Fleisch gehört in die deutsche Küche - und bleibt doch ein Klimakiller (Foto: Sonja Herpich)
20.09.2019
Ernährung

Klimaschutz auf dem Teller

Fleischlose Ernährung liegt im Trend - und doch ist der Anteil von Vegetariern und Veganern an der deutschen Bevölkerung noch immer verschwindend gering. Dabei hätte ein zumindest teilweiser Verzicht auf Fleisch gleich mehrere positive Effekte. Von Angelika Franz

Der Deutsche isst gern Fleisch. 945 Hühner landen im Laufe seines Lebens auf seinem Teller, 46 Puten, 37 Enten und zwölf Gänse. Dazu kommen mit 46 Schweinen, vier Schafen und vier Rindern noch die wesentlich größeren Vierbeiner. So verzehrt er im Jahr um die 60 Kilogramm Fleisch. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) würde maximal die Hälfte für eine ausgewogene Ernährung ausreichen. Die DGE rät, "ein- bis zweimal in der Woche Fisch, Fleisch, Wurstwaren und Eier in Maßen" zu verzehren.

Nun essen nicht alle Menschen gleich viel Fleisch - Männer laut DGE zum Beispiel doppelt so viel wie Frauen. Außerdem ist der Fleischkonsum auf dem Land höher als in der Stadt und im Osten höher als im Westen. Menschen mit niedrigerem Einkommen essen mehr Fleisch als solche mit höherem und Ältere mehr als Jüngere. Zwar hat sich die Zahl der Vegetarier laut Fleischatlas in den letzten zehn Jahren auf mehr als vier Prozent der Gesamtbevölkerung verdoppelt, doch ihnen steht auf der anderen Seite des Spektrums eine wachsende Gruppe von - fast ausnahmslos männlichen - Vielfleischessern gegenüber, die fast dreimal so viel Fleisch konsumieren wie der Durchschnitt.

Viel Fleisch = viel Macht

Doch warum greifen gerade die Männer so häufig zu Fleisch? Schuld ist unter anderem unsere kulturelle Prägung, meinen Forscher. Es ist noch nicht lange her, als es am Mittagstisch selbstverständlich war, dass der Patriarch der Familie sich zuerst am Braten bediente und nach ihm die weiteren männlichen Familienmitglieder. Frauen, Kinder und Bedienstete teilten sich, was danach noch übrig blieb. Der Verzehr großer Portionen der besten Fleischstücke wird mancherorts auch heute noch als Symbol von Macht gesehen. Auf der anderen Seite aßen bis vor nicht allzu langer Zeit wohlhabende Menschen noch deutlich mehr Fleisch als solche mit geringen Einkommen. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten umgedreht, als das Fleisch immer billiger wurde und sich Menschen mit höherer Bildung und oft auch höherem Einkommen begannen, sich bewusster zu ernähren.

Es geht bei Steak und Schnitzel aber um mehr als nur die Gesundheit. Der Fleischkonsum ist eine globale Angelegenheit, die das Ökosystem des Planeten betrifft. Bevor ein Tier auf dem Teller landet, muss es gefüttert werden. Damit allein die Tiere in Europa satt werden, schätzt der World Wide Fund for Nature (WWF), braucht es eine Fläche, die in etwa der Größe Ungarns, Portugals, Dänemarks und der Niederlande zusammen entspricht. Da diese Fläche in Europa nicht verfügbar ist, müssen die Futtermittel anderswo wachsen. Vor allem die als Futter so beliebten Sojabohnen kommen meist aus Südamerika. Unser Appetit auf Fleisch facht deshalb die Feuer an, die - etwa im Amazonasgebiet - Platz für Plantagen machen sollen. Das dabei freigesetzte CO2 trägt maßgeblich zur Erderwärmung bei: Nimmt man alle Emissionen zusammen, verursacht die Viehhaltung mehr Treibhausgase als der gesamte Verkehr auf der Erde.

Viehwirtschaft bleibt ein Klimakiller (Quelle: Fleischatlas 2018/HBS)
Würden die Deutschen nur noch halb so viel Fleisch essen wie bisher, könnten sie damit bereits 7,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher des Öko-Instituts in einer Studie, die untersucht, was getan werden muss, um den Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung einzuhalten. Mit den eingesparten 7,3 Millionen Tonnen CO2, stellten die Wissenschaftler fest, würde Deutschland schon die Hälfte des gesetzten Ziels erreichen.

Noch effektiver wird die Ernährungsumstellung, wenn außer Fleisch auch weniger Milch, Sahne, Butter und Käse auf den Tisch kämen. Bereits mit einem Viertel weniger Milchprodukte und einem Viertel weniger Fleisch ließe sich ebenso viel CO2 einsparen wie mit der Halbierung des Fleischkonsums. Ganz ohne Einschränkungen aber wird es nicht gehen: "Ohne Reduzierung des Konsums von tierischen Lebensmitteln und einem entsprechenden Abbau der Tierbestände können wir die Klimaziele nicht erreichen", mahnen die Autoren der Klimastudie.

Gut für Kuh und Klima: Grünland

Rinder auf der Weide (Foto: Imago)
Wiesen und Weiden haben es in, oder vielmehr unter sich: Millionen Tonnen von Kohlendioxid. Der Humus, auf dem die Pflanzen wachsen, speichert riesige Mengen des Treibhausgases im Boden. Wird Grünland zu Ackerfläche, gelangt Kohlenstoff nach und nach mit der Ernte in die Atmosphäre. Allein in Europa werden so zwischen zehn und 40 Millionen Tonnen Kohlenstoff jährlich frei. Der Trick funktioniert zum Glück auch andersherum. Bei der Umwandlung von Ackerfläche in Grünland wird er wieder „eingefangen“ und in den Boden zurückgeführt. Deshalb tut ein Landwirt, der sein Vieh auf die Weide schickt, statt es im Stall mit Soja zu ernähren, nicht nur seinen Kühen einen Gefallen, sondern auch dem Klima.

Die Jugendlichen, die Freitag für Freitag auf die Straße gehen und für die Klimawende streiken, machen vor, wie es geht. Viele von ihnen verzichten bereits ganz auf Fleisch und Milchprodukte oder essen bewusst weniger davon. Auf ihren selbstgemalten Plakaten erklären sie, welche globalen Konsequenzen die Scheibe Wurst auf dem Brot oder die Sahne auf dem Sonntagskuchen haben – und hoffen, dass ihre Eltern und Großeltern ihnen zuhören.

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