Der McB von McDonald's ist mit Bio-Rindfleisch, der Rest ist konventionell (Foto: McDonald's)
05.11.2015
Interview mit Marketing-Experten

Bio und Masse - passt das zusammen?

Bio-Fleisch beim Fastfood-Riesen? "Darf McDonald's das?" fragt das Unternehmen selbst auf seiner Website. 70 Prozent meinen "ja". Zu ihnen gehört auch Ulrich Hamm, Professor für Agrarökonomie an der Universität Kassel-Witzenhausen: Wer bio nicht groß denkt, will es in der Nische halten.

IM FOKUS: Haben Sie schon den neuen McB beim McDonald's gegessen?

Hamm: Nein, ich habe es auch nicht vor.

IM FOKUS: Was halten Sie denn davon, dass McDonald's derzeit in den deutschen Filialen einen Burger mit Bio-Fleisch anbietet?

Hamm: Je mehr Bio verkauft wird, desto besser. McDonald's hätte allerdings gleich den ganzen Burger in Bio-Qualität anbieten sollen und nicht nur das Fleisch: Brötchen und Salat sind beim McB ja aus konventioneller Erzeugung. Der Fastfood-Riese schreibt derzeit keine guten Zahlen, mit der Aktion zieht das Unternehmen wieder Aufmerksamkeit auf sich - zusätzlich schafft das auch Aufmerksamkeit für Bio-Fleisch.

IM FOKUS: Woher kommt denn das ganze Bio-Fleisch?

Hamm: McDonald's kauft das Rindfleisch bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in erster Linie in Deutschland, aber wohl auch in Österreich ein. Für die Bio-Bauern ist die zusätzliche Nachfrage gut, sie stabilisiert den Bio-Rindfleischpreis. Für die Burger wird in der Regel das Fleisch von weniger wertvollen Teilstücken des Rindes genommen, häufig auch von älteren Tieren, für die es kaum Absatzalternativen gibt. Häufig muss dieses Fleisch sonst zu konventionellen Preisen verkauft werden. Wenn McDonald’s nun für dieses Fleisch einen höheren Bio-Preis zahlt, kann das nur gut sein.

IM FOKUS: McDonald's sagt, sie würden das Bio-Fleisch schon seit Anfang der 2000er Jahre kaufen - die Mengen hätten jedoch nicht ausgereicht, um schon vorher einen McB anzubieten und mit 100 Prozent Bio-Rindfleisch zu kennzeichnen. Sollte die Nachfrage stark sein, erwägt das Unternehmen dauerhaft den McB anzubieten. Was bedeutet es für den Bio-Markt, wenn ein Großkonzern dauerhaft Öko einsetzen will?

Hamm: Insgesamt bedeutet das natürlich eine höhere Nachfrage für Bio-Rindfleisch. Mit jedem neuen Absatzmarkt wird es für Landwirte attraktiver, auf Öko umzustellen. Als der Babynahrungshersteller Hipp vor Jahrzehnten Bio einführte, haben zahlreiche Bauern umgestellt, weil sie einen zusätzlichen großen Abnehmer hatten und so mehr Geld verdienen konnten. Dass sich ein Bio-Produkt schlecht vermarkten lässt, ist eher die Ausnahme - das betrifft derzeit vor allem das Fleisch älterer Milchkühe, -schafe und -ziegen, die aus der Milcherzeugung ausscheiden, oder das Fleisch überschüssiger männlicher und weiblicher Tiere, die nicht für die Bestandsergänzung zur Milcherzeugung benötigt werden. Wenn nun ein großes Unternehmen wie McDonald’s neu in den Markt einsteigt und Bio-Ware kaufen möchte, dann muss es die anderen Abnehmer im Preis überbieten. Der Bauer bekommt also durch die zusätzliche Nachfrage immer einen besseren Preis. Warum sollte ein Bio-Landwirt sonst alte Lieferbeziehungen aufgeben, wenn er nicht von dem neuen Abnehmer mehr Geld für seine Ware bekommt?

Wachsender Bio-Markt

Dem Arbeitskreis Biomarkt zufolge, wurden auch im Jahr 2014 die meisten Bio-Lebensmittel im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel verkauft.

  • Lebensmitteleinzelhandel: 53 Prozent (4, 21 Millarden Euro Umsatz)

  • Naturkostfachhandel: 33 Prozent (2,62 Milliarden Euro Umsatz)

  • Sonstige Verkaufsstätten (zum Beispiel Hofläden, Abokisten, Metzgereien, Bäckereien, Versandhandel): 14 Prozent (1,09 Milliarden Euro Umsatz)

Während sich der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht hat, hat sich die Bio-Fläche in Deutschland gerade einmal verdoppelt - immer mehr Bio-Produkte müssen importiert werden, da das heimische Angebot nicht ausreicht.

Quelle: www.ami-informiert.de, www.boelw.de

IM FOKUS: Aldi, Lidl und Co. sind ja auch große Unternehmen und bieten günstige Bio-Produkte an. Bekommt da der Bauer nicht weniger?

Hamm: Das ist eine ganz einfache Rechnung, die auf dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage beruht: Wenn es nur wenig Bio-Ware gibt, muss der Händler dem Bauer einen höheren Preis bieten als die bisherigen Abnehmer, um Bio-Ware zu bekommen. Bio-Milch oder Bio-Schweinefleisch sind zum Beispiel seit einiger Zeit ziemlich knapp am Markt. Da können die Discounter nicht weniger Geld auf den Tisch legen, um an Ware heranzukommen. Das, was viele Leute nicht verstehen, ist, dass ein Kunde bei den Discountern trotzdem noch weniger für Bio-Milch oder -Schweinefleisch bezahlt. Aber die Discounter haben eben sehr niedrige Kosten im Handel und eine sehr effiziente Logistik. Außerdem umfasst das Bio-Angebot bei Discountern nur sehr wenige Produkte und es ist auch kein Personal im Laden greifbar, das interessierten Kunden nähere Auskünfte in Sachen Bio geben kann.

IM FOKUS:  Also ist das Bild vom Preistreiber nach unten bei den Großkonzernen falsch?

Info zu Milchpreisen:

Anders als in der konventionellen Milchwirtschaft, ist der Preis bei Bio-Milch stabil und liegt bei rund 48 Cent, und damit rund 20 Cent höher als der für konventionelle Milch.

Nur 2,3 Prozent der Milch wird in Deutschland bio produziert - die Nachfrage nach Bio-Milch steigt.

Mit dem Ende der Milchquote kann nun jeder Bauer so viel Milch verkaufen, wie er möchte. Damit verstärkt sich die Exportorientierung und der Konkurrenzdruck durch Weltmarktpreise. Allein bei Frischmilch liegt der Selbstversorgungsgard bei rund 118 Prozent, bei Magermilchpulver bei 652 Prozent.

Hamm: Diese Vorstellung vom Preisdrücker ist völliger Quatsch. Denn im Bio-Bereich gibt es bei vielen Produkten einfach zu wenig Ware. Die Schere von Angebot und Nachfrage klafft seit einiger Zeit bei vielen Produkten immer weiter auseinander. Als die meisten Discounter um 2005 herum Bio-Milch listen wollten, gab es in Deutschland nicht genug Ware, so dass sie Milch  aus Dänemark und Österreich zukaufen mussten. Viel lieber hätten sie Produkte aus Deutschland gekauft.

IM FOKUS: Bio-Milch ist knapp, Karotten und Kartoffeln dagegen gibt es viele in Bio-Qualität. Wie sieht es damit aus?

Hamm: Bei pflanzlichen Produkten schwankt die Höhe der Ernte von Jahr zu Jahr beträchtlich - in der Menge und teilweise auch in der Qualität. Gibt es ein sehr reichliches Angebot, dann hat der Händler die Wahl. Und dann sucht er sich - bei vergleichbarer Qualität - das günstigste Angebot; da unterscheidet sich der Bio-Händler kaum vom konventionellen Händler. Einige Bio-Bauern und deren Erzeugergemeinschaften sind bei verderblichen Frischprodukten auf Abnehmer im konventionellen Handel, die schnell große Mengen an Verbraucher verkaufen können, angewiesen. So viel Bio-Ware können die Naturkostläden alleine nicht in kurzer Zeit verkaufen. Auch viele Biolandwirte, die einem Verband angehören, liefern daher an konventionelle Supermärkte und Discounter. Bei den meisten Frischprodukten wird der größere Anteil der Bio-Ware mittlerweile im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und nicht im Naturkostladen verkauft. 

IM FOKUS: Bio und Masse sind also kein Widerspruch?

Hamm: Will man, dass Bio eine kleine feine Nische bleibt, dann schon. Will man dagegen, dass noch wesentlich mehr Landwirte auf Bio umstellen können, dann muss man auch mit sehr großen Abnehmern im Verarbeitungssektor und im Handel zusammenarbeiten. Bedenken sollten wir auch, dass es ja auch große Abnehmer im Bio-Handel gibt. Dennree und Alnatura gehören mittlerweile zu den 25 größten Unternehmen im deutschen Lebensmittelhandel.  

IM FOKUS: Wie sieht es mit der Qualität im Discount aus?

Hamm: Viele Rohwaren, also Obst und Gemüse sowie Milchprodukte, kommen oft von Bio-Bauern, die einem Verband angehören. Sie erfüllen also die Richtlinien etwa von Bioland oder Naturland, ohne dass das auf den Produkten, die im Discounter verkauft werden, draufsteht. Ein Großteil der Ware, vor allem verarbeitete Lebensmittel, stammt aber von Betrieben, die nur nach dem EU-Standard arbeiten. Fachberatung, Informationen zur Herkunft oder Verarbeitung, Lebensmittel aus der Region, eine Vielfalt des Angebots, handwerklich hergestellte Produkte - damit kann der Discount aber nicht punkten. Das alles bieten der Naturkosthandel und immer häufiger auch große regionale Supermarktketten wie beispielsweise Tegut oder Feneberg, aber auch einzelne Edeka- und Rewe-Geschäfte.

IM FOKUS: Was bedeutet das für die Naturkostläden, wenn Bio auch in direkter Nachbarschaft in konventionellen Geschäften angeboten wird?

Hamm: Es gibt immer öfter das Modell, das gleich neben einem stark frequentierten konventionellen Laden oder gar einem Discounter auch ein Bio-Laden ist. Für den Kunden ist das praktisch, er spart sich Wege und muss nur einmal einen Parkplatz suchen. Und bei Aldi und Co. gibt es ja vergleichsweise wenig Bio-Produkte. Wer sich weitgehend mit Bio ernähren will, geht also trotzdem in den Bio-Laden. Und wenn der gleich neben dem Discounter liegt, kann das auch neue Käuferschichten anlocken.

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Zur Person:

Ulrich Hamm ist seit März 2003 Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der Universität Kassel in Witzenhausen. Zuvor hatte er eine Professur für Landwirtschaftliche Marktlehre und Agrarmarketing an der Fachhochschule Neubrandenburg inne. Er ist zudem Mitglied im Bioökonomierat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sowie im Wissenschaftlicher Beirat für Biodiversität und genetische Ressourcen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

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