zum Beispiel. Nur: Hofläden gibt es nicht überall.

Bio und regional - das schließt sich in keiner Weise aus. Und natürlich setzen auch die Bioverbände in besonderem Maße auf Lebensmittel aus regionaler Erzeugung - Bioland-Höfe etwa gibt es nur in Deutschland und Südtirol. Wer aber ausschließlich regionale Lebensmittel haben möchte, muss auf vieles verzichten. Ihm bleibt nur, was zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich vor seiner Haustür, wächst.

ZUR PERSON

Jan Plagge (Jahrgang 1971) ist seit März 2011 Präsident von Bioland e.V. Er wurde von den Deligierten des Verbandes für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt. Die Aufgabe des Präsidenten ist es, den Verband nach innen und außen zu vertreten. Gemeinsam mit dem Präsidium, einem Gremium aus 15 ehrenamtlichen Mitgliedern, muss er dafür sorgen, dass die Aufgaben, die die Bundesdeligiertenversammlung dem Verband überträgt, umgesetzt werden. 

ÜBER BIOLAND

Über den Bioland-Verband und seine basisdemokratische Struktur

Vergleich Bioland-EU-Bio (PDF)

Wer dagegen etwas weniger radikal lebt und sich auch Orangen und Kaffee oder eine Paprika im Winter gönnen möchte, kommt um Importware nicht herum. Auf gesunde und unter ökologischen Gesichtspunkten erzeugte Lebensmittel muss er deshalb aber nicht verzichten. Und wenn Sie jetzt fragen, ob eine Paprika aus Israel oder Marokko noch bio sein kann, entgegne ich: Ja. Schließlich macht es auch bei der Paprika in der Ferne einen Unterschied, ob sie unter Einsatz von Pestiziden und anderen umweltschädlichen Praktiken gezogen wurde. Gewiss, es fallen Transportwege an, die man bei regionalen Lebensmitteln nicht hat, und das bedeutet einen höheren CO2-Ausstoß. Hier gilt es also abzuwägen: Will ich mich ausschließlich gemäß der Jahreszeiten ernähren oder greife ich außerhalb der Saison auch mal zu marokkanischem Gemüse oder gar neuseeländischem Obst? Ich auf jeden Fall möchte kein Appetitverderber sein: Möge jeder seine Paprika essen, wenn er darauf Lust hat. Aber bio sollte sie dann schon sein.

Woran liegt es aber, dass man nicht nur im Winter viel importiertes Obst und Gemüse in den Bioläden findet? Die Antwort ist einfach: Es gibt hierzulande schlichtweg zu wenig Biohöfe, um die Nachfrage zu befriedigen. Regierungen anderer Länder sprechen dem Biolandbau eine höhere Bedeutung und somit auch Förderung zu. Deshalb liegt es nicht nur am Verbraucher, auch - und gerade - die Politik steht in der Verantwortung. Sie schafft den Rahmen, in dem Biolandbau möglich ist.

Wenn Sie demnächst im Supermarkt also wieder vor der angepriesenen Ware "aus unserer Region" stehen, schauen Sie nach Biolebensmitteln! Denn erst dann kommt zur Angabe einer Region auf der Verpackung echter Inhalt - und der ist durch die EU-Öko-Verordnung auch noch gesetzlich geschützt.

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