Ziegen sind Herdentiere (Foto: Magdalena Fröhlich)
26.07.2016
Ziegenhaltung

Määäh hier mal den Rasen

Den Bock zum Gärtner zu machen ist für Regino Esch, Biolandwirt aus der Eifel kein Problem. Im Gegenteil. Bei ihm wird der Rasen gemäht: von rund 150 Ziegen. Damit sorgen sie nicht nur für schöne Wiesen, sondern verwandeln Gras zu Milch. Wenn das mal kein gutes Geschäft ist. Von Magdalena Fröhlich

Regino Esch hält Ziegen in der Eifel (Foto: Magdalena Fröhlich)
Regino Esch hält Ziegen in der Eifel (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ziegen sind Kühe für Arme, sagt man. "Das ist Quatsch", sagt Regino Esch. Der Biolandbauer aus der Eifel hält seit 15 Jahren rund 150 Ziegen. Obwohl er eigentlich erst Kühe wollte. Mit ihnen hat er fünf Sommer auf der Alm verbracht, war den ganzen Tag in der Natur mit den Tieren oder beim Käsen. Statt auf der Alm ist er jetzt mit seiner Frau Sibylle und Kollegin Wiebke Medau in der Eifel - und machen dort wieder: Käse. Diesmal aber solchen aus Ziegenmilch. Für Kühe hätte der Platz nicht gereicht. "Daher kommt auch der Spruch, Ziegen seien die Kühe des kleinen Mannes: Ziegen brauchen weniger Platz", erklärt er. "Und weniger Futter."

Deshalb werden auch heute noch auf der Welt, vor allem in den Ländern des globalen Südens, eher Ziegen als Kühe gehalten. Das war auch hierzulande so: "Wenn die Zeiten mager waren, erlebte die Ziegenhaltung einen Boom", so Esch. Das spart Platz und Futterkosten.

"Weil Brombeerblätter zu ihren Delikatessen zählen, setzt man die kleinen Wiederkäuer auch zur Landschaftspflege ein. Auch viele Bergwiesen würde es ohne Ziegen nicht geben. Denn weil sie die jungen Triebe fressen, verhindern sie, dass alles mit Wald und Sträuchern zuwächst. Dafür bekommt der Bauer auf dem Bioland-Hof Steinrausch auch staatliche Förderung. "Ein wesentlicher Beitrag zum Einkommen ist das nicht - er liegt nämlich nur minimal über der Bio-Förderung und zwei Förderungen auf einmal bekommt man nicht", sagt er. Sein Geld verdient er als Milchviehbauer.

Ziegen fressen so gut wie alles Grünzeug (Foto: Magdalena Fröhlich)

Der Ziegenmilchpreis ist nicht wie der von Kuhmilch an den Weltmarktpreis gekoppelt. Marktschwemme? Keine Spur. Im Gegenteil - Ziegenmilch wird importiert, wie viel genau, dazu gibt es nur sehr vage Schätzungen. Aber ein Blick aufs Etikett zeigt, dass viel aus den Niederlanden und Frankreich kommt, wo weitaus mehr Ziegen gehalten werden.

Obwohl die Nachfrage steigt, ist Ziegenmilch noch ein Nischenprodukt. Laut Ökolandbau.de, einem Internetportal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung werden in Deutschland jährlich 22,8 Kilogramm Käse pro Kopf verzehrt, circa 50 Gramm davon sind Käse aus Ziegenmilch. "Eine Kuh gibt aber auch viel mehr Milch. Nur mal zum Vergleich: Die Durchschnittsmilchleistung einer Bio-Ziege liegt bei 600 bis 650 Liter - eine Kuh gibt da zehn Mal so viel", so Esch. Ein wenig könnte sich das aber ändern:

Ziegen klettern gern, deshalb gibt es im Stall auch einige Erhöhungen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Ziegen klettern gern, deshalb gibt es im Stall auch einige Erhöhungen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Denn während die Kuh seit den fünfziger Jahren ständig weitergezüchtet wurde, hat sich kaum jemand für die Genetik der Ziegen interessiert. "Ziegen hielt man nur zur Selbstversorgung", so Esch. Zum Teil ist das auch heute noch so. Von den 200.000 Ziegen, die in Deutschland gehalten werden, dienen nur rund 35.000 dem Erwerb von Landwirten, die Ziegenmilch vermarkten. Der Rest wird zur Landschaftspflege eingesetzt, gehört Hobbyhaltern oder Streichelzoos. Deshalb gibt es auch kaum Molkereien, die die Milch verarbeiten. Im Bio-Bereich kann man diese an zwei Händen abzählen. Darum verarbeiten viele Bauern wie Biolandwirt Esch die Milch selbst. 

Dabei gibt es ein Problem: Männliche Ziegen geben keine Milch. Und in der Herde würden zu viele Böcke für Rangeleien sorgen. "Das ist wie mit den Legehennen - die männlichen Tiere sind nicht ökonomisch. Die Brüder der Legehennen setzen zu langsam Fleisch an", so Esch. Was also tun? "Das Fleisch geht vor allem ins benachbarte Frankreich. Dort isst man mehr Ziegenfleisch", räumt er ein.

Die Lösung wären weniger männliche Ziegen - aber bei der Geburt ist das Verhältnis 50:50. "Bei Rindern setzt man auf gesextes Sperma und befruchtet die Tiere künstlich. Das Sperma soll das Geschlecht vorgeben und hauptsächlich zu weiblichen Nachwuchs führen. Bei Ziegen kommt das alles nicht in Frage - es gibt weder gesextes Sperma, und selbst eine künstliche Befruchtung ist anders als bei Rindern, wenig verbreitet.

Was aber bei allen Tieren geht: Sie länger zu nutzen. "Statt die Tiere jedes Jahr zu decken, melken wir sie zwei Jahre am Stück durch. Sie geben dann zwar weniger Milch, aber die Milch reicht immer noch aus, um wirtschaftlich zu sein", sagt Esch. "Und je weniger Ziegen allgemein geboren werden, desto weniger männliche Tiere gibt es logischerweise."

Die Tiere einfach zu töten, ohne das Fleisch zu nutzen, würde für Esch nicht infrage kommen. "Die meisten Böcke kommen recht früh zum Schlachter. Aber bis dahin sollen sie ein gutes Leben haben." Wer also denkt, wenn man nur Käse isst, wird dafür kein Tier getötet irrt: "Auch eine Milchziege wird irgendwann geschlachtet", so Esch. Deshalb vermarktet er auch Wurst und Salami.

Was aber fehlt, seien Strukturen der Fleischvermarktung. Auf dem Hof, kommt er mit seinen Kunden ins Gespräch und kann sie überzeugen, dass die Vorstellung von übel riechenden und bockig schmeckenden Ziegenfleisch schlichtweg falsch ist. Da es aber immer mehr Ziegenhalter gibt, die nicht selbst im Hofladen oder auf dem Markt stehen, sondern ihre Milch an einen Verarbeiter liefern, bleibt das Fleisch übrig und kann nur in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Portugal verkauft werden. "Dort gilt es als Delikatesse", so Esch. Doch die ist teuer. Mindestens 16 Euro pro Kilo müsste der Landwirt bekommen, denn als Bio-Ziege muss das Tier mindestens 45 Tage lang Milch oder Milchpulver bekommen, ehe es geschlachtet wird. "Aber das ist wie mit den meisten männlichen Tieren - da muss man froh sein, wenn man nicht draufzahlt", so Esch.

Ziegenhaltung

  • Jährlich werden in Deutschland rund 25.000 Tonnen Ziegenmilch produziert - in Frankreich sind es 536.000 Tonnen.

  • Die durchschnittliche Milchleistung der Ziegen liegt bei circa 600 Kilo im Jahr, zum Vergleich: Bei Milchschafen sind es rund 300 bis 350 Kilo und bei Kühen etwa 6.700.

  • Die gesamte Ziegen- und Schafmilch wird derzeit von rund 15 Molkereien, hauptsächlich in Süddeutschland, verarbeitet.

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Im Netz:

Der Bioland-Ziegenhof Steinrausch

Film des SWR über Milchviehhalter in der Eifel