Die Staaten müssen sich vertraglich dazu verpflichten, die Erderwärmung zu stoppen (Foto: imago/ZUMA Press)
11.12.2015
Interview mit Klima-Experten

"Ohne starken Druck der Zivilgesellschaft wird das nicht gelingen"

In Paris wird derzeit verhandelt, was jeder Staat zum Klimaschutz beitragen soll. Bei den Verhandlungen vor Ort ist auch Christoph Bals, Politischer Direktor bei Germanwatch. Wir haben mit ihm gesprochen.

IM FOKUS: Aktuell bewegen sich die Verhandlungen eher auf eine 2,7 Grad-Marke zu. Was passiert bei einer Erwärmung um 2,7 Grad - global und hierzulande?

Bei der UN-Klimakonferenz COP21 (Conference of the Parties; die 21 steht für die mittlerweile 21. Klimakonferenz) in Paris soll ein neues Abkommen mit verbindlichen Klimazielen für alle 195 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention vereinbart werden. Es soll also ein Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll entstehen, der schärfere Vorgaben macht. Anders als im Kyoto-Protokoll, sollen sich nun nicht nur die Industrie-, sondern auch Schwellen- und Entwicklungsländer auf verbindliche Klimaschutzziele festlegen. Obwohl das 2-Grad-Ziel als Kipppunkt anerkannt ist, ist es bislang nicht verbindlich. Einigen ist auch dieses Ziel zu lax. Vor allem bedrohte Inselstaaten fordern, dass man sich auf eine Begrenzung der Erderwärmung um maximal 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einigt.

Bals: Nur einige Beispiele: Ein solcher Temperaturanstieg bringt unübersehbare Risiken mit sich. Die Korallenriffe dieser Welt würden das höchst wahrscheinlich nicht überleben. Dazu kommt: Grönland und die Westantarktis würde vermutlich instabil - und damit über Jahrhunderte ein starker Meeresspiegelanstieg unvermeidlich. Und dann wird wohl auch die Größe und Heftigkeit vieler Wetterkatastrophen stark steigen. Solche Risiken sollten wir in einer stark bevölkerten Welt vermeiden.  

IM FOKUS: Nationale Aktionspläne und Strategien sind schön und gut – aber meist sehr unverbindlich. Welche Sanktionierungsmöglichkeiten gibt es, wenn ein Ziel verfehlt wird? Und welche Kontrollinstrumente, um zu prüfen, ob die Klimaschutzmaßnahmen ausreichen, um ein Ziel zu erreichen?

Bals: Wir brauchen das richtige Ausmaß von Verbindlichkeit und Anreizen, von neuen Technologien und Lebensstiländerungen. Aber ohne starken Druck der Zivilgesellschaft wird das alles nicht gelingen. Ich sehe keine Staat, wo Kontrollen alleine zur notwendigen Dynamik führen.

IM FOKUS: Die Landwirtschaft kann sowohl Klimaschützer als auch Klimasünder sein. Was muss sich hier verändern?

Bals: Neben der Energiewende geht es nun darum, mit der Landwirtschaftswende ernst zu machen. Der Abschied aus der industriell betriebenen Massentierhaltung ist dabei der zentralste Schritt. Dafür sprechen nicht nur Gründe des Klimaschutzes, sondern des Tierwohls, der zunehmenden Antibiotikaresistenz, des Wasserschutzes, der Entwicklungspolitik und auch eines nachhaltigen Tourismus.

IM FOKUS: Landwirtschaftsminister Schmidt ist ja auch nach Paris gefahren. Hat er gute Ansätze, um in seinem Ressort etwas für mehr Klimaschutz beizutragen?

Bals: Bisher dominiert in Deutschland der Bauernverband eine Politik, bei der Nachhaltigkeit und Klimaschutz nicht im Zentrum stehen. Es ist schade, dass viele Landwirte, die da eigentlich sehr offen für mehr Nachhaltigkeit sind, deswegen zum Sündenbock werden. Im Moment müsste es vor allem darum gehen, dass es eine Lösung für die nachhaltig wirtschaftenden Bauern gibt. Wir brauchen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft als analogen Ansatz zum Energie-Einspeise-Gesetz, das den Durchbruch für Erneuerbare Energien gebracht hat.

IM FOKUS: Bei den Verhandlungen in Paris steht auch die Klimafinanzierung von Entwicklungsländern auf dem Programm. In Ecuador ist 2014 eine Initiative zur Rettung des Regenwaldes gescheitert. Die Regierung bot an, ein Ölförderprojekt zugunsten des Umwelt- und Klimaschutzes zu stoppen, sofern die Industrieländer bereit sind, Geld an Ecuador zu spenden. Kann der Vertrag in Paris künftig dazu beitragen, dass solche Projekte gelingen?

Bals: Der Vorschlag von Ecuador hatte einen großen Webfehler. Der Vorschlag war, dass ein Land dafür bezahlt wird, dass es fossile Energien in der Erde lässt. In Deutschland gehen wir derzeit in dieselbe Richtung, dass wir Energieunternehmen Subventionen dafür zahlen, dass sie Kohlekraftwerke still legen. Das ist weder national noch international ein Konzept für eine erfolgreiche Energiewende. Wir können doch nicht Saudi Arabien dafür subventionieren, dass sie das Öl in der Erde lassen. Sinnvoll wäre hingegen ein Vorschlag gewesen, den besonders artenreichen Regenwald von Ecuador als öffentliches Gut international zu schützen. Ich hoffe, dass solche Aktivitäten im Rahmen der Klimafinanzierung des neuen Abkommens möglich werden.

IM FOKUS: Kommen wir noch einmal aufs Geld zu sprechen: Es gibt zahlreiche Anlageprodukte, die zum Beispiel auch die Kohleindustrie fördern. Wird es dazu auch Vereinbarungen geben?

Bals: Es ist nicht die Aufgabe der Klimagipfel solche Fragen zu regeln. Aber ein erfolgreicher Klimagipfel steigert die Wahrscheinlichkeit, dass Regulatoren und Investoren diese Themen auf die Agenda setzen und dass die Zivilgesellschaft die notwendigen kritischen Fragen stellt. Jeder, der eine private Altersversorgung abschließt, sollte seinem Anbieter genau solche Fragen stellen.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich


Christoph Bals (Jg. 1960) ist Politischer Geschäftsführer bei der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch e.V., die er 1991 mit initiierte. Seit Beginn der UN-Klimaverhandlungen von 1995 hat er an allen Klimakonferenzen der Vertragsstaaten teilgenommen und ist auch jetzt in Paris vor Ort. Bals ist Mitglied in zahlreichen Gremien, unter anderem im Sprecherrat der Klima-Allianz Deutschland.

Zuletzt veröffentlichte Germanwatch den "Klimaschutz-Index 2016", einen Vergleich von 58 Staaten mit dem größten CO2-Ausstoß. www.germanwatch.org

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Informationen rund um die Verhandlungen in Paris sowie ausführliche Hintergrundartikel gibt es hier: www.germanwatch.org 

Das Klima-Nachrichtenportal "Klimaretter.info" berichtet live aus Paris und hat zudem ein umfangreiches Dossier erstellt: www.klimaretter.info

Was bedeutet eigentlich "Decarbonisierung", "Klimagerechtigkeit" und all die Abkürzungen von "BINGO" pber "IPCC"? Der Nabu hat ein Glossar zum Klimasprech erstellt: www.nabu.de

Das Wuppertal Institut zeigt, dass eine Dekarbonisierung des Energiesystems möglich ist: www.wupperinst.org

Was passiert, wenn sich die Erde um mehr als zwei Grad Celsius erwärmt, zeigt dieser Atlas in verschiedenen Bereichen - vom Tourismus bis zur Landwirtschaft (auf englisch): www.atlas.impact2c.eu

Vom Wohnraum über Verkehr hin zur Ernährung - wie sich das Konsumverhalten jedes Einzelnen auf den Klimawandel auswirkt, beschreibt diese Unterschung des Umweltbundesamtes (PDF-Datei): www.umweltbundesamt.de

Wie sich der Klimawandel auf die Landwirtschaft auswirkt, hat der WWF in dieser Broschüre zusammengestellt (PDF-Datei): www.wwf.de