Kartoffeln sind bei Hobbygärtnern sehr beliebt (Foto: Sonja Herpich)
05.11.2019
Kartoffeln selbst anbauen

"Wo Regenwürmer Partys feiern"

Wilfried Stegmann weiß, wie man Linda und Sieglinde so richtig verwöhnen kann. Im Interview erklärt der Kartoffelfachmann, wie man dieses Wellness-Programm auch den eigenen Knollen im heimischen Garten angedeihen lassen kann. Das Interview führte Angelika Franz

IM FOKUS: Wenn ich Kartoffeln in meinem eigenen Garten anbauen möchte, muss ich dann das Gleiche beachten wie ein Bauer auf seinem Feld?

Wilfried Stegmann: Die Voraussetzungen, unter denen Kartoffeln gut wachsen, sind natürlich auf dem Feld nicht anders als im Garten. Aber als Gärtner in meinem eigenen Beet habe ich den Vorteil, dass ich die Pflanzen so richtig verwöhnen kann. Was auf dem Feld zu teuer und zu aufwändig wäre, kann ich mir für den Hausgarten schon mal leisten – es ist ja ein Hobby.

IM FOKUS: Was wäre denn das perfekte Wellness-Programm für meine Kartoffeln?

Stegmann: Ich fange damit an, dass ich den Kartoffeln einen lockeren Boden biete, in dem sie sich so richtig wohlfühlen. Nach dem Umgraben im Frühling bringe ich zur Vorbereitung drei Liter Kompost pro Quadratmeter aus und harke ihn ein. Kompost ist ein organischer Multidünger, in dem alle Nährstoffe von Mikroorganismen aufgeschlossen wurden. So kann sich die Pflanze ganz einfach nehmen, wassie davon braucht, und ist total zufrieden. Wir nennen Kompost auch das „schwarze Gold“, weil er für den Boden durch seinen hohen Humusanteil so unendlich wertvoll ist.

Zur Person

Der Agraringenieur Wilfried Stegmann arbeitet am Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau Niedersachsen. 2006 hat er die Auszeichnung "Kartoffel des Jahres" ins Leben gerufen. Zu seinen Spezialgebieten zählen Humusaufbau und nachhaltiges Nährstoffmanagement.

IM FOKUS: Wo kriege ich den Kompost her?

Stegmann: Wer richtig gärtnern will, sollte sich seinen eigenen Kompost machen. Dann lohnt es sich auf jeden Fall, in einen guten Komposter zu investieren und die Gartenabfälle nicht einfach nur auf einem Haufen verrotten zu lassen. Fertigen Kompost kann ich aber auch im Gartenfachhandel oder bei einer Kompostierungsanlage kaufen.

IM FOKUS: Und wenn dann alles fertig vorbereitet ist, setze ich die Kartoffeln in ihr Schlaraffenland?

Stegmann: Nein, nicht einfach so ... Kartoffeln sollten ab März vier bis sechs Wochen lang bei Raumtemperatur und Tageslicht auf der Fensterbank vorkeimen. Im Sonnenlicht bilden die Kartoffeln zwei bis drei Zentimeter lange, grünliche Triebe. Mit diesen nach oben werden sie dann in einem Abstand von 30 Zentimetern bei einem Reihenabstand von 70 Zentimetern ins Beet gesetzt Abschließend häufel ich die Reihen der Knollen mit 15 bis 20 Zentimeter hohen Erdwällen an. So wird der Boden um die Kartoffeln schneller warm.

IM FOKUS: Wann ist denn die beste Zeit, um meine vorgekeimten Kartoffeln ins Beet zu setzen?

Stegmann: Das kommt ein bisschen auf die Region und auf die Sorte drauf an. Im April kann’s schon losgehen. Aber der Volksmund sagt: „Legst du mich im April, komm ich, wann ich will. Legst du mich im Mai, komm ich glei‘.“ Mit dem Aussetzen Anfang Mai kann ich also nix falsch machen.

IM FOKUS: Apropos Sorten, welche eignen sich denn für den Garten am besten?

Stegmann: Eignen tun sich fast alle. Am meisten Spaß macht es aber, wenn man ganz viele verschiedene Sorten pflanzt. Dann habe ich auch die größte Vielfalt auf dem Teller, kann mit unterschiedlichen Farben experimentieren und vielleicht sogar ein paar alte Sorten ausprobieren, die meine Großeltern noch kennen oder die typisch für meine Region sind.

IM FOKUS: Wo bekomme ich die denn her?

Stegmann: Am besten frage ich den Biobauern meines Vertrauens, ob er mir ein paar seiner Pflanzkartoffeln verkauft. Wenn ich keinen guten Wochenmarkt oder Hofladen in der Nähe habe, kann ich mir Pflanzkartoffeln aber auch problemlos im Internet bestellen.

IM FOKUS: Gut, jetzt habe ich den Boden vorbereitet und meine Kartoffeln reingelegt. Was kann ich noch für sie tun?

Stegmann: Jetzt geht es darum, den Boden und damit auch meine Kartoffelpflanzen zu schützen. Direkt nach dem Pflanzen bestreue ich das Beet mit einer fünf Zentimeter dicken Schicht aus Grasschnitt vom Rasenmäher. Diese Mulchschicht ergänze ich bei den nächsten Rasenschnitten immer wieder. Mulch hält die Feuchtigkeit viel besser im Boden, verringert den Unkrautdruck und verhindert, dass der Boden bei zu viel Sonne austrocknet oder bei starkem Regen weggewaschen wird. Die Mulchschicht ist wie eine schöne, kuschelige Decke, unter der die Pflanzen sich wohl fühlen. Das verwelkende Gras wirkt auch als Dünger und ist beliebte Nahrung bei Regenwürmern. Die Kartoffelpflanzen haben genug Kraft, so dass sie leicht die Mulchschicht durchstoßen.

IM FOKUS: Und wann darf ich endlich ernten?

Stegmann: Ab Mitte Juli kann ich anfangen, meine Kartoffeln zu ernten - aber nur so viel, wie gerade auf den Tisch kommen sollen, denn dann sind sie noch nicht lange lagerfähig. Im September, wenn die Blätter bereits mehrere Wochen vertrocknet und die Knollen schalenfest sind, können die Kartoffeln eingelagert werden. Nach der Ernte säe ich noch eine insektenfreundliche Zwischenfrucht aus.

IM FOKUS: Kann ich Jahr für Jahr Kartoffeln an dieselbe Stelle pflanzen?

Stegmann: Die Lehrmeinung sagt „Nein“ – ich sage „Im Mulchgarten: Ja“. Ich kenne einen Hobby-Mulchgärtner, der schon seit über 30 Jahren jedes Jahr Kartoffeln auf das gleiche Beet pflanzt. Wenn ich meinen Boden gut pflege, dann wird er nicht müde, sondern immer fitter. Einen gesunden Boden erkenne ich übrigens an der Menge der Regenwürmer. Pro Quadratmeter sollten sich da zwischen 200 und 400 Regenwürmer tummeln. In einem Boden, in dem sich Regenwürmer so wohl fühlen, dass sie Partys feiern, wachsen auch Kartoffeln gut.

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