Auch auf Märkten kann eine Kommune den Bio-Anteil etwas steuern (Imago/Nordpool)
11.05.2016
Kommunen für mehr Nachhaltigkeit

Mehr bio, bitte!

Klingt nach Öko-Paradies, ist aber echt: keine Kaffeekapseln, keine Pestizide, Bio-Kantinen-Essen, und der Stadtratsbeschluss steht auf Recyclingpapier. Immer mehr Städte zeigen, wie Umweltschutz auf kommunaler Ebene funktionieren kann - und sich mitunter sogar rentiert. Von Magdalena Fröhlich

260 Milliarden Euro - damit lässt sich einiges anstellen. Auch etwas für mehr Umweltschutz. Denn so viel Geld geben die Kommunen jährlich für die öffentliche Beschaffung aus - von Spülmaschinentabs in der Rathausküche über das Druckerpapier im städtischen Kindergarten bis hin zum Linienbus. Das alles kann auch öko sein: Etwa, wenn der Linienbus mit einem Hybridantrieb durch die Stadt fährt oder wenn das Essen in der Kita bio ist. Warum aber sollte eine Stadt dafür Geld ausgeben? Zum einen, weil es Geld spart: Einer Untersuchung des Beratungsunternehmens McKinsey zufolge spart der Hybridbus rund 30 Prozent Sprit - und somit rund 120.000 Euro, wenn man ihn entsprechend lange nutzt. Nicht immer geht es aber ums Geld, sondern auch um Ideale.

Den Grund, warum beispielsweise Nürnberg auf mehr Nachhaltigkeit setzt, findet man auf dem Friedhof. Weil Grabsteine oft aus Kinderarbeit in Indien kommen, wollten die Nürnberger etwas dagegen unternehmen. Die Steine sollten unter fairen Bedingungen hergestellt worden sein. Geklappt hat dieses Verbot nicht, ein Gericht sah darin einen Eingriff in die Berufsfreiheit der Steinmetze. Trotzdem kam damit ein anderer Stein ins Rollen - einer für mehr Nachhaltigkeit. Zunächst wurde Nürnberg Fair-Trade-Town, das bedeutet, dass es in mehreren Geschäften und Cafés Produkte mit dem Fair-Trade-Label gibt und vor ein paar Jahren wurde die Frankenmetropole zur Bio-Stadt.

Vergaberecht

Wenn eine Gemeinde etwas einkaufen möchte, dann muss das öffentlich ausgeschrieben werden, das heißt: Man kann nicht einfach irgendeine Firma beauftragen. Das würde gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen. Allerdings kann man Kriterien wie Bio aufnehmen. Das ist aber recht kompliziert. Deshalb arbeitet das Bio-Städte-Netzwerk an einer öffentlich zugänglichen Broschüre mit Musterausschreibungen. Geht es zum Beispiel um's Bio-Catering für den Bürgermeister-Empfang, kann diese Ausschreibung bald jede Gemeinde einfach kopieren.

Von dort aus wird dort auch das Bio-Städte-Netzwerk koordiniert, der deutsche Ableger des internationalen Netzwerkes Città del Bio. Ihm gehören mittlerweile zwölf Städte in ganz Deutschland an. Das Ziel: Bio in öffentlichen Kantinen fördern und den Kontakt zwischen Städtern und Landwirten herstellen. In Franken fiel dazu schon 2003 ein Stadtratsbeschluss: Aktuell gelten 75 Prozent in städtischen Kitas, 50 Prozent in Schulen sowie bei Empfängen des Oberbürgermeisters und bei Wochenmärkten, 25 Prozent bei allen städtischen Einrichtungen und Veranstaltungen, sowie 20 Prozent in der Landwirtschaft im Nürnberger Umland soll der Bio-Anteil jeweils betragen. Dazu sollen vor allem  umstellungsinteressierter Landwirte beraten werden - Geld dafür kommt auch vom Land. Und selbst am Christkindlesmarkt muss es Bio-Buden geben: Mittlerweile tragen knapp ein Drittel der Stände das Bio-Siegel.

Kein Glyphosat und keine Kaffeekapseln

Hamburg beschloss Ende Januar diesen Jahres nicht nur ein Verbot des Spritzmittels Glyphosat im öffentlichen Grün und dass es mehr Bio-Essen geben soll, sondern zusätzlich einen gesamten Katalog für die öffentliche Beschaffung: 150 Seiten ist er dick. Darin geht es nicht nur um Bio, sondern um alles, was die Stadt einkauft. Und das hat immerhin einen Wert von 250 Millionen Euro jährlich: Von der Glühbirne bis zum Dienstwagen soll alles möglichst nachhaltig sein. Selbst Kaffeekapseln werden darin aufgezählt. Diese dürfen die Mitarbeiter nicht mehr auf Staatskosten einkaufen. Sie produzieren jede Menge Müll und kosten im Schnitt dreimal so viel wie ein herkömmlicher Filterkaffee.

"Wir sind auf einem sehr guten Weg", sagt Werner Ebert, der das Projekt Bio-Metropole Nürnberg leitet. "Nur in den Schulen, mit einem Bio-Anteil von 20 Prozent, hapert es noch ein wenig." Das liege zum einem sowohl am Leitungspersonal als auch an Eltern, die nicht bereit sind, für Bio etwas mehr Geld - im Schnitt 15 Prozent - auszugeben. Das Bio-Essen habe laut Ebert auch schon dazu geführt, dass einige Landwirte nun auf öko setzen.Ansonsten heißt es: aufklären, aufklären - und feiern: "Wir machen zum Beispiel solidarische Landwirtschaft besser bekannt, unterstützen Veranstaltungen zum Thema bio und organisieren einmal im Jahr das Festival 'Bio erleben', bei dem es neben Essen auch Infos und Musik gibt. Das ist dann auch eine gute Möglichkeit für die Firmen, um sich zu präsentieren", so Ebert. Das Geld für Veranstaltungen und Aufklärungsarbeit kommt sowohl aus dem städtischen Haushalt als auch von lokalen Unternehmen und aus Fördermitteln von Land und Bund.

Einzelne Bio-Unternehmen könne man aber - schon rein rechtlich - nicht fördern. Aber zumindest ein Netzwerk knüpfen. Zum Beispiel als es darum ging, Biobauern, die Urgetreide wie Emmer anbauen, mit regionalen Verarbeitern und Händlern zusammenzubringen. "Das ist ein voller Erfolg, die Bauern haben nun keine Absatzschwierigkeiten mehr. So erhalten wir nicht nur die Vielfalt, sondern stärken auch die Wirtschaft vor Ort."

Als Vorbild für die deutschen Bio-Städte dient dabei meist Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt hat sich 2007 selbst zur Umwelthauptstadt Europas ernannt. Dabei steht Bio ganz oben auf der Agenda - bis 2020 sollen in Kopenhagen alle öffentlichen Einrichtungen zu 90 Prozent Bio-Lebensmittel verwenden. Die Auswertungen laufen derzeit noch, aber es scheint, so die Pressestelle der Stadt, zu klappen. Subventionen oder Preiserhöhungen gab es deswegen übrigens nicht. Kopenhagen hat dazu eine eigene Einrichtung, das "House of Food" etabliert, das Köche schult, möglichst nichts wegzuwerfen und frisch zuzubereiten anstatt auf vorgefertigtes Convenience-Food zurückzugreifen. Für ganz Dänemark gilt das Ziel 60 Prozent Bio bis 2020. 

So ambitioniert sind die Ziele der Bio-Stadt Heidelberg zwar nicht, allerdings fängt bei ihnen öko nicht erst in der Küche an. Hier soll auch am Straßenrand alles bio sein: Die Stadtgärtnerei setzt mit ihren Zierpflanzen auf Bio, chemisch-synthetische Pestizide hat die Kommune von ihren öffentlichen Flächen längst verbannt.

Und noch etwas kann eine Gemeinde unternehmen, um den Biolandbau zu fördern - Kriterien für das Verpachten landwirtschaftlicher Flächen, die der Kommune gehören, aufstellen: Im hessischen Ahnatal etwa hat der Stadtrat beschlossen, dass auf den landwirtschaftlichen Flächen der 8000-Seelen-Gemeinde keine chemisch-synthetischen Pestizide mehr ausgebracht werden dürfen. Zehn Landwirte sind davon betroffen, der Kreisbauernverband läuft dagegen Sturm - denn damit ginge ja praktisch nur noch bio.

Denn selbst wenn es keine bundesweiten Vorschriften gibt, haben die Kommunen einen immensen Gestaltungsfreiraum, um bio und fair zu fördern. Damit das auch klappt, und sich nicht jedes Amt einzeln mit den Vorgaben auseinander setzen muss, arbeiten die Bio-Städte zusammen: Bald soll es Vorlagen für Kommunen geben, wie man Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen rechtlich wasserdicht formuliert. Egal, welchen Titel die Stadt dann trägt, ob fair, bio oder Klima-Stadt - "Hauptsache die Gemeinden nutzen ihren Haushalt für umweltgerechte Investitionen", so Ebert.

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