Bio-Kühe müssen nicht so viel Milch geben wie konventionelle (Foto: Magdalena Fröhlich)
19.10.2015
Interview mit Berater

"Auch Hochleistungskühe kann man an Bio gewöhnen"

Einen konventionellen Betrieb auf Bio umzustellen ist ein großer Schritt. Wir haben Bioland-Berater Martin Hermle gefragt, wie das geht und welche Chancen Quereinsteiger haben.

IM FOKUS: Herr Hermle, nehmen wir an, ich bin ein konventioneller Bauer mit Milchkühen und überlege, auf Bio umzustellen. Was sollte ich als erstes machen?

Hermle: Am besten holen Sie sich erst einmal einen Berater auf den Hof. Der schaut sich mal an, was Sie auf dem Betrieb verändern müssten. Wie schaut der Stall aus, haben die Tiere Weidegang, gibt es bereits einen Auslauf, was für Futter bekommen die Kühe? Er macht auch eine Wirtschaftlichkeitsprüfung mit Ihnen, rechnet also aus, was da an Investitionen und zusätzlichen Ausgaben auf Sie zukäme und stellt die Mehrerlöse nach einer Umstellung gegenüber.

IM FOKUS: Bioland bietet ja solche Beratungen an. Was kostet mich das denn?

Hermle: Die Erstberatung ist kostenlos. Dann kommt es darauf an, was man braucht. Wenn die Umstellung komplizierter wird, weil man zum Beispiel neue umfangreiche Stallpläne braucht, kann man für die Umstellungsberatung staatliche Fördermittel bekommen.

IM FOKUS: Und was ändert sich konkret für mich und meine Milchkühe?

Hermle: Die Kühe müssen raus. Sie brauchen also einen Auslauf, der das ganze Jahr über zugänglich ist, oder Sie bringen sie möglichst oft auf eine Weide. Und natürlich dürfen Sie nur noch Bio-Futter füttern. Futter aus Übersee ist dabei nicht erlaubt. Sie können also nicht mehr einfach das billigste Kraftfutter auf dem Weltmarkt einkaufen. Und Antibiotika rein zur Krankheitsvorsorge dürfen Sie den Kühen auch nicht mehr geben.

IM FOKUS: Die Kühe sollen nicht nur Futter in Bioqualität bekommen, sondern auch mehr Gras fressen und weniger Kraftfutter. Wie kommt denn einen Hochleistungskuh damit klar?

Hermle: Die meisten Bauern, die mit einer Umstellung liebäugeln, haben gar keinen Hochleistungsbetrieb. Aber auch Hochleistungskühe kann man an mehr Gras und Heu gewöhnen. Sie fressen dann halt mehr. Ich würde aber niemandem empfehlen, die Tiere von heute auf morgen komplett umzustellen. Das sollte man behutsam angehen.

IM FOKUS: Wie viel Milch geben meine Bio-Kühe denn dann?

Hermle: Bio-Kühe, die nur Gras und Heu bekommen, geben bis zu 6000 Liter Milch im Jahr. Mit etwas Kraftfutter, Getreide und Eiweißpflanzen kann man die Milchleistung auf 8500 bis 9000 Liter steigern. Viel mehr geht im Biobereich nicht - und ist auch nicht gewollt, weil das sonst zu Lasten der Gesundheit und Lebenserwartung der Kühe geht. Manche konventionellen Kühe geben ja bis zu 15 000 Liter.

IM FOKUS: Für meine Bio-Milch bekomme ich dann aber auch mehr?

Hermle: Es gibt inzwischen einen eigenen Biopreis, den die Biobauern jährlich oder auch mehrmals im Jahr mit den Bio-Molkereien aushandeln. Zurzeit bekommen Biobauern fast 20 Cent pro Liter mehr als konventionelle. Im Schnitt lag der Mehrerlös in den vergangenen Jahren bei sieben bis zehn Cent. In der Umstellungszeit, die maximal zwei Jahre dauert, können Sie Ihre Milch aber noch nicht als Bio-Milch verkaufen. 

IM FOKUS: Und was ist mit Getreide, Gemüse oder Äpfeln?

Hermle: Das können Sie zwölf Monate nach Umstellungsbeginn als Umstellungsware verkaufen. Das Getreide wird dann verfüttert. Das Gemüse geht in der Regel über Direktvermarktung. Nach 24 Monaten ist es dann Bio-Ware - nur die Äpfel noch nicht. Dauerkulturen wie Apfel oder Wein sind erst nach 36 Monaten bio.

IM FOKUS: Wer tut sich denn leichter mit der Umstellung auf Bio? Tierhalter oder Ackerbauern?

Hermle: Fast jeder Ackerbaubetrieb lässt sich umstellen. Da sind die Investitionen nicht so hoch. Bei den Tierhaltern wird es schon schwieriger. Ein Milchviehbetrieb, der viel Grünland und Futterflächen hat, lässt sich noch am einfachsten umstellen. Der ist näher am Biolandbau dran als einer, der intensive Hühner- oder Mastschweinehaltung betreibt. So ein Betrieb mit großen Ställen lässt sich kaum umstellen. Da müsste man praktisch den Stall abreißen und neu bauen, weil kein Platz für Ausläufe da ist oder Tiefstreueinrichtungen fehlen.

IM FOKUS: Was sind das dann für Bauern, die umstellen wollen?

Hermle: Vor allem Bauern, die bereits extensiv arbeiten. Das sind solche, die nicht versuchen, auf möglichst kleiner Fläche mit viel Dünger, Pestiziden und schweren Maschinen möglichst viel Ertrag zu erzielen. Manche waren bereits so nah am ökologischen Landbau dran, dass wir uns fragen, warum sie nicht schon früher zu uns gekommen sind.

IM FOKUS: Und warum wollen sie umstellen?

Hermle: Die einen suchen eine neue Herausforderung, andere kriegen Druck von ihrer Frau, die nicht möchte, dass die kleinen Kinder mit Pestiziden aufwachsen. Es gibt auch Betriebsleiter, die keine Lust mehr haben, so viel zu düngen und immer mehr produzieren zu müssen. Die wollen raus aus dem Hamsterrad und lieber Produkte erzeugen, die auch wertgeschätzt werden. Und es gibt viele, die im ökologischen Landbau vor allem eine wirtschaftliche Chance für sich sehen. Nach ein paar Jahren sind die dann aber auch überzeugte Bio-Bauern. Im Allgäu, wo ich viel unterwegs bin, ist der typische Umsteller zwischen 40 und 50 Jahre alt. Die Jüngeren sind eher noch auf dem Leistungstrip.

IM FOKUS: Wie komme ich denn zurecht, wenn ich auf einmal die Pflanzenschutzmittel, mit denen ich immer gearbeitet habe, nicht mehr verwenden darf?

Hermle: Den einen fällt das recht leicht, weil sie froh sind, nicht mehr spritzen zu müssen. Andere tun sich anfangs ein bisschen schwerer. In der konventionellen Landwirtschaft hat man ja Rezepte gelernt: Ich sehe Disteln auf meinem Acker und schaue nach, welches Mittel dagegen hilft, und spritze das. Von diesem Rezeptdenken muss ich als Biobauer wegkommen und ganzheitlicher denken. Aber auch im Biolandbau kann man ein Stück weit nach Rezepten arbeiten. Ich habe ein Distelproblem, also baue ich Kleegras an und mähe regelmäßig. Das ist die kurzfristige Lösung. Längerfristig muss mir über meine Bodenbearbeitung und meine Fruchtfolge Gedanken machen. Das kann aber jeder lernen. Dabei helfen die Berater auch nach der Umstellungszeit.

IM FOKUS: Anderes Beispiel: Ich träume vom eigenen Bio-Bauernhof, komme aber nicht aus der Landwirtschaft. Habe ich überhaupt Chancen als Existenzgründer? Und wie komme ich an Flächen ran?

Hermle: Ganz von Null anzufangen ohne Land ist sehr schwierig, wenn man nicht gerade eine gigantische Geschäftsidee und gigantische Vermarktungsmöglichkeiten hat. Wenn man bedenkt, dass sich allein ein Milchviehlaufstall erst nach 20 bis 25 Jahren rechnet. Das kann man als etablierter Bauer stemmen, aber kaum als Quereinsteiger. Da muss man schon viel Kapital haben.

Im FOKUS: Am ehesten klappt das vielleicht noch als Ackerbauer, oder?

Hermle: Genau. Im Ackerbau sind die Investitionen nicht so hoch. Sie gehen dann am besten irgendwo hin, wo Sie Land bekommen, das sonst niemand will. Aber das findet man auch nicht mehr so leicht. Und dann spezialisieren Sie sich am besten und betreiben zum Beispiel eine Staudengärtnerei. Es gibt aber auch immer mehr Bauern, die einen Nachfolger außerhalb der Familie suchen. Da tun sich Chancen auf,  zu einem eigenen Bauernhof zu kommen. Über das Internetportal Hofgründer kann man Kontakte knüpfen.

IM FOKUS: Und wer kontrolliert, ob ich die Bio-Richtlinien einhalte?

Hermle: Die Kontrollen machen staatlich zugelassene unabhängige Kontrollstellen. Da suchen Sie sich selbst eine heraus. Die kontrolliert dann jedes Jahr, ob Sie nach EU-Ökoverordnung und nach den Richtlinien, zum Beispiel von Bioland, alles richtig machen. Zusätzlich finden auch unangemeldete Kontrollen statt.

IM FOKUS: Wie finde ich denn als Neuling Abnehmer für meine Bio-Milch oder mein Bio-Gemüse?

Hermle: Die Berater kennen die Vermarktungsstrukturen und Erzeugergemeinschaften in der Region und wissen, welche Molkerei Bio-Milch sucht oder an welche Metzgerei Sie Ihre Schweine liefern könnten.

IM FOKUS: Als Mitglied eines Verbandes wie Biolad muss mich an strengere Richtlinen halten, als wenn ich nur nach EUÖkoverordnung produzieren würde. Wieso sollte ich das tun?

Hermle: Viele Marktpartner schreiben für die Abnahme von Bioprodukten eine Verbandsmitgliedschaft vor, da sie wissen, dass die Verbände, beispielsweise über Beratung, viel für die Qualitätssicherung machen. Als Bioland-Mitglied profitiere ich aber auch von den Bioland-Kontakten auf dem Markt, den Netzwerk der Betriebe, den Bildungsangeboten und der Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Und bei den Verbrauchern genießt das Bioland-Logo großes Vertrauen.

Zur Person

Agraringenieur Martin Hermle (48) ist seit 18 Jahren Bioland-Berater. Seine Schwerpunkte sind Grünland, Betriebsentwicklung und die Umstellung von Neubetrieben in Bayern. 

Die Fragen stellte Julia Romlewski

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