Wer weiß schon, welche Blätter Rote Beete hat? Hobby-Gärtnerin Nora Schlott erntet gerade jede Menge (Foto: Magdalena Fröhlich)
10.08.2015
Hobby-Gärtnern mit den Ackerhelden

Ist das Gemüse oder kann das weg?

Die Gartensaison ist praktisch gelaufen? Von wegen! Selbst im November kann man noch ernten. Und jetzt noch dafür säen. Wie das geht, erklären die Ackerhelden. Von Magdalena Fröhlich

Blumen, Wein, Schokolade - hat Nora Schlott längst nicht mehr als Mitbringsel dabei. Jetzt gibt es stattdessen Kohlrabi oder einen prächtigen Salatkopf. Und letztes Jahr Zucchini, jede Menge Zucchini! "Ich wusste überhaupt nicht, wohin damit", sagt sie und lacht. Nora ist Ackerheldin, und das bereits zum zweiten Mal. Über 30 verschiedene Pflanzen baut sie auf einem 40 Quadratmeter großen Stück Ackerland übers Jahr verteilt an. Wieviel Kilo Zucchini das sind, hat sie nicht nachgewogen - "aber so viel, dass wir sie selbst zu fünft nicht aufessen können."

Held auf dem Acker werden:

248 Euro kostet ein 40 Quadratmeter großes Stück Feld für eine Saison von Mitte Mai bis Mitte November. Dafür kann man - sehr vorsichtig gerechnet - Gemüse im Wert von 500 Euro ernten, meist ist es mehr.

Im Preis enthalten sind Jungpflanzen und Saatgut für die ganze Saison. 20 Sorten sind schon vorgepflanzt, zehn weitere kommen im Lauf der Saison hinzu, um die abgeernteten Reighen wieder zu füllen. Wer will, kann auch eignes Bio-Saatgut aussäen. Werkzeug und Gießkannen sowie Wasser sind an jedem Standort vorhanden.

Zum Saisonstart bekommt jeder eine "Bedienungsanleitung" für den Acker, zudem gibt es an jedem Standort eine Auftakt-Veranstaltung.

Mehr als zweimal im Monat erscheint ein Newsletter mit Anleitungen, Tipps und Rezepten. Zusätzlich kommt rund viermal im Jahr die Heldenpost, ein Kundenmagazin mit weiteren Umwelt-Tipps. Und falls man doch einmal nicht weiter weiß: Einfach die Ackerhelden-Hotline anrufen oder eine Mail schreiben.

Bereits jetzt kann man sich für die kommende Saison 2016 anmelden. Wo es überall Standorte der Ackerhelden gibt, steht hier: www.ackerhelden.de

Der Acker gehört zum Biolandhof des Bauer Theo Schürmann in Recklinghausen. Rund 250 andere Leute aus dem Ruhrgebiet beackern dort auf 88 Parzellen ihr Mini-Feld, das sie von den Ackerhelden gemietet haben. Mit dabei sind viele Familien, Studenten, Computer-Nerds genauso wie Hobby-Botaniker. Immerhin reicht das Gemüse für rund vier Personen. Dazu ist es biozertifiziert und regional.

Wie’s geht, erklären die Ackerhelden. Die beiden Ackerhelden-Geschäftsführer, Tobias Paulert und Birger Brock, machten vor rund zwei Jahren ihr Hobby zum Beruf: Sie bringen Städtern das Gärtnern bei und machen sie zu Ackerhelden. Die beiden zeigen Menschen, die in Sachen Gemüse ziemlich grün hinter den Ohren sind, was auf dem Feld abgeht, ehe der Salat in der Schüssel landet.

Dazu haben sie von Biobauern in ganz Deutschland Ackerflächen gemietet, die sie in kleine, meist 40 Quadratmeter große Stücke, unterteilen und dann weiter für eine Saison lang an ihre Kunden vermieten. Damit die Hobby-Gärtner schnell das erste Grün sprießen sehen, setzt das Unternehmen gemeinsam mit dem Bauern schon mal 20 Jungpflanzen und steckt ein paar Samenkörner in die Erde. Ab Mitte Mai kümmert sich dann jeder selbst um seinen Mini-Acker. Weil Paulert und Brock, die schon seit über 15 Jahren gemeinsam gärtnern, alle zwei Wochen eine Tippliste und einen Newsletter verschicken, weiß jeder, was genau zu tun ist:

Mit der Harke macht sich Nora ans Unkraut-Jäten - so hat das Gemüse mehr Nährstoffe und Platz zum Wachsen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Zuerst geht es zum Beispiel ums Unkrautzupfen. Wenn die Pflänzchen, die später auf dem Teller landen sollen, noch klein sind, ist es gar nicht so leicht, Gemüse von Unkraut zu unterscheiden. "Da bin ich zuerst schon vor meinem Acker gestanden und habe gedacht: Ui, prima, was da alles wächst. Aber dann zweifelte ich: Hm, wird das noch Gemüse, oder kann das weg?", erzählt Nora. "Der beste Tipp war: Erstmal zwei Wochen warten, bis die Pflanzen größer werden, ehe man den Spinat mit der Harke herausreißt und die Vogelmiere stehen bleibt." Letztere gilt nämlich als Unkraut. Man kann dazu aber auch Wild- oder Beikraut sagen. "Unkraut klingt so unnütz. Dabei kann man vieles davon auch essen", so die 35-Jährige. Vogelmiere passt zum Beispiel gut in einen Salat. Sie schmeckt etwas säuerlich, aber sehr aromatisch. Auch das hat sie von den regelmäßigen "Heldenmails" gelernt.

Ahnung vom Gärtnern hatte Nora, Architektin und Ackerheldin, kaum. "Aber total viel Lust dazu." Rund zwei Stunden pro Woche verbringt sie nun zwischen Radieschen, Ringelblume, Zuckerhut und Kohlgemüse. "Aber noch mehr Zeit verbringe ich mit Waschen, Schnippeln, Kochen oder Einfrieren", sagt sie. "Zurzeit ist unser Gefrierfach voller Bohnen."

Nur eine Zucchini-Schwemme, die hat sie dieses Jahr nicht erlebt. Da hat sie schlichtweg den Pflanzzeitpunkt verpasst. Das ist zwar etwas ärgerlich - gerade wenn sie zu den Nachbarparzellen mit ihrer Zucchini-Fülle lugt - aber Nora sieht das entspannt. "Es gibt ja trotzdem genug." Im Moment ist das vor allem Fenchel, Kohlrabi, Salat und Rote Beete.

Im kommenden Jahr wird Nora den Rat der Ackerhelden befolgen und sich ein paar Schutznetze zulegen. Diese sollen vor allem junge Pflanzen vor hungrigen Raupen oder vor starken Regen schützen. Beim Nachbarfeld sieht man, was das bringt: Da ist der Kohl schon etwas größer. Auch wer die Pflanzen anfangs zu stark gegossen hat, fällt dem Kenner sofort auf. Die seien dann nämlich ständig durstig und vertrocknen viel schneller. "Man muss das Gemüse schon auch etwas erziehen. Wer es gleich von Anfang an verwöhnt, muss sich auch später ständig kümmern", so Nora. "Dann denken die Pflanzen: Es gibt ja ständig Nachschub, warum sollte ich mich selbst um Wasser und Nährstoffe aus dem Boden bemühen?"

Gemüseacker
Auf einer Parzelle kann man Gemüse für rund vier Personen ernten (Foto: Magdalena Fröhlich)

Auch wenn es schon August ist: Bald kommt der zweite Jungpflanzen-Nachschub von den Ackerhelden: Spinat, Feldsalat, Endivie, Postelein und Radicchio sind dann drin. So kann Nora bis Ende November ernten.

Warum sie das nicht einfach alles in einem Schrebergarten macht? "Ich bekomme hier vom Nachbarn keine Beschwerde, wenn ich mal ein paar Kartoffelkäfer übersehe und die dann vielleicht auch zu ihm wandern." Außerdem: "Ich will Gemüse, keine Vereinsmeierei. Und schon gar kein Rasenmähen."

Sieben Tipps der Ackerhelden:

  1. Einmal Hacken ist besser als dreimal Gießen. Halte den Boden locker. Das schützt vor Austrocknen.

  2. Eine Mulchschicht aus totem Pflanzenmaterial reguliert die Bodentemperatur, schützt den Boden ebenfalls vorm Austrocknen sowie vor Beikräutern und hält Schädlinge fern.

  3. Bewusst gießen. Verwöhne die Pflanzen beim Gießen nicht zu sehr, damit sie tief wurzeln und zu den unteren Schichten im Boden vorstoßen. So haben sie besseren Halt und werden mit mehr Nährstoffen versorgt. Wenn du gießt, dann bewässere den Wurzelraum um die Pflanze und gieße nicht auf die Pflanze. Die wenigsten Kulturen lieben die Dusche auf den Kopf.

  4. Säe und pflanze in Mischkulturen. Viele Pflanzen unterstützen sich gegenseitig und bilden eine produktive, harmonische Nachbarschaft. Jetzt kannst du zum Beispiel Radieschen säen. Die vertragen sich gut mit Feldsalat. Und merke dir schonmal fürs Frühjahr: Tomaten besser nicht neben den Erbsen pflanzen.

  5. Gib Nützlingen ein Zuhause. Marienkäfer, Flor- und Schwebfliegen bekämpfen Schädlinge. Bienen und Hummeln sind fleißige und unentbehrliche Mitarbeiter auf dem Acker. Deshalb ist es eine gute Idee, auch essbare Blüten anzusäen. In unserer Ackerhelden-Mischung haben wir zum Beispiel Ringelblume, Borretsch und Kornblumen. Erdkröten, Mäuse und Igel kümmern sich beispielsweise um Schnecken und andere Schädlinge. Es lohnt sich also, nicht die ein oder andere Maus mit einer Falle zu verschrecken.

  6. Ernte Gemüse nicht zu groß. Kulturen wie Zucchini, Kohlrabi, Radieschen oder Gurken verlieren mit der Größe an Geschmack.

  7. Viel hilft nicht viel. Halte bei Säen und Pflanzen Pflanz- und Reihenabstände ein. Die Pflanzen benötigen ausreichend Platz zum Wachstum.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

www.ackerhelden.de

Website des Bioland-Hofes in Recklinghausen: www.theos-farm.de