Reisbauern in China (Foto: imago)
21.06.2016
Bio-Kontrollen im Ausland

"Wir wühlen auch gern mal im Müll"

In Europa müssen sich alle Biobauern an die EU-Ökoverordnung halten. Die garantiert Mindeststandards. Aber im Bioladen findet man auch jede Menge Lebensmittel aus Übersee - Reis oder Kaffee etwa. Bio-Kontrolleur Tobias Fischer erklärt, warum wir auch diesen Produkten trauen dürfen - meistens jedenfalls.

IM FOKUS: Herr Fischer, an welche Regeln müssen sich Biobauern in Übersee halten?

Fischer: Einige Länder haben Produktionsstandards, die die EU als gleichwertig anerkennt. Die Schweiz, Israel oder Argentinien etwa dürfen mit ihren nationalen Bio-Zertifikaten frei in die EU importieren. Woanders müssen Bioproduzenten nachweisen, dass sie sich an die EU-Ökoverordnung halten. Da kommt dann ein von Brüssel anerkannter Öko-Kontrolleur vorbei.

IM FOKUS: Für den Biobauern in Ecuador gelten dieselben Regeln wie für den bayerischen Biobauern?

Fischer: Im Wesentlichen schon. Allerdings ist nicht alles überall eins zu eins umsetzbar, weil die Ökoverordnung für europäische Verhältnisse geschrieben wurde. Das ist schade. Man hätte die Verordnung auch so schreiben können, dass sie auf der ganzen Welt umgesetzt werden kann.

IM FOKUS: Wo gibt es denn Probleme?

Fischer: Biobauern in der EU dürfen zum Beispiel nur dann konventionelles unbehandeltes Saatgut nehmen, wenn sie dafür eine Genehmigung beantragen und in der europäischen Bio-Saatgutdatenbank kein Ökosaatgut zur Verfügung steht. Ein Gemüsebauer in Ecuador kann aber mit dieser Datenbank wenig anfangen. Da muss man schauen, was er bei sich vor Ort kaufen kann, und wir fragen vorher entsprechende Nachweise für die Nicht-Verfügbarkeit von Bio-Saatgut ab.

Zur Person

Tobias Fischer ist Inspektor und Zertifizierer bei der internationalen Kontrollstelle Kiwa BCS Öko-Garantie mit Hauptsitz in Nürnberg. Er war bereits in mehr als 15 Ländern als Kontrolleur unterwegs. Fischer hat in Geisenheim Gartenbau studiert.

IM FOKUS: Kleinbauern in Übersee schließen sich meist zu einer Kooperative zusammen. Wie kontrolliert man eine Kaffeekooperative in Südamerika? Klappern Sie jeden einzelnen Kaffeebauern ab?

Fischer: Nein. Die Kooperative hat von uns geschulte interne Kontrolleure. Wir schauen uns bei unserem Besuch die Unterlagen zu den einzelnen Mitgliedern an und machen stichprobenartige Kontrollen, meistens bei zehn Prozent der Betriebe. Wenn wir aber feststellen, dass einiges schief gelaufen ist, überprüfen wir alle.

IM FOKUS: Und worauf achten Sie beim Kaffee?

Fischer: Kaffee ist eine recht anspruchslose und damit risikoarme Kultur, vor allem wenn sie in Mischkulturen angebaut wird. Die Gefahr, dass illegal Pestizide eingesetzt werden, ist also nicht so groß wie bei anderen Pflanzen. Wichtig ist vor allem die Rückverfolgbarkeit bis aufs Feld. Wir überprüfen, ob ein Bauer die gelieferten Mengen auch wirklich produzieren konnte. Bei Kaffee sind die Wege oft sehr verschlungen, einer baut an, gibt die Bohnen dann weiter, ein anderer schält sie.

IM FOKUS: Eine Kontrolle kann ja dann ein richtiges Abenteuer werden.

Fischer: Es gibt tatsächlich Betriebe, die nur mit Esel oder zu Fuß zu erreichen sind. Sehr abgelegene Gegenden sind für uns Kontrolleure unpraktisch, aber vorteilhaft für die Bioproduktion, weil sie naturbelassen sind und die Bauern sich nicht mal eben einen Sack Kunstdünger kaufen können.

IM FOKUS: Mit der Zeit entwickelt man sicher einen Riecher für Betrügereien. Wann sind Sie alarmiert?

Fischer: Ich fühle dem Bauern immer auf den Zahn. Ich frage, was er über Bio weiß und was seine Bewegründe für Bio sind, bevor wir aufs Feld gehen. Für den Dünger hat er vielleicht keinen Kaufbeleg mehr, kann mir aber noch einen halben Sack zeigen. Und ich prüfe, ob ich im Boden Rückstände vom pflanzlichen Dünger finde, den er verwendet haben will. Wir wühlen auch gerne mal im Müll. Da hab ich schon leere Flaschen mit Pflanzenschutzmitteln gefunden.

IM FOKUS: In China ist das Risiko für Biobetrug besonders hoch. Immer wieder werden Chemikalien in Bio-Lebensmitteln gefunden. Würden Sie generell von China-Produkten abraten?

Fischer: China steht seit ein paar Jahren extrem im medialen Fokus, ist aber nicht das einzige problematische Land. Weil es immer wieder zu Betrügereien  kommt, haben wir unsere Kontrollen verschärft.

IM FOKUS: Trotzdem finden Sie immer noch in 20 Prozent der chinesischen Teeproben Pestizidrückstände.

Fischer: Daran sind aber nicht immer die Biobauern schuld. Man muss sich klarmachen, dass Bio nicht in einem hermetisch abgeriegelten Gewächshaus stattfindet. Pestizide können auch von konventionellen Feldern rüberwehen.

IM FOKUS: Was machen Sie, wenn Sie hohe Rückstände finden?

Fischer: Wenn wir die Ursache nicht eindeutig klären können, müssen wir davon ausgehen, dass der Bauer selbst Pestizide verwendet hat, und stellen ihm kein Bio-Zertifikat für Europa aus.

Im FOKUS: Ist er dann für immer gesperrt?

Fischer: Theoretisch kann er noch einmal die Umstellungszeit auf Bio durchlaufen. Aber wenn wir kein Vertrauen mehr in einen Betrieb haben, zertifizieren wir ihn auch nicht mehr. Das melden wir auch nach Brüssel. Die Kontrollstellen tauschen sich auch untereinander über die Vorgeschichte eines Betriebes aus.

Im FOKUS: Noch einmal: Kann Auslandsware so sicher sein wie heimische Bio-Lebensmittel?

Fischer: Bio-Auslandsware wird schon gut kontrolliert. Trotzdem wäre es schöner, wenn es mehr regionale Bio-Lebensmittel gäbe.

Die Fragen stellte Julia Romlewski

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