Zwei von 15.000 Hühner auf dem Kiebitzhof: Hier werden jährlich rund 3,5 Millionen Bioland-Eier produziert (Foto: Magdalena Fröhlich)
05.11.2015
Große Höfe

Ist das noch Bio?

Wer alles auf diesen Höfen sehen will, braucht gutes Schuhwerk. Ein paar Stunden bräuchte man, wenn man den Kiebitzhof, Gut Wilhelmsdorf oder den Westhof komplett ablaufen wollte. Alle drei Betriebe sind ziemlich groß. Und bio. Von Magdalena Fröhlich

Wenn Biolandbauer Ralf Winkler sagt, er wolle das Beste aus dem Kiebitzhof herausholen, dann klingt das verständlich. Wenn er damit 15.000 Hühner meint, dann hat das erst mal einen Beigeschmack. 15.000 Hühner sind keine Idylle mit Fachwerkhaus und einem Hahn auf dem Misthaufen. Dabei hatte der Betrieb in der Nähe von Gütersloh nicht immer so viel Federvieh. Weil aber die Nachfrage nach Bio-Eiern ständig steigt, hat es sich für den Betrieb gelohnt, hier zu investieren. 

Steckbrief zum Kiebitzhof

  • 15.000 Legehennen, aufgeteilt auf fünf Ställe

  • 210 Hektar Land, 4500 m² Gewächshäuser und 2 Hektar Freilandgemüse

  • Verarbeitung von Gemüse zu u.a. Aufstrichen, Chutneys, Einmachgläsern in einer hauseigenen Konservierung, eigene Bäckerei, Kartoffelschälbetrieb und Gemüseverarbeitung für Großküchen

  • 150 Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung

  • Alles, was auf dem Kiebitzhof produziert wird, geht entweder im Hofladen und Geschäften aus dem Umkreis von rund 30 Kilometern über das Kassenband oder wird über den Naturkostgroßhandel vertrieben.

Vor 15 Jahren waren es noch 3000, 2007 schon 9000, jetzt sind es bereits 15.000 Hühner, die den Kiebitzhof bevölkern. Die dadurch gestiegene Produktion bedeutet auch: mehr Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung sowie eine finanziell sichere Zukunft für den Hof. Ökonomisch eine gute Entscheidung - aber war das auch eine gute für die Hühner?

15.000 Hühner, 230 Kühe, 1000 Hektar Gemüse - darf ein Bio-Bauer das? "Ja" sagt Urs Niggli. Er leitet das größte Forschungsinstitut für biologischen Landbau Europas mit Sitz in Deutschland und der Schweiz. Seine Haltung: Allein die Größe eines Betriebs sage nichts über die Qualität aus. Auch nicht über Tierwohl und Umweltschutz. "Ob es einem Tier gut oder schlecht geht, hängt nicht davon ab, wie viele Tiere ein Betrieb hält. Die Tiere brauchen Platz, Auslauf im Freien, gutes Futter und Landwirte, die gut mit ihnen umgehen", sagt Niggli. 

Es muss genug Fläche für Auslauf und Futter da sein

Von Diskussionen über eine maximale Anzahl von Tieren hält der Agrarwissenschaftler wenig. "Viel wichtiger ist es, über Kriterien zum Tierwohl und Umweltschutz zu sprechen", sagt er. Nur weil ein Hof zehn statt 1000 Hühner hat, heiße das noch lange nicht, dass es der kleineren Herde besser geht. Dem stimmen auch die Agraringenieurinnen Stefanie Pöpken und Kathrin Kofent der Tierschutzorganisation ProVieh zu: "Es wird keine 'ideale Hofgröße' geben. Entscheidend ist, dass das Tierwohl und der nachhaltige Umgang mit den Ressourcen im Vordergrund stehen." Und Anna-Laura Knorpp vom Deutschen Tierschutzbund sagt: "Kommt auf tausende Tiere nur ein Landwirt, so ist es kaum zu verhindern, dass das einzelne Tier aus dem Blickfeld gerät und tierschutzrelevante Probleme unentdeckt bleiben können. Auch in Bio-Haltungen kann es zu Problemen mit der Tiergesundheit, Hygiene, schlechtem Management oder zuchtbedingten Erkrankungen kommen. Allerdings bieten die Bio-Vorgaben zumindest deutlich bessere Rahmenbedingungen, den Tieren gerecht werden zu können, als es in der konventionellen Haltung der Fall ist."

Bioland-Bauer Ralf Winkler in einem der Hühner-Ställe auf dem Kiebitzhof (Foto: Kiebitzhof)

 

Die Basisprinzipien sind einfach: Wer Biobauer ist, muss immer genug Fläche haben: damit die Tiere sowohl im Stall als auch im Auslauf genug Platz haben und um deren Dung umweltschonend auszubringen. Außerdem muss der Biolandwirt mindestens die Hälfte des Tierfutters auf seinem Hof anbauen. Das heißt: Wer wenig Fläche hat, darf auch nur wenig Tiere halten.

Auf dem Gut Wilhelmsdorf könnten die Biolandwirte sogar noch mehr Tiere halten - obwohl sie mit rund 230 Kühen schon zu den größeren Milchviehhaltern im Bioland-Verband zählen. Sie haben mit 330 Hektar genug Fläche. Als die beiden Agraringenieure Ulrich Schumacher und Johannes Berger vor rund 20 Jahren den Pachtbetrieb übernahmen, waren nur etwas mehr als halb so viele Tiere da. Weil der Standort mit seinem sandigen Boden und reichlich Niederschlägen in der Nähe von Bielefeld für Kühe ideal geeignet ist, hat sich der Betrieb mehr spezialisiert. Aus dem Zwei-Familien-Betrieb wurde ein kleines Unternehmen mit mittlerweile 40 Arbeitsplätzen, die in der Landwirtschaft, der Biogasanlage, der Molkerei und dem Lieferservice arbeiten.

"Man kann mehr Fachleute einstellen. So macht jeder das, was ihm am besten liegt und was er von Grund auf gelernt hat. Das steigert tendenziell auch die Produktivität und Professionalität, auch wenn natürlich jeder auf den anderen im Team angewiesen ist", so Schumacher. Ein weiterer Vorteil: "Durch die vielen Mitarbeiter haben alle halbwegs geregelte Arbeitszeiten. Wir können auch mal in den Urlaub fahren und uns regelmäßig ein Wochenende frei halten."

Steckbrief über Gut Wilhelmsdorf

  • 330 landwirtschaftliche Fläche, davon sind 100 Hektar reine Wiesen und Weiden

  • 230 Milchkühe und weibliche Nachzucht

  • 40 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit, davon zwei Azubis

  • Hofmolkerei

  • 190 kW Biogasanlage, die mit Mist, Futterresten und etwas Mais betrieben wird

  • Vermarktung über Lieferservice, Supermärkte und Bioläden in Bielefeld

Ein weiterer Vorteil der Größe: Ein Teil der Milch wird in der hofeigenen Molkerei verarbeitet. "Das schafft Unabhängigkeit und wir können unsere Produkte selbst lokal vermarkten", sagt Schumacher. Ein kleiner Teil davon geht in den Hofladen, das meiste wird über den eigenen Lieferservice und an Supermärkte und Bioläden in der direkten Umgebung verkauft. "Weil wir die Hälfte unserer Milch vor Ort verarbeiten und in unserer Stadt verkaufen, spart das Transportwege und schont das Klima." Jeden dritten Tag kommt zusätzlich der Milchwagen der Molkerei Söbbeke. So hat der Betrieb mehrere Standbeine.

Dem Betrieb geht es wirtschaftlich gut - aber auch den Tieren? Die höchste Auszeichnung der Bio-Branche, der Förderpreis Ökologischer Landbau des Bundeslandwirtschaftsministeriums, bestätigt es.

Technik hat nichts mit Agrarindustrie zu tun

Trotzdem - 230 Kühe, kann man da jede Kuh im Blick behalten und sich um sie kümmern? Auf Gut Wilhelmsdorf gelingt dies vor allem mit viel Fachpersonal in Verbindung mit moderner Landtechnik. Einen Melkroboter gibt es dort nicht, aber laut Niggli wäre auch das kein Verlust der Tier-Mensch-Beziehung. "Statt die Kühe ständig in den Melkstand zu treiben, haben die Tiere die Möglichkeit selbst zu wählen, wann sie gemolken werden wollen und nicht, wann der Bauer das bestimmt. Das ist gut für das Tier und gut für den Landwirt. Er hat Zeit, sich etwa die Klauen der Tiere genau anzusehen, das Herdenverhalten zu beobachten und früh einzugreifen, wenn etwas nicht ganz stimmt." Das sieht auch Pöpken so, vorausgesetzt der Landwirt, schaut sich die Kuh trotzdem jeden Tag sorgfältig an, etwa ob mit dem Euter alles stimmt.

Maschinen hätten somit nichts mit Agrarindustrie zu tun. im Gegenteil: "Von einem Biobauern wird viel mehr verlangt, als gute Lebensmittel zu produzieren. Mit Naturschutzmaßnahmen verdient man aber selten Geld. Hat der Bauer mehr Zeit, kann er sich beispielsweise mehr dem Anlegen von Hecken, Nistkästen oder Storchennester kümmern", so Niggli.  "Das und auch der Umgang mit Mitarbeitern sind viel eher Qualitätsaspekte", meint der Agrarwissenschaftler, der auch die Arbeitsbedingungen auf einem Hof als wichtiges Kriterium für einen guten Betrieb sieht.

Auf dem Westhof im schleswig-holsteinischen Dithmarschen arbeiten im landwirtschaftlichen Bereich zwölf fest Angestellte. Dazu kommen rund 120 Saisonarbeitskräfte. 1000 Hektar Gemüse umfasst der Bioland-Betrieb und ist somit einer der größten Bio-Gemüse-Betriebe in Deutschland überhaupt. Doch ist das Ausbeutung von Mensch und Natur? "Wenn ein Biobauer den Boden ausbeuten würde, hätte er keine gute Grundlage mehr für die Ernte - er darf ja schließlich keinen künstlichen Stickstoffdünger zuführen. Auch große Gemüsebetriebe kann man nachhaltig bewirtschaften und die Flächen etwa durch Blühstreifen unterteilen", so Niggli.

Steckbrief zum Westhof

  • 1000 Hektar Gemüse

  • zwölf Festangestellte, 120 Saisonarbeitskräfte von zirka Mai bis November

  • Frischhandel, dazu wird zusätzlich vorrangig aus europäischen Ländern importiert, um den Großhandel ganzjährig mit Möhren beliefern zu können

  • Vermarktung an den konventionellen Großhandel sowie an Naturkosthändler

  • Eigene Tiefkühl-Produktion

  • Biogasanlage, die sowohl mit Resten aus der Ernte als auch Kleegras- und Blühwieseschnitt und nichtverkaufsfähigem Gemüse arbeitet

Bioland-Bauer Ulf Peter Carstens, einer der beiden Betriebsleiter auf dem Westhof meint: "Würden wir schlecht mit unseren Mitarbeitern umgehen, würden sie sich vielleicht auch weniger gut um das Gemüse kümmern. Als Unternehmer hat man Verantwortung. Den Mindestlohn und gute Unterkünfte für Saisonarbeiter gibt es bei uns schon lange", so Carstens.

Vor einigen Wochen bekam der Betrieb dafür den Ceres-Award, einen bedeutenden Branchen-Preis, im vergangenen Jahr den Förderpreis Ökologischer Landbau. Der Betrieb ist vor allem deshalb gewachsen, weil Geschäftsführer Rainer Carstens und sein Nachbar Paul-Heinrich Dörscher im Jahr 2002 beschlossen, künftig gemeinsam zu arbeiten und den Betrieb mit seiner Vermarktung und Verarbeitung weiter auszubauen. Das hat auch die Nachbarn überzeugt - so haben mittlerweile etwa 30 andere Betriebe auf Bio umgestellt und beliefern nun den Westhof.

Wenn es weder Maschinen noch die Größe eines Hofes ist - was sei dann für den Wissenschaftler "Agrarindustrie"? Vor allem bäuerliche Unabhängigkeit, meint Niggli: "Wenn der Bauer nicht mehr sein eigener Herr ist, sondern sich von Unternehmen alles diktieren lässt. Und wenn wirtschaftliche Interesse über dem Wohl der Tiere stehen", sagt er. Das sei zum Beispiel bei Massentierställen so: Liefert der Bauer etwa seine Hühnchen an einen großen Grillhendl-Konzern, schreibt dieser Konzern vom Futter bis zur Schlachtung jeden einzelnen Schritt vor. Will der Bauer etwas anders machen, läuft das dem Qualitätsmanagement des Konzerns zuwider, und der Bauer muss sich einen anderen Käufer für seine Tiere suchen. "Das ist eine moderne Form von Leibeigenschaft", so Niggli.

Jedoch: Auch viele Bauern liefern an große Unternehmen, etwa an Supermarktketten. Niggli sieht das keineswegs als Selbstverrat der Biobranche, schließlich lautet deren Ziel 100 Prozent Ökolandbau. Die Vertragsbedingungen müssen allerdings stimmen. Trotzdem findet er, sollte Bio überall im Regal stehen: "Es geht darum, dass die Leute Bio kaufen, und dass die Biobauern davon leben können - wo das Produkt steht, ist zweitrangig."

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Interview mit Marketing-Experten: Bio und Masse - passt das zusammen?

Im Netz:

Website des Kiebitzhofes: www.kiebitzhof.de

Website des Gut Wilhelmsdorfs: www.gut-wilhelmsdorf.de

Website des Westhofs: www.westhof-bio.de

Website des Deutschen Tierschutzbundes: www.tierschutzbund.de

Website von ProVieh: www.provieh.de

Website des Forschungsinstitutes biologischer Landbau: www.fibl.org