In der Schweiz darf zwar nicht jede Kuh auf die Weide, aber sich immerhin bewegen (Foto: imago/EQ Images)
29.03.2016
Blick in die Schweiz

"Geld gibt’s nur für Tierschutz"

Ständig angebundene Kühe oder Schweine, die sich kaum bewegen können - so etwas gibt es in der Schweiz nicht, nicht einmal in der konventionellen Landwirtschaft. Selbst Käfigeier wurden schon vor über 30 Jahren verboten. Tierschutzexperte Beat Wechsler erklärt, warum die Schweiz so anders ist.

IM FOKUS: Vom Meerschweinchen bis zur Milchkuh - man sagt, die Schweiz habe das strengste Tierschutzgesetz der Welt. Stimmt das?

Wechsler: Ja, das ist so. In der Schweiz ist die Tierschutzverordnung sehr detailliert. Ein Beispiel: Wir haben Regeln sowohl für die Haltung von Kälbern als auch welche für Mast- und Milchvieh. In der EU gibt es nur Vorgaben für Kälber. Einzelne Mitgliedsstaaten, wie etwa Österreich und Schweden, gehen aber über diesen Standard hinaus: Diese beiden Länder haben den Umgang mit Milchvieh geregelt.

IM FOKUS: Bereits 1981, als in vielen Ländern Legebatterien noch Standard waren, hat die Schweiz die Käfighaltung verboten. 2008 wurde sogar die Würde des Tieres in der Verfassung verankert.

Wechsler: Das ging aber auch nicht von heute auf morgen. Bereits 1978 gab es eine Abstimmung für ein neues Tierschutzgesetz. 1981 trat darauf basierend eine erste detaillierte Tierschutzverordnung in Kraft. 2008 wurde eine umfassende Revision dieser Tierschutzverordnung abgeschlossen. Bis dahin gab es aber mehrmals kleinere Anpassungen. Die Würde des Tieres im Tierschutzgesetz ist ein neuer Aspekt des Tierschutzes, der 1992 in der Bundesverfassung verankert wurde.

IM FOKUS: Können sie ein paar Beispiele für Fortschritte in der Tierhaltung geben?

Wechsler: Seit 2007 dürfen Zuchtsauen beispielsweise nur noch kurze Zeit im Kastenstand fixiert werden. Das ist eine enge Box, in der die Tiere fixiert sind. Bei Legehennen begann die Entwicklung hin zu tiergerechten Haltungsformen schon viel früher: 1981 wurde die Käfighaltung für Hühner verboten - mit einer Übergangsfrist von zehn Jahren. Das heißt ab 1981 durfte kein neuer Stall für Eier aus Käfighaltung gebaut werden, und die bestehenden Ställe mussten binnen zehn Jahren umgebaut werden. So konnten die Landwirte ihre Kosten, die sie in neue Bauten investiert hatten, noch amortisieren und hatten Zeit, sich umzustellen.

IM FOKUS: Gab es dagegen keinen Widerstand?

Wechsler: Kaum. Den Verbrauchern in der Schweiz war Tierschutz sehr wichtig – und den Interessen der Bauern konnten wir mit Hilfe der Übergangsregelungen und finanzieller Anreize Rechnung tragen.

IM FOKUS: Die Bauern bekommen also mehr Geld, wenn sie ihre Tiere artgerechter halten?

Wechsler: Ja. Genau wie in der EU bekommen auch hier die Bauern Direktzahlungen. In der EU ist es so: Je größer ein Betrieb ist, desto mehr Geld bekommt er. Es geht also nach Fläche. In der Schweiz gibt es zusätzlich noch Beiträge, die den Tierschutz fördern: Je artgerechter die Tierhaltung, desto höher fällt der Förderbetrag aus. Das heißt: Ist ein Bauer bereit, noch strengere Vorgaben als die Mindeststandards einzuhalten, kann er sich an verschiedenen Programmen beteiligen und erhält dann dafür auch mehr Geld. Je höher die Qualität der Tierhaltung, desto mehr finanzielle Förderung gibt es. Die niedrigste Stufe beim Rindvieh wäre die Anbindehaltung kombiniert mit regelmäßigem Auslauf ins Freie, das heißt mindestens an 60 Tagen während der Vegetationsperiode und an 30 Tagen während der Winterfütterungsperiode. Zudem schreibt die Schweiz vor, dass angebunden gehaltenes Rindvieh höchstens zwei Wochen ohne Auslauf bleiben darf. Wer seine Tiere im Laufstall hält, bekommt dafür Fördergelder. Wer sie zudem häufig auf die Weide schickt, bekommt noch mehr.

IM FOKUS: Fernsehbilder aus Ställen, in denen die Tiere nur wenig Platz und keinen Auslauf ins Freie haben, wird man aus der Schweiz also nicht finden?

Wechsler: Nicht alle Tiere müssen Auslauf ins Freie haben. Hat der Landwirt einen Laufstall, gibt es keine Vorgabe, dass das Vieh auch ins Freie muss. Der Bauer würde dafür allerdings Tierwohlbeiträge bekommen. Bei anderen Tierarten ist es ähnlich: Ein Gesetz, dass jedes Tier Weidegang haben muss, gibt es auch bei uns nicht.

IM FOKUS: Bei so vielen Vorgaben - braucht man dann überhaupt noch Bio?

Wechsler: In der Qualität der Tierhaltung geht Bio nicht viel weiter als die Anforderungen, die für die Tierwohlbeiträge einzuhalten sind. Aber es gibt hier natürlich noch andere Vorgaben: dass der Bauer keinen Kunstdünger und chemisch-synthetische Pestizide einsetzt, die Tiere nur Bio-Futter bekommen und so weiter. Der Schritt zu Bio ist aber nicht mehr weit, wenn man sich erst einmal an den staatlichen Programmen beteiligt. So kann sich der Bauer schrittweise den Bio-Standards annähern.

IM FOKUS: Wie ist es denn mit tierischen Lebensmitteln, die importiert werden. Müssen diese auch dem Schweizer Standard genügen?

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Zur Person

Beat Wechsler ist Zoologe und leitet das Zentrum für tiergerechte Haltung für Wiederkäuer und Schweine in der Schweiz. In dieser Funktion arbeitet er für das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen und ist auch international ein gefragter Experte in Sachen Tierschutz.

Wechsler: Nein. Rund 50 Prozent der Eier werden beispielsweise importiert, daran hat sich seit Jahren kaum etwas geändert. Die Eier aus Käfighaltung gibt es bei uns also trotzdem - in Fertigprodukten, wo es der Konsument nicht erkennt.

IM FOKUS: Könnte das Schweizer System auch in EU-Ländern funktionieren?

Wechsler: Warum nicht? In der Schweiz haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, über die Direktzahlungen in die Qualität der Tierhaltung zu investieren. Diese Idee könnte auch in anderen Ländern aufgegriffen werden. Tierschutz muss sich lohnen.

 

Die Fragen stellte Magdalena Fröhlich

Tierschutz in der Schweiz:

Die Schweizer Tierschutz-Verordnung ist in zahlreichen Punkten strenger als das deutsche Gesetz. So dürfen weder Schweinen der Schwanz noch Geflügel der Schnabel kupiert werden. Schweine müssen sich außerdem jederzeit mit Stroh, Raufutter oder anderem gleichwertigem Material beschäftigen können. Auch bei den Haustieren machen die Schweizer genaue Vorgaben. Wer einen Hund halten möchte, muss erst einmal nachweisen, dass er über sein Verhalten und eine artgerechte Haltung Bescheid weiß. Da soziallebende Arten Kontakte zu Artgenossen brauchen, darf man beispielsweise ein Meerschweinchen nicht alleine halten.

Die Tierschutzverordnung im Netz: www.admin.ch

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