Hat der Regenwurm Stress oder ist es ihm zu trocken, kringelt er sich ein (Foto: Bernd Hommel/Julius-Kühn Institut)
05.01.2016
Kupfer als Pflanzenschutzmittel

Was sagt der Regenwurm dazu?

Kupfer ist eins der wenigen Fungizide, die Biobauern spritzen dürfen. Kritiker sagen, damit würden sie dem Regenwurm schaden - dem Bioindikator für einen lebendigen Boden. Stimmt das? Wir haben Wurm-Experte Bernd Hommel vom Julius-Kühn Institut gefragt.

IM FOKUS: Herr Hommel, Bauern verwenden Kupfer seit 130 Jahren gegen Pilzkrankheiten. Wie kommt der Regenwurm damit klar?

Hommel: Man muss wissen, dass Kupfer ein natürlicher Bestandteil der Erde ist. Unsere Böden haben bis zu 40 Milligramm Kupfer pro Kilo trockener Erde. Das brauchen die Pflanzen. Wir Menschen übrigens auch. Wir müssen täglich ein bis zwei Milligramm Kupfer aufnehmen. Heute würde es allerdings keine Erstzulassung mehr als Pflanzenschutzmittel bekommen, weil es im Labortest für Regenwürmer sehr toxisch ist. Bei 250 bis 300 Milligramm Kupfer pro Kilo trockener Erde sterben im Labor etwa 50 Prozent der Versuchstiere. Nun ist es aber so, dass in vielen Weinbaugebieten, wo seit über hundert Jahren Kupfer gespritzt wird, die Kupferwerte das Doppelte und mehr betragen. Da dürfte nach den Laborergebnissen kein Regenwurm mehr leben. Aber es gibt dort Regenwürmer.

IM FOKUS: Wie kann das sein?

Hommel: Die Laborergebnisse lassen sich nicht einfach so aufs Freiland übertragen. Man darf sich nicht den Gesamtgehalt an Kupfer im Boden anschauen, sondern man muss schauen, wie viel davon überhaupt biologisch verfügbar ist und damit dem Regenwurm gefährlich werden kann.

Zur Person

Bernd Hommel ist stellvertretender Leiter des Julius Kühn-Instituts (JKI) in Berlin für ökologische Chemie, Pflanzenanalytik und Vorratsschutz. Er erforscht die Auswirkungen von Agrarchemikalien insbesondere auf den Regenwurm. Das JKI ist das Forschungsinstitut des Bundes für Kulturpflanzen in Deutschland.  

IM FOKUS: Wie viel Kupfer ist denn aktiv?

Hommel: Weniger als ein Prozent. Die Regenwürmer hatten auch viele Jahrzehnte Zeit, sich an das toxische Kupfer zu gewöhnen. Sie werden im Boden von vielen Faktoren beeinflusst. Vielleicht wird die negative Wirkung des Kupfers auch durch andere Faktoren im Boden kompensiert? Es gibt viele Böden, die haben ganz wenig Kupfer, aber dennoch kaum einen Wurm.

IM FOKUS: Die kleinen Mengen, die Biobauern verwenden dürfen, schaden dem Regenwurm also nicht?

Hommel: Nein, diese wenigen Kilo Kupfer sind kein Problem. Die Probleme, die wir in manchen Wein- oder Hopfenanbaugebieten haben, sind historische Altlasten. Dort wurden früher mehr als 60 Kilo Kupfer pro Hektar und Jahr gespritzt. Kupfer verschwindet aber nicht, es reichert sich im Boden an. Und selbst wenn es fest gebunden ist, kann es wieder aktiv werden, wenn sich zum Beispiel der ph-Wert des Bodens ändert. Gesunde Böden mit viel organischer Substanz führen übrigens dazu, dass frisches Kupfer schneller gebunden wird.

IM FOKUS: Wenn die Altlasten das Problem sind, dann bringt es auch nichts, Kupfer zu verbieten, oder?

Hommel: Richtig, das hätte mehr Nachteile als Vorteile. Es würde dem Regenwurm nicht sehr viel nützen, aber brächte vor allem den Biolandbau in große Schwierigkeiten, weil Kupfer oft das einzige natürliche Pflanzenschutzmittel ist, das gegen Pilzkrankheiten wirkt. Wir überlegen uns aber am Julius Kühn-Institut, wie man das Kupfer im Boden ruhigstellen kann - durch einen deutlich höheren ph-Wert als 5 und mehr organische Substanz im Boden durch Einsaaten. In vielen Weinbaulagen kann man die Graseinsaaten zwischen den Rebreihen gut sehen. Vielleicht lässt sich da noch mehr machen.

IM FOKUS: Warum ist der Regenwurm eigentlich so wichtig?

Hommel: Er lockert und lüftet mit seinen Gängen den Boden und zerkleinert Wurzeln, Laub und Stroh als Vorarbeiter für die Mikroorganismen im Boden. Der Regenwurm leistet so einen wichtigen Beitrag zum Humusaufbau.

IM FOKUS: Ist Regenwurm gleich Regenwurm?

Hommel: Nein. Wenn wir über den Regenwurm reden, reden wir eigentlich über drei wichtige Lebensformen. Die haben sich den Boden prima aufgeteilt, wie eine Etagen-WG. Die erste Gruppe, das sind zwei, drei Arten, lebt oberirdisch, also auf dem Boden. Die zweite Gruppe, sie umfasst die meisten Arten, haust 20 bis 30 Zentimeter in der oberen Bodenschicht. Das sind die Querbohrer. Und dann gibt es noch die Tiefengräber mit oft nur ein oder zwei Arten, die bis zu zwei Meter tief im Boden stecken. Sie bohren vertikale Gänge, die das Regenwasser aufnehmen. Die Tiefengräber kommen nachts oder am frühen Morgen nach oben und fressen nur, was oben liegt. Laub etwa.

IM FOKUS: Was würde mit einem Boden passieren, wenn keine Regenwürmer mehr da wären?

Hommel: Dann gäbe es große Probleme mit der Zersetzung von Pflanzenresten. Zum Beispiel in Obstanlagen mit wenig Regenwürmern bleibt das Laub liegen, pilzliche Krankheitserreger überleben, und der Schorfbefall im nächsten Jahr nimmt zu. Natürlich zersetzen sich die Pflanzenreste auch ohne Regenwürmer, aber es dauert viel, viel länger.  

IM FOKUS: Wie wirkt Kupfer eigentlich genau auf den Regenwurm?

Hommel: Ein Zuviel an Kupfer kann zum Beispiel Enzyme negativ beeinflussen. Die Regenwürmer sterben daran nicht unbedingt, aber sie wachsen und vermehren sich dann nicht mehr richtig. Es gibt aber Arten, die besser mit Kupfer klarkommen als andere. Sie können das Kupfer wieder abgeben oder die Wirkung ausschalten. In der Nähe von Kupferminen mit sehr hohen Kupfergehalten im Boden, oft sogar über tausend Milligramm pro Kilo Boden, haben sie die anderen Arten nahezu verdrängt. Das ist schlecht für die Vielfalt, aber die ökologische Funktion der Regenwürmer kann auch von zwei, drei Arten erfüllt werden. Hauptsache, es sind genug Individuen vorhanden.

IM FOKUS: Wie viele sollten es denn sein?

Hommel: In landwirtschaftlichen Böden sollten es schon 50 bis 200 pro Quadratmeter sein. Wichtig ist, dass Querbohrer, Tiefbohrer und oberirdische Würmer dabei sind. Zum Vergleich: Im Boden unter einer unberührten Wiese tummeln sich 200 bis 400 Würmer auf einem Quadratmeter.

IM FOKUS: Und wie wirkt Kupfer auf andere Kleinstlebewesen im Boden?

Hommel: Wir haben in unseren Untersuchungen keine unvertretbaren Auswirkungen auf Mikroorganismen festgestellt, weil der Kontakt mit dem Kupfer sehr gering ist. Der Regenwurm hingegen schleimt sich ja richtig im Boden ein und frisst sich durch die Erde. Darum ist er auch ein Indikator für uns: Wenn der Regenwurm keinen Schaden nimmt, dann kann man davon ausgehen, dass auch kleinere Bodenorganismen mit dem Kupfer zurechtkommen. Springschwänzen und Laufkäfern macht das auch nichts.

IM FOKUS: Und Maulwürfe, die sehr gern Regenwürmer jagen und fressen?

Hommel: Dort, wo viel Kupfer im Boden ist und Regenwürmer deshalb im Körper Kupfer anreichern, etwa in Weinbergen, gibt es kaum Maulwürfe. 

Das Interview führte Julia Romlewski

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