Die Sunviva ist keine Tomate wie jede andere (Foto: Culinaris)
28.09.2018
Open-Source-Saatgut

Samen für alle

In vielen Gärten leuchtet sie diesen Sommer wieder gelb. Wer sie anpflanzt, setzt ein politisches Statement. Doch nicht alle sind von der Idee überzeugt. Von Julia Schreiner

Die süße Bio-Cocktailtomate Sunviva ist seit 2017 auf dem Markt. Und inzwischen ziemlich berühmt. Kein Wunder: Die Deutschen stehen bekanntlich auf Tomaten. Und die Sunviva ist auch keine Tomate wie jede andere. Sie gehört sozusagen uns allen. Wer sie anpflanzt, setzt damit ein politisches Statement. Gegen Patente auf Pflanzen, gegen Saatgutmonopole. Für Vielfalt und freien Zugang zu Saatgut.

Denn bei der Sunviva gibt es keine Eigentumsrechte. Jeder darf sie anpflanzen, vermehren, nach Lust und Laune weiterentwickeln und sogar Geld damit verdienen. Und das ohne Ärger mit einer Saatgutfirma befürchten zu müssen. Oder einem Züchter Geld zahlen zu müssen. Möglich macht das eine Open-Source-Lizenz, wie man sie aus der Computerbranche kennt.

Ausgetüftelt hat die Idee eine Gruppe aus Pflanzenzüchtern, Agrarwissenschaftler und Juristen um Johannes Kotschi vom gemeinnützigen Verein Agrecol. Zur Initiative Open Source Seeds kann jeder kommen, der eine Sorte als Gemeingut anmelden will. Voraussetzung: Sie muss neu sein und darf nicht bereits jemandem gehören. Die Open-Source-Lizenz kostet den Züchter nichts.

"Euphorie bei den Käufern"

Eine Firma, die die Tomatensamen vermehrt und verkauft, ist Culinaris in Göttingen. Max Rehberg von Culinaris ist mit der Nachfrage nach den Sunviva-Samen sehr zufrieden."Es ist so etwas wie Euphorie bei den Käufern zu spüren. Profigärtner fragen das Saatgut auch nach. Allerdings keine Gemüsebauern, sondern Jungpflanzengärtnereien. Das ist aber genau richtig, denn die Sunviva wurde als Freilandtomate ja für den Hausgarten entwickelt."

Gezüchtet hat sie in jahrelanger Arbeit ein Team um den Ökozüchter Bernd Horneburg im Rahmen eines ökologischen Freilandtomaten-Projekts an der Universität Göttingen. Viel Eigenleistung der Züchter, Projektmittel und Stitftungsgelder machten es möglich.

Inzwischen gibt es neben der berühmten Sunviva weitere Tomatensorten mit Open-Source-Lizenz. Auch wieder aus dem Freilandtomatenprojekt. Es sind zwei Fleischtomaten mit den schnörkellosen Namen 323-x und 236-x. "Diese beiden Sorten sind durchaus auch für Berufsgärtner geeignet", erklärt Kotschi.

"Open-Source-Brot"

Nicht nur für Hobbygärtner, auch für Ackerbauern hat die Open Source-Initiative etwas im Angebot: Drei Weizensorten, eine davon bio, gezüchtet auf einem Bio-Hof. Nun will Kotschi Bäcker für das Open Source-Getreide gewinnen. Ihm schwebt etwa ein "Open-Source-Brot" aus dem Bio-Sommerweizen vor. "Die Bäcker könnten mit der Lizenz werben."

Darf ich als Hobbygärtner Saatgut verkaufen?

Die einen sagen ja, die anderen nein. Den Handel mit Saatgut regelt das Saatgutverkehrsgesetz. Ob die Vorschriften auch für Hobbygärtner gelten, scheint Interpretationssache zu sein. Die meisten handelsüblichen Samen sind sowieso Hybride. Das heißt, aus ihnen lassen sich ohnehin nicht gut Pflanzen nachziehen. Hybridsaatgut erkennt man am Aufdruck F1 auf dem Tütchen. Wer samenfeste Sorten kauft, kann sich beim Bundessortenamt schlau machen, ob die Sorte geschützt ist. Bei vielen alten Sorten ist das nicht der Fall. Sie sind für die meisten Landwirte nicht interessant, da sie meist weniger Ertrag bringen. Manche setzen sich aber trotzdem für ihren Erhalt ein, weil sie in der Regel robust sind, regional gut angepasst und Abwechslung auf den Teller bringen. Außerdem eignen sie sich als Ausgangsmaterial für neue Züchtungen. Doch auch für alte Sorten gibt es Auflagen: Für jedes Saatgut am Markt braucht man eine Sortenzulassung, muss die Sorte also registrieren lassen. Sonst darf das Saatgut gar nicht gehandelt werden. Egal, ob man es dann noch schützen lässt oder nicht.

Landwirte, die den Open-Source-Weizen kaufen, müssen nur das Saatgut bezahlen. Sie dürfen den Weizen auch kostenlos nachbauen, also aus der Ernte Saatgut für die nächste Saison zurückbehalten. Normalerweise fallen für so etwas Gebühren an, was immer wieder zu Streit zwischen Landwirten und Saatgutfirmen führt.

Was viele Landwirte freuen dürfte, treibt die Züchter um. Die große Frage bei Open-Source: Wer zahlt für die Züchtungen, wenn der Züchter nichts für seine mühselige Arbeit verlangen darf? Dauert es doch viele Jahre, eine neue Sorte zu entwickeln. Die Initiative ist auf Spenden angewiesen.

Kulturgut der Menschheit

Kotschi sieht in der gemeinnützigen Pflanzenzüchtung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. "Natürlich müssen Landwirte einen Teil beisteuern, aber auch der Handel und die Verbraucher müssen sich beteiligen." Und natürlich der Staat. Saatgutvielfalt, meint Kotschi, sollte eigentlich eine Infrastrukturleistung des Staates sein. Die Realität ist eine andere: Saatgutmonopolisten beherrschen den Markt.

Ausgegoren ist das Open-Source-Konzept noch nicht. Hinter der Finanzierung steht ein großes Fragezeichen. Öko-Züchter kennen das Problem. Denn Open Source Seeds ist nicht die erste und einzige Initiative, die die Saatgutvielfalt erhalten will. Viele Öko-Züchter arbeiten bereits gemeinnützig. Es gibt in der Biobranche seit Längerem verschiedenste Vereine, Zusammenschlüsse und Stiftungen, die sich für ökologisches Saatgut einsetzen. Fast immer sind die Öko-Züchter auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Bioland-Saatgut

Es gibt einige Züchtungsinitiativen von und mit Bioland-Bauern. Biobauern mit passendem Ökosaatgut zu versorgen ist eine wichtige Aufgabe. Es gibt zum Beispiel den Kartoffelzüchter Karsten Ellenberg. Bei ihm können auch Hobbygärtner Pflanzkartoffeln kaufen. Oder die bäuerliche Ökosaatzucht e.G., an der sich Bioland beteiligt. Die Genossenschaft arbeitet gerade an Ackerbohnen. Der Verein Saat:gut versucht neue samenfeste Biogemüsesorten für den Profigärtner zu züchten. Sieben Bioland-Betriebe beteiligen sich außerdem daran, robuste Obstsorten zu entwickeln, die sich gut gegen Pilze wehren können und regional angepasst sind an Klima und Boden.

Entweder, weil sie durch Lizenzen zu wenig einnehmen. Oder, weil sie ihre Sorten bewusst gar nicht schützen lassen. So wie der Verein Saat:gut, in dem sich vier Bioland-Höfe zusammengetan haben. Das Geld für ihre Züchtungsarbeit kommt von engagierten Privatleuten, Biogroßhändlern und Stiftungen. Die Bioland-Züchter wollen, dass Saatgut wieder zu einem frei zugänglichen Kulturgut der Menschheit wird. So wie die Open-Source-Verfechter auch.

Nicht alle sind begeistert

Ob Open Source der richtige Weg ist - darüber diskutieren Öko-Züchter allerdings kontrovers. Es gibt Zweifel, was so eine Lizenz dem kleinen Züchter bringt. Schließlich kann er seine Sorten schon jetzt ganz gut schützen - wenn er sie als Erster beim Bundessortenamt anmeldet. 25 Jahre lang gilt dann der Sortenschutz. Kein anderer darf in dieser Zeit das Saatgut verkaufen.

Es steht anderen Züchtern aber frei, die geschützte Sorte weiterzuentwickeln und etwas Neues wiederum als eigene Sorte anzumelden. Das geht mit der Open-Source-Lizenz nicht. Was einmal Gemeingut ist, kann nach den Regeln der Lizenz nicht wieder privatisiert werden.

Solches Saatgut wäre dann für die meisten kommerziellen Züchter für weitere Züchtungen uninteressant, weil sich kein Geld damit verdienen lässt. Kritiker befürchten daher Rückschritte bei Forschung und Züchtung.

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