Mit dem bloßen Auge nicht zu sehen und trotzdem extrem gefährlich: multiresistente Keime (Foto: Pixabay)
31.01.2020
Multiresistente Keime

"Sie können sich bei einem Spaziergang am Feld infizieren"

700.000 Menschen sterben jährlich infolge resistenter Keime. Und die Zahl steigt. Die Hauptursache dafür sieht Ökotoxikologe Werner Kratz in der Massentierhaltung.

IM FOKUS: Die Weltgesundheitsorganisation hat multiresistente Keime unlängst zu einer der größten Gesundheitsgefahren weltweit erklärt. Ist es wirklich so schlimm?

Werner Kratz: Ja. Es gibt Berechnungen britischer Experten, die bis zum Jahr 2050 10 Millionen Tote pro Jahr vorhersagen - nur infolge resistenter Keime. Zurzeit sind wir schon bei weltweit 700.000 Toten. Die Schätzungen für Deutschland schwanken laut Robert-Koch-Institut zwischen 15.000 und 35.000. Das ist eine ganz erhebliche Zahl. Ich denke, neben der Klimakrise und der allgemeinen Umweltzerstörung ist diese Entwicklung eine unserer größten Bedrohungen.

IM FOKUS: Welchen Anteil hat die Massentierhaltung an dieser Katastrophe?

Werner Kratz ist Ökotoxikologe und lehrt als Privatdozent an der Freien Universität Berlin (Foto: David Wagner)
Kratz: Natürlich gibt es auch Resistenzen, die entstehen, weil Menschen durch übermäßige und oftmals nicht indizierte Verschreibungen der Ärzte zu viel und zu ungezielt Antibiotika einnehmen. Das ist wie kürzlich eine Studie aus der ETH Zürich belegt hat, in anderen Regionen der Welt noch viel schlimmer als bei uns, da lutschen die ja zum Teil Antibiotika wie Bonbons. Aber in erster Linie entstehen die Keime schon als eine Folge der Massentierhaltung.

IM FOKUS: Multiresistente Keime bilden sich durch die übermäßige Gabe von Antibiotika. Mit der Folge, dass der infizierte Patient nicht mehr auf Antibiotika reagiert. In der Massentierhaltung kommen Antibiotika nicht nur zur Behandlung einzelner kranker Tiere, sondern im großen Stil schon rein prophylaktisch zum Einsatz.

Kratz: Natürlich werden Antibiotika auch individuell zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt - beispielsweise bei Rindern, die eine Euterentzündung haben. Prophylaktische Gaben sind vor allem bei Schweinen, Puten und Hühnern Gang und Gäbe. Dazu kommt: Tiermediziner sind Arzt und Apotheker in einer Person. Für den Veterinär ist die Medikamentation auch ein Umsatzfaktor. Und schließlich sind Antibiotika auch als wachstumsbeschleunigende Mittel bekanntgeworden.

IM FOKUS: Wenn in einem solchen Stall nun multiresistente Keime entstehen, wie gelangen die dann zu mir als Verbraucher?

Kratz: Wenn Sie Kontakt zu Menschen haben, die in der Landwirtschaft arbeiten, können Sie sich bei diesen anstecken. In den Niederlanden werden zum Beispiel Bauern, die industrielle Landwirtschaft betreiben, wenn sie ins Krankenhaus kommen, sofort separiert. Sie tragen sehr oft MRSA-Bakterien, die resistent gegen jegliches Antibiotikum sind, und gelten deshalb als Risiko für die anderen Patienten. Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat allerdings gezeigt, dass neben dem Infektionsweg in Krankenhäusern die Übertragung heute in großem Masse über zwei weitere wichtige Infektionswege geschieht: einmal über die Ausscheidungen von mit Antibiotika behandelten Tiere, zum anderen über die Verbreitung von Stall- und Gülle-Aerosolen durch die Stallabluft oder die Verbringung der Gülle in der Agrarlandschaft. Bei den gigantischen Mengen von Gülle, die in Deutschland auf den Ackerboden gebracht werden, ist das auch kein Wunder. Wir produzieren ja derzeit drei Milliarden Hektoliter Gülle im Jahr, das ist 35-mal mehr, als alle deutschen Brauereien zusammen Bier produzieren. Und ein Großteil dieser Gülle wird auf die Wiesen und Felder gebracht. Bei diesen Mengen gelangt noch eine so hohe Konzentration der multiresistenten Keime in den Boden, dass diese auch Ackerpflanzen kontaminieren können. Sie können also die Bakterien sowohl direkt über infiziertes Fleisch als auch über den Salat oder die Gurke von einem verseuchten Acker aufnehmen. Sogar ein Spaziergang entlang einer Wiese, auf der gerade Gülle ausgebracht wurde, kann genügen.

IM FOKUS: Bei Stichprobentests wies jedes zweite Discounterhähnchen multiresistente Keime auf. Wie kann man sich da als Verbraucher schützen?

Kratz: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät, das Fleisch sehr gut durchzubraten, um die Keime abzutöten. Und Sie sollten auf eine perfekte Küchenhygiene achten. Noch sicherer ist es allerdings, auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten. Im ökologischen Landbau wird dieser Problematik ganz anders umgegangen.

IM FOKUS: Gibt es Berechnungen, welche Kosten durch den Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft verursacht werden - die nicht eingepreist sind?

Kratz: Ich kenne keine. Ich wüsste auch nicht, wie man das seriös abschätzen sollte. Natürlich sind da zum einen enorme Gesundheitskosten. Nehmen Sie den Fall eines Patienten, der sich bei einer Hüftoperationen einen Keim einfängt, den ein Tiermäster in die Klinik gebracht hat. Da können monatelange Maßnahmen im klinischen und nachklinischen Bereich folgen. Es gibt aber auch noch Schäden, die die Keime in der Landwirtschaft anrichten. Sie bringen nämlich die Bodenmikrobiologie durcheinander und stören so die Humusbildung. So werden zum Beispiel die "guten" Bodenbakterien, die abgestorbene Wurzeln und Pflanzenreste abbauen, in ihrer Aktivität zurückgedrängt. Diese Schäden müsste man dann auch beziffern.

IM FOKUS: Was fordern Sie, um die Gefahr durch multiresistente Keime einzudämmen? Brauchen wir neue Vorschriften?

Kratz: Unbedingt. Antibiotika sollten nur noch dort eingesetzt werden dürfen, wo sie unbedingt notwendig sind. In der Landwirtschaft bedeutet das: Wir brauchen kleine Herden und eine bessere Hygiene in den Ställen. Die Tiere sollten gar nicht erst krank werden, und das ist natürlich auch eine Frage des Tierbesatzes. In der konventionellen Hühnermast können bis zu 20.000 Tiere pro Stall gehalten werden und 12,5 Tiere je Quadratmeter Stallfläche. Wenn Sie Tiere so halten, werden die natürlich leichter krank. Letzten Endes ergibt sich daraus klar die Forderung: Wir müssen mit der Massentierhaltung Schluss machen. Wenn Fleisch in kleinbäuerlichen Strukturen nach den Prinzipien des Ökolandbaus produziert wird, haben wir das Problem nicht. Aber da müssen wir Verbraucher dann auch bereit sein, einen entsprechenden Preis zu zahlen.

Das Interview führte Dominik Baur

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