Die Bio-Blumen kommen bald vom Gewächshaus ins Freie (Foto: Magdalena Fröhlich)
11.05.2016
Stadtgärtner im Interview

"Statt Chemie geht's auch mit einer Streichelmaschine"

Früher liefen die Gärtner mit Schutzanzügen durch die Gewächshäuser, jetzt will sich die Heidelberger Stadtgärtnerei bio-zertifizieren lassen. Damit ist sie die erste in Deutschland überhaupt. Wolfgang Morr, Betriebsleiter und Martin Geißler, geschäftsführender Berater erklären, warum.

IM FOKUS: Sagen Sie mal: So eine Stadtgärtnerei, die verkauft doch nichts. Warum wollen sie trotzdem das EU-Bio-Siegel an Ihren Gewächshäusern?

Geißler: Klar verkaufen wir keine Pflanzen, wir wollen ja keine Konkurrenz zu den anderen Gärtnern sein, das war schon so als wir noch gar nicht an Bio dachten. Dass Heidelberg auf Bio setzt, hat der Stadtrat vor ein paar Jahren beschlossen, bis Jahresende wollen wir die EU-Bio-Zertifizierung geschafft haben. Wir spritzen nicht mehr mit chemisch-synthetischen Pestiziden, verwenden keinen Kunstdünger und schauen auch sonst, dass alles möglichst nachhaltig ist. Wenn wir dabei glaubwürdig sein wollen, müssen wir uns auch kontrollieren lassen. Und wenn die Leute sehen: Ach, hier sieht es ja schön aus, dann lassen sie vielleicht auch daheim im Garten die Giftkeule weg.

Alles schön bunt - und bio (Foto: Magdalena Fröhlich)
IM FOKUS: Ist Heidelberg jetzt schöner?

Geißler: Wir wägen ab zwischen den Produktionsmöglichkeiten und dem Wunsch nach einer möglichst großen Farbpalette. Auf besonders pilz- oder schädlingsempfindliche Pflanzen haben wir in der Bio-Linie verzichtet.  Wir können nun mit 15 Pflanzenarten eine schöne Farbvielfalt erzielen, die wir biologisch und wirtschaftlich zugleich produzieren. Der wirtschaftliche Aspekt ist wichtig. Da die Arbeitskosten höher sind, müssen wir darauf achten mit weniger vielen Pflanzenarten genauso viel Vielfalt hinzubekommen. Etwa indem es von einer Blume verschiedene Farben gibt - die kann man dann ja trotzdem alle gleich gießen, düngen und so weiter. Und Stecklinge machen wir auch. Als Bürger bekommen Sie das also kaum mit.

IM FOKUS: Hat sich Ihre Arbeit denn dadurch verändert?

Morr: Ja. Ohne Pestizide brauchen wir jetzt keine Vollschutzanzüge mehr. Früher sind wir fast wie Astronauten mit einer Maske durch die Gewächshäuser gelaufen. In einem Gewächshaus ist der Luftaustausch geringer als im Freiland. Der Schutz bei der Arbeit mit Pflanzenschutzmitteln ist dadurch für die Mitarbeiter schwieriger und unangenehmer. Mit Bio ist das nun viel besser. Dazu kommt noch: Die Stadtgärtnerei ist schon sehr alt. 1976 hat sie die Stadt von einer Privatperson gekauft. Nach so vielen Jahren bilden sich sehr viele Resistenzen - man braucht also immer mehr Chemie. Das ist jetzt aber vorbei.

IM FOKUS: Sie lassen einfach nur die Chemie weg und es funktioniert trotzdem? Das müssen Sie genauer erklären.

Morr: Wir ersetzen Gifte durch natürliche Ressourcen: Licht, Wasser, Temperatur - und auch durch mechanisches Arbeiten. Wir brechen beispielsweise manchmal die Blüten im Winter aus - damit zum Beispiel die Stiefmütterchen dann rechtzeitig zur Auspflanzung im Frühjahr blühen; manche konventionelle Pflanzen sind so behandelt, dass bei ihnen das nicht passieren würde. Und wir haben in neue Gewächshaustechnik und Pflanztische investiert, bei denen das Wasser gut abfließen kann und die Luft besser zirkuliert. So vermeiden wir Staunässe und damit Pilzbefall. Oder: Vielleicht haben Sie sich schon einmal gewundert, dass Zier- anders als viele Wildpflanzen meist einen kurzen Stängel, dafür aber sehr kompakte Blüten haben. Im konventionellen Pflanzenbau verwendet man dafür giftige Halmverkürzer. Stattdessen steuern wir dies über die Düngung und entsprechend Belüftung. Andere, größere Betriebe nehmen dazu eine Streichelmaschine. Die ist aber sehr teuer.

IM FOKUS: Sagten Sie Streichelmaschine?

Morr: Ja, das ist ein Gerät, mit einer Art Lappen dran, die sanft über die Pflanzen fährt. So, wie das auch der Wind in der Natur macht. Das bewirkt, dass die Pflanzen keine langen Stängel bilden - und damit nicht so leicht umknicken.

IM FOKUS: Wie kommen Sie denn überhaupt an die ganzen Bio-Zierpflanzen? Die gibt's ja nicht gerade an jeder Ecke.

Die Gärtner vermehren die Pflanzen ökologisch (Foto: Magdalena Fröhlich)
Geißler: Bei den Jungpflanzen hatten wir Glück: Ein Lieferbetrieb hat extra unseretwegen ein Bio-Sortiment aufgebaut. Einige Pflanzen, wie zum Beispiel unsere Palmen, vermehren wir selbst. Hier ernten unsere Auszubildenden im Zierpflanzenbau die Samen und vermehren so unsere Palmen. Diese Pflanzen sind zum Teil schon 40 Jahre alt. Am schwierigsten ist es aber, an gute Bio-Erde zu kommen, die frei von Verunreinigungen ist. Und an neue Mitarbeiter. Wir suchen ständig Azubis.

IM FOKUS: Es muss also keiner auf seinen Benjamini im Rathausbüro verzichten?

Morr: Genau. Das gibt's alles auch in Bio.

IM FOKUS: Manche Städte setzen ja auf essbare Pflanzen. Sie auch?

Geißler: Kaum. Wir haben zwar unsere mediterranen Verkehrsinseln, wo nicht nur Palmen, sondern auch Kräuter wie Rosmarin, stehen und unterstützen eine Urban-Gardening-Gruppe. Aber sonst haben wir die Erfahrung gemacht, dass einige Menschen das Gemüse erwerbsmäßig ernten und dann verkaufen wollen. Das ist natürlich nicht im Sinne der Allgemeinheit. Außerdem kann man auf einer Verkehrsinsel nicht einfach mal lauter Stangenbohnen und Tomaten pflanzen - das wäre viel zu hoch und man kann die Straße nicht mehr überblicken.

IM FOKUS: Ist Bio eigentlich kostengünstiger?

Morr: Kaum. Wir sparen zwar generell Geld, weil wir keine Giftkeulen mehr einsetzen müssen, dafür haben wir mehr Arbeit, die von Hand erledigt werden muss. Wenn man zum Beispiel eine Wiese mit Wildblumen aussäen will, dann kann man die Samen nicht in eine Maschine geben, weil sie unterschiedlich groß sind. Und statt Unkräuter totzuspritzen, müssen wir von Hand hacken. Bio hat aber - abgesehen vom Umweltschutz - einen wesentlichen Vorteil: Die Arbeit macht ohne Schutzanzug mehr Spaß, und es ist viel abwechslungsreicher.

IM FOKUS: Sie sagten anfangs, die Bürger bekämen das kaum mit, dass Sie auf Bio setzen. Wollen Sie gar nicht, dass das publik wird?

Geißler: Natürlich. Es gibt viel Öffentlichkeitsarbeit dazu. Aber egal ob bio oder nicht: Manchmal fehlt es grundsätzlich an Wissen. Zum Beispiel sind einige Menschen irritiert, wenn wir im Winter die Hecken sehr kurz schneiden. Das muss aber sein, sonst holzen sie aus und sind unten nicht mehr schön dicht. Oder wenn wir im Sommer Ahorn, Birken und Kirschen schneiden - wenn sie gerade ihre schönsten Blätter haben. Würden wir das im Winter machen, bluten sie aus und der Baum stirbt. Auch das versuchen wir den Menschen zu erklären - damit sie ein Verständnis für die Natur und ihre Zusammenhänge bekommen.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

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Video: So funktioniert eine Streichelmaschine für Pflanzen