Genuss, Wachmacher, Pause - mit Kaffee verbinden die meisten etwas Positives (Foto: imago)
07.06.2016
Kaffee

Vom Luxusgetränk zum Massenprodukt

Die Erfolgsgeschichte der Kaffeebohne ist beachtlich: Einst tranken nur die Araber Kaffee, dann eroberte er Stück für Stück die ganze Welt - und wurde zum zweitwichtigsten Rohstoff. Damit fingen die Probleme an. Von Julia Romlewski

Julia Post aus München trinkt gerne Kaffee. Es ist noch nicht lange her, da ließ sich die 26-Jährige den Kaffee in einen Pappbecher gießen. Wie so viele. Coffee to go ist beliebt. Dann aber machte es klick. Die gelernte Hotelfachfrau merkte, dass sie für ein paar Minuten Kaffeegenuss im Gehen ganz schön viel Müll produzierte.

Sie wurde nachdenklich, recherchierte und stellte fest: Der schnelle Koffeinkick ist ein echtes Umweltproblem. Allein in Deutschland fallen jedes Jahr zwei bis sechs - die Schätzungen gehen auseinander - Milliarden beschichtete Pappbecher mit Plastikdeckeln an. Müll, der eigentlich recycelt werden müsste, aber meistens im nächsten öffentlichen Mülleimer landet und dann in der Müllverbrennung.

Das Zeichen bedeutet: Hier kann man seinen Mehrwegbecher mitbringen (Logo: Julia Post)
Julia Post kaufte sich einen Mehrwegbecher und war erstaunt: "Das war beim Bäcker gar kein Problem." Nur: Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie einen eigenen Becher mitbringen können. Denn kaum ein Kaffeeverkäufer macht darauf aufmerksam. Dabei bekommt man oft sogar noch Rabatt, wenn man keinen Pappbecher nimmt. Die Politikstudentin wurde aktiv: Sie erfand 2015 ein Logo für den Coffee to go again, wie sie den Kaffee im Mehrwegbecher nennt, ließ auf eigene Kosten Aufkleber drucken und verteilt sie seitdem in München oder wo sie eben gerade unterwegs ist. Inzwischen klebt ihr Logo bereits an rund 130 Türen von Bäckereien und Cafés in Deutschland. Eine App ist auch geplant. "Ich will mehr Menschen motivieren, auf den Mehrwegbecher umzusteigen."

Von der Politik wünscht sich die Studentin ein klares Statement, dass der Coffee to go again erwünscht ist. Verboten ist der Mehrwegbecher nicht, dem Verkäufer bleibt aber ein Haftungsrisko, erklärt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Er muss aufpassen, dass nur saubere Becher über die Theke wandern.

Weniger ist mehr

Richtig einkaufen: Wenn Kaffee, dann am besten bio. Generell gilt Hochlandkaffee (Arabica-Kaffee) als nachhaltiger als Tieflandkaffee (Robusta), der meist künstlich bewässert werden muss.

Abwechseln: Es muss ja nicht immer Bohnenkaffee aus Übersee sein. Warum nicht einmal heimische Bohnen ausprobieren - Lupinen? Der koffeinfreie Lupinenkaffee ist magenfreundlich, schmeckt mehr oder weniger kaffeeähnlich, und es gibt ihn auch in Bioland-Qualität. Der Kaffee aus gerösteten Lupinensamen wird wie echter Kaffee zubereitet. Lupinenkaffee gibt es zum Beispiel beim Bioland-Hof Kelly oder beim Bioland-Hof Klein. Noch mehr Abwechslung bringt man hinein, wenn man variiert. Auswahl gibt es beim Getreidekaffee genug. Er kann aus Roggen, Feigen, Gerste, Mandeln, Malz oder Kartoffeln hergestellt werden.

Julia Posts Kampf gegen den Müll hat mit der Erfolgsgeschichte des Kaffees zu tun. Kaffee gilt nach Öl als wichtigster Rohstoff weltweit, Millionen Menschen leben davon, als Anbauer, Händler oder Verkäufer. Wir trinken Kaffee, weil er uns schmeckt, wir süchtig nach Koffein sind und weil wir ihn uns leisten können. Einen Becher Kaffee gibt es schon ab einem Euro.

Dabei war Kaffeetrinken noch vor einigen hundert Jahren Luxus in Europa. Bis ins 17. Jahrhundert nämlich hatten die Araber das Handelsmonopol. Sie hatten den Kaffee vermutlich schon im 12. oder 13. Jahrhundert in Äthiopien entdeckt und bauten die Kaffeepflanzen dann auch im Jemen an. Durch das Osmanische Reich breitete sich der Kaffee im 16. Jahrhundert in Südeuropa aus. Der Kaffeeanbau sei lange ein regelrechtes Staatsgeheimnis gewesen, so der Deutsche Kaffeeverband. Die Araber sollen die Kaffeebohnen mit heißem Wasser übergossen haben, um sie keimunfähig zu machen. So wollte man verhindern, dass andere Länder selbst Kaffee anbauen konnten.

Das ging eine Weile gut. Im 17. Jahrhundert gab es dann aber kein Halten mehr: Die europäischen Kolonialmächte besorgten sich Kaffeepflanzen und pflanzten sie in ihren Kolonien an. Sie brachten den Kaffee nach Sri Lanka, Brasilien und später auch nach Guatemala. Es entstanden große Plantagen, und Kaffee wurde erschwinglicher. Eine Zeitlang war er für arme Fabrikarbeiter sogar Essensersatz. Sie bezwangen ihren Hunger mit Kaffeesuppe. "Um das Jahr 1850 ist Kaffee endgültig zum Volksgetränk geworden", so der Deutsche Kaffeeverband.    

Die meisten Bohnen stammen heute aus Brasilien, Vietnam und Kolumbien. Zwei Sorten dominieren den Markt: Arabica und die weniger empfindliche Robusta-Bohne, die erst Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika entdeckt wurde. Mehr als 100 Millionen Säcke Rohbohnen (ein Sack wiegt 60 Kilo) werden weltweit jedes Jahr geerntet. Der Deutsche Kaffeeverband hat ausgerechnet, dass jeder Deutsche im Schnitt 160 Liter Kaffee im Jahr trinkt (Stand 2014) - mehr als Mineralwasser oder Bier. Wir gehören damit zu den Spitzen-Kaffeetrinkern weltweit.

Klimawandel bedroht Kaffeepflanzen

Der massive Kaffeekonsum hat allerdings Schattenseiten. Der Plastikmüll hierzulande ist da im Vergleich noch das kleinste Übel. Die allermeisten Kaffeepflanzen stehen in Monokulturen, werden mit Pestiziden besprüht und chemisch-synthetisch gedüngt. Je mehr Kaffee getrunken wird, desto mehr Regenwald verschwindet auch, denn die Kaffeepflanzen wachsen rund um den Äquator.

Wer Bio-Kaffee trinkt, kann da ein etwas besseres Gewissen haben: Denn Bio-Kaffeepflanzen wachsen in Mischkulturen, chemisch-synthetische Pestizide sind verboten, und oft ist der Bio-Kaffee auch noch fair trade-zertifiziert. Allerdings stecken nur in jedem 100. Kaffeesack Bio-Bohnen. Größter Exporteur war 2013 laut Deutschem Kaffeeverband Mexiko mit 260.000 Säcken. Der Bio-Anteil in Mexiko liegt damit immerhin bei elf Prozent. Im weltweiten Kaffeeanbauland Nummer eins Brasilien wurden im selben Jahr hingegen nur rund 78.000 Säcke mit Bio-Bohnen befüllt – von insgesamt 50 Millionen Säcken. Und auch in den meisten deutschen Kaffeemaschinen landet eher selten Bio-Kaffee.

Wirklich nachhaltig ist Kaffeegenuss in unseren Breiten sowieso nicht - auch nicht, wenn man Bio-Bohnen nimmt. Denn Kaffee ist nun mal ein Importprodukt aus Übersee, ein hoch verarbeitetes noch dazu. Von der Ernte der Kaffeekirschen bis zum dampfenden Kaffee werden viel Energie und Wasser verbraucht. Schon deshalb sollte man Kaffee nicht gedankenlos in sich hineinschütten.

Doch es macht einen Unterschied, wo er herkommt: Arabica-Kaffee aus Bergregionen, wo es mehr regnet, gilt als nachhaltiger als Robusta-Kaffee, denn der wächst meistens in Trockentälern mit künstlicher Bewässerung. Der Verein Deutscher Gewässerschutz rät deshalb zu Bio-Hochlandkaffee. Womöglich wird Kaffee ohnehin bald wieder von selbst zum Luxusgut. Denn der Klimawandel macht den empfindlichen Kaffeepflanzen arg zu schaffen. Wissenschaftler schlagen schon Alarm.   

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Der deutsche Kaffeemarkt in Zahlen auf der Seite des Deutschen Kaffeeverbandes

Der Wasserbedarf der Kaffeeproduktion nach Ländern

Zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Kaffeeanbau:

WiWo Green: "Warum wir in 66 Jahren keinen Kaffee mehr trinken"

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ): Anbauflächen für Kaffee werden sich verringern und verlagern