Mehrweg ist vor allem bei Mineralwasser stark zurückgegangen (Foto: Julia Romlewski)
20.01.2016
Mehrweg

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Mehrwegflaschen sind umweltfreundlich. Doch immer mehr Deutsche kaufen lieber Einwegplastikflaschen. Vielen fällt auch die Unterscheidung schwer. Denn auch Plastik kann Mehrweg sein, und auf alles wird inzwischen Pfand erhoben. Und Pfand stand doch mal für Umweltfreundlichkeit. Von Julia Romlewski

Vor 13 Jahren wurde das sogenannte Dosenpfand in Deutschland eingeführt. Schon der Name verwirrt: Denn das Pfand wird nicht nur auf Dosen erhoben, sondern auch auf diverse Einwegverpackungen. Es sollte die umweltschädliche Einwegplastikflut eindämmen und die Mehrwegquote von 64 auf 80 Prozent heben. Die Hoffnung: Wenn die Leute nicht nur Glas, sondern auch Dosen und Plastikflaschen zurückbringen müssen, um kein Geld zu verlieren, dann kaufen sie gleich die hochwertigeren Mehrwegflaschen. Und dann bleiben auch keine leeren Dosen mehr in der Landschaft liegen.

Falsch gedacht. Die Dosen kamen zwar schnell aus der Mode. Der Anteil der Mehrwegflaschen ist allerdings nicht gestiegen. Im Gegenteil: Er liegt inzwischen nur noch bei rund 42 Prozent. Viele Verbraucher sind von Glas auf Plastik umgestiegen - vor allem beim Wasser. Hat auf den ersten Blick ja auch seine Vorteile: Die Getränkekästen sind meist billiger, leichter zu schleppen, und die Flaschen können nicht zu Bruch gehen.

Das alles spräche zwar auch für die Mehrwegplastikflasche. Doch immer mehr Verbraucher sind zu den Discountern abgewandert. Deren Marktanteil bei Lebensmitteln liegt inzwischen bei über 40 Prozent. Bei Mineralwasser sogar bei mehr als 50 Prozent. "Und Aldi oder Lidl setzen auf Einweg", erklärt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Sie sparen sich so eine teure Rücknahme- und Wiederbefüllungslogistik. Das Wachstum scheint allerdings ausgereizt zu sein, denn nicht jeder kauft im Discounter ein. 2014 konnte Mehrweg wieder leicht zulegen.

In Zahlen

  • Mehr als die Hälfte (51,7 Prozent) der Getränke in Deutschland werden in Einwegverpackungen verkauft , 32 Prozent in Mehrwegglasflaschen und knapp 15 Prozent in Mehrweg-Plastikflaschen, berichtet das Umweltbundesamt (Stand 2011). Hier geht's zur Grafik

  • Verkehr: Mineralwasser in Einwegflaschen legt bis zum Verbraucher im Schnitt 482 Kilometer zurück, Wasser in Mehrwegflaschen nur 258 Kilometer. "Viele regionale mehrwegorientierte Abfüller haben mit durchschnittlich 30 bis 100 Kilometer noch deutlich kürzere Distributionsradien", so die Deutsche Umwelthilfe

  • Die Pfandpflicht auf Einweg gilt nicht für Fruchtsäfte, Molkereiprodukte, Wein und Spirituosen (Begründung: zu viel Aufwand für relativ wenig Marktvolumen) sowie für sehr große Verpackungen (über drei Liter Inhalt, Begründung: keine Mehrwegalternative in der Größe vorhanden) und für ökologisch vorteilhafte Verpackungen. Hierzu zählen Kartons, Schlauchbeutel und Folien-Standbeutel. Mehr zu den Ausnahmen

Diesen Trend könnte eine neue Entwicklung allerdings wieder umkehren: Der Getränkeriese Coca-Cola verkündete 2015 zum Teil aus dem Mehrwegsystem auszusteigen. Bei der 1,5-Liter-Flasche und der 0,5-Liter-Flasche werde man auf Einwegplastik umstellen. Das Unternehmen erklärt das so: "Die Nachfrage für unsere 1,5 -Liter-Mehrweg-PET-Flaschen ist in den letzten Jahren zurückgegangen. 0,5-Liter-Mehrweg-PET-Flaschen werden oft an einem anderen Ort zurückgegeben als sie verkauft werden. Das führt zu vielen Fahrten mit leeren Kisten." Außerdem würden die kleinen Flaschen unterwegs oft weggeworfen und damit weniger als zehn Mal wiederbefüllt.

Die 1,5 -Liter-Mehrwegflasche ist bereits vom Markt. Bei der kleineren Flasche zögert der Konzern noch und hat die Umstellung auf diesen Sommer verschoben. Die Reaktionen auf die Unternehmenspläne fielen wenig positiv aus: "Coca-Cola killt Mehrweg" oder "Ist das erst der Anfang?" schrieben Kritiker.

Auch die Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Entscheidung. Dahinter stecke noch etwas anderes, meint Bereichsleiter Fischer. Discounter und Supermärkte lieferten sich zuletzt immer wieder Rabattschlachten um Coco-Cola-Produkte. Das setzte auch Coca-Cola unter Druck, es kam zum Streit mit Lidl. Für einige Zeit flogen Coca-Cola-Produkte aus Lidls Regalen, weil der Konzern beim Preisdumping nicht mitmachen wollte. Mit den billigeren Einwegflaschen komme Coca-Cola den Discountern nun entgegen, meint Fischer. Und hofft, so das leicht schwächelnde Geschäft wieder anzukurbeln. 

Klare Kennzeichnung fehlt

Das sind schlechte Nachrichten für die Umwelt. Selbst wenn eine 0,5- Liter-Flasche nur zehn Mal wiederbefüllt würde, würde man so immerhin noch zehn neue kleine Plastikflaschen einsparen.

Dem Mehrwegsystem nützt es auch nicht gerade, dass viele Kunden nicht mehr durchblicken. Laut einer Emnid-Umfrage von 2014 hat jeder Zweite in Deutschland Probleme, Mehrweg- und Einwegflaschen voneinander zu unterscheiden.

Bei Glas ist die Sache ja noch recht einfach: Es gibt Mehrwegflaschen mit Pfand und Einwegflaschen ohne Pfand. Die Mehrwegflaschen bringt man zurück, sie werden gereinigt und wiederverwendet, zum Teil bis zu mehr als 50 Mal, und erst dann recycelt. Die Einwegglasflaschen kommen gleich ins Altglas, die Scherben werden recycelt.

Komplizierter verhält es sich bei Kunststoff-Flaschen. Egal ob Mehrweg oder Einweg, es ist Pfand drauf. Es gibt zwar ein Mehrwegzeichen. Das aber verwenden die meisten Mehrwegabfüller nicht, sagt die Deutsche Umwelthilfe. Auf nur jeder sechsten Mehrwegflache sei das Logo drauf. Andere wiederum, die das Logo gar nicht verwenden dürften, schreiben es trotzdem auf die Flaschen. Glatter Betrug.

"Wir haben eine katastrophale Kennzeichnungspraxis", kritisiert Fischer von der Umwelthilfe. Er fordert eine obligatorische Kennzeichnung. Dazu müsste auf allen Flaschen klar und deutlich "Einweg" oder "Mehrweg" stehen. Eine Forderung, die auch vom Verband Private Brauereien Deutschland kommt. Die Bierflasche ist seit jeher ein Standbein des Mehrwegsystems, mehr als 80 Prozent sind Mehrweg-Glasflaschen.

Das DPG-Logo steht für Einweg, die Pfandhöhe steht nicht immer mit auf der Flasche (Foto: Julia Romlewski)
Eigentlich gibt es auch auf Einwegplastikflaschen bereits einen Hinweis für Verbraucher: Das DPG-Logo. Bloß: Nur wenige kennen es und wer es nicht kennt, dem erschließt es sich auch nicht.

Bleibt noch die Höhe des Pfandes. Denn darin unterscheidet sich Mehrweg- vom Einwegplastik. Das Pfand auf Einwegplastik beträgt einheitlich 25 Cent. Nur: Das Pfand steht im Supermarkt in der Regel nicht am Regal. Wie viel draufgeschlagen wird, merkt man meist erst, wenn es schon zu spät ist: an der Kasse.

Auch die Beschaffenheit der Plastikflasche sagt wenig aus. Mehrwegplastikflaschen fühlen sich zwar immer hart an. Aber nicht jede harte Flasche ist auch Mehrweg. Denn manche Hersteller pumpen die weichen Wegwerfflaschen laut Fischer beim Befüllen mit Kohlendioxid künstlich auf, damit sie besser aussehen.

Abgabe auf Einweg

Trotzdem will auch Fischer von der Umwelthilfe nicht am Pfand rütteln. Schließlich bringt es Einwegplastik in den Recyclingkreislauf zurück und sorgt dafür, dass weniger Müll in der Natur landet. "Wir brauchen das Pfand, und die Leute haben das System auch akzeptiert." Nur: Eine Lenkungswirkung in Richtung Mehrweg kann Fischer nicht erkennen. Er fordert daher eine zusätzliche Abgabe von 20 Cent auf Einwegplastikflaschen. Das könnte Mehrweg wieder konkurrenzfähiger machen. Denn so groß ist laut Umwelthilfe im Schnitt der Preisunterschied.

Wiederbefüllbare Plastikflaschen (sie sind eigentlich immer aus PET, das steht für Polyethylenterephthalat) gibt es bereits seit 25 Jahren. Obwohl sie nur im Schnitt höchstens 25 Mal - und damit nur halb so oft wie Glas - wiederverwendet werden, gelten sie als einen Tick umweltfreundlicher als Glas-Mehrwegflaschen. Weil sie leichter sind und somit Energie gespart wird, beim Transport vor allem. Bei Qualität und Materialunbedenklichkeit hat allerdings Glas die Nase klar vorn. "Bei Glas gibt es keine Wechselwirkungen mit dem Getränk", sagt Fischer. Zu hundert Prozent recycelbar ist beides.

Die Mehrweg-Plastikflasche hat dazu beigetragen, dass das Image von Plastik besser geworden ist. Davon profitiert auch die Einwegplastikflasche. Hersteller weisen gern daraufhin, dass sie ja recycelbar ist. Wer sie kauft, muss sich also nicht als Umweltsünder fühlen?

Bei Wasser auf Mehrweg achten

Doch, sagt Fischer. "Trotz Recycling müsssen ja ständig neue Flaschen hergestellt werden." Der Recyclinganteil liege bei Einwegplastikflaschen höchstens bei 30 Prozent. Nur ein Teil des dünnen billigen Plastiks ist brauchbar, um daraus neue Flaschen herzustellen. Und bis aus Alt Neu wird, braucht es auch wieder Energie und Ressourcen für die Logistik. Würden die Recyclingquoten dazu führen, dass die Einwegplastikflaschen als ökologisch vorteilhaft eingestuft werden, wären die Verpackungen nicht mehr pfandpflichtig, erklärt der Naturschutzbund Nabu. So wie das bei Getränkekartons der Fall ist. Sie sind vom Pfand befreit, weil sie zu 65 Prozent wiederverwertet werden und wenig wiegen. Das ist gut fürs Klima, denn wenig Gewicht bedeutet weniger Spritverbrauch. 

Leicht sind Einwegplastikflaschen zwar auch. Da bei Einwegplastik aber vor allem der Preis zählt, ist die Gewinnmarge pro Flasche sehr niedrig angesetzt. Erst die Masse macht das Geschäft, und so werden die Flaschen weit herumgeschippert. Das ist bei Mehrweg anders: Die Abfüller beliefern meist nur eine bestimmte Region.

Vor allem beim Wasser sollte man auf Mehrweg setzen. Denn bei keinem anderen Getränk kann man so viel Plastikmüll sparen. Eine klassische Glas-Wasserflasche (0,7 Liter) ersetzt 37 Einliter-Einwegplastikflaschen, wenn sie 53 Mal im Umlauf ist. Und mit einer Mehrweg-Plastikflasche (1 Liter) kann man immerhin 18 Wegwerfplastikflaschen einsparen. Noch umweltfreundlicher ist der Wasserhahn - zumal Leitungswasser in Deutschland laut Umweltbundesamt zu 99 bis hundert Prozent eine sehr gute Qualität hat.

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