Der Online-Einkauf von Frischzeug ist in Deutschland noch wenig verbreitet (Foto: Julia Romlewski)
25.10.2016
Online-Supermärkte

Salat aus dem Internet

Die Deutschen kaufen frische Lebensmittel lieber im Geschäft als im Internet. Das könnte sich aber bald ändern, sagen Marktforscher. Denn jetzt will Amazon den deutschen Lebensmittelmarkt erobern. In der Biobranche gibt es den Haustürservice schon lange. Auch wenn das Konzept ein anderes ist. Von Julia Romlewski

Klamotten, Schuhe, Elektronik - viele Deutschen bestellen fleißig im Internet, weil es bequem ist und manchmal auch günstiger. Nur beim Essen geht nicht viel. Die Lebensmittelbranche macht nach Angaben des Marktforschungsunternehmens GfK gerade mal ein Prozent des Umsatzes im Internet.

Dabei gibt es längst Onlineshops mit Vollsortiment, die auch frische Lebensmittel anbieten. Zum Beispiel mytime oder die DHL-Tocher allyouneedfresh. Aber auch Rewe bringt Einkäufe vor die Türe und Edeka zumindest mancherorts. Die Discounter hatten sich bislang zurückgehalten. Begründung: Zu teuer. Ein Lieferservice zu Discounterpreisen nicht machbar. Verpackung, Transportlogistik, Kühlung - all das ist aufwändig und kostet. Doch nun steigt offenbar Lidl als erster Discounter ins Online-Frischgeschäft ein.

Die deutsche Lebensmittelbranche ist sichtlich unter Druck. Denn der US-Handelsriese Amazon will den deutschen Markt aufmischen. Eine Testphase von Amazon Fresh lief bereits in einigen Städten. Denn fast jeder, der im Internet Sachen einkauft, hat auch ein Amazon-Konto. Außerdem will Amazon offenbar - zumindest in großen Städten - mit Fahrradkurieren arbeiten, die innerhalb von ein, zwei Stunden angedüst kommen. Das wäre umweltfreundlich und an Flexibilität kaum zu toppen. Auch preislich könnte Amazon die deutschen Marktführer unter Druck setzen. Denn der US-Händler hat einen langen Atem. Andere Amazon-Zustellungen könnten den Frischedienst erst mal mitfinanzieren.

Wie umweltfreundlich ist Online-Einkaufen?

Das lässt sich pauschal schwer sagen. Wenn man das gleiche Angebot fußläufig hat, ist es natürlich klimatechnisch Unsinn, sich beliefern zu lassen. Biokunden haben es aber oft weiter. "Ein Paketversand verursacht mit etwa 600 Gramm CO2 weniger Treibhausgasemissionen, als eine sechs Kilometer lange, durchschnittliche Einkaufsfahrt mit dem Auto mit etwa 2400 Gramm", erklärt Moritz Mottschall vom Öko-Institut. Manche Onlinehändler nutzen auch klimafreundliche Zustellungen wie das GoGreen-Programm der Post. Für Lieferdienste, die selbst zum Kunden fahren, gibt es bislang noch keine Vergleichszahlen. Klar ist: Beliefert etwa ein Bio-Hof mehrere Kunden in einem Stadtteil, die andernfalls alle einzeln zum Markt oder zum Hofladen fahren würden, kann CO2 eingespart werden. Der Verpackungsmüll, den Onlinekunden vor allem bei Paketzustellungen zusätzlich produzieren, ist sicherlich ein Problem. Betriebe, die selbst ausfahren, kommen meist mit viel weniger Verpackung aus.

Aber warum überhaupt online bestellen, Gebühren zahlen und auf den Lieferanten warten, wenn man ohnehin an jeder Ecke einen Supermarkt hat - zumindest in der Stadt? So denken viele und fragen sich auch, wie es online um Qualität und Frische bestellt ist. Tatsächlich hat das Fraunhofer Institut kürzlich festgestellt, dass Zweidrittel der getesteten Onlinehändler es nicht schaffen, die Lebensmittel ausreichend gekühlt bis zum Kunden zu bringen.Und gerade frische Produkte nimmt der Verbraucher vor dem Kauf gern in Augenschein.

Auch der Verpackungsmüll ist ein Problem. Viel Pappe, Plastik, Styropor und Kühlakkus sind meist nötig, um druckempfindliches Obst und Gemüse, Käse, Eier oder Fleisch unbeschadet zum Kunden zu bringen. Oft ist jede Tomate und jedes Ei noch mal einzeln verpackt. Schlecht für die Umwelt und lästig für die Kunden. Das Online-Einkaufen sei keine Zeitersparnis, denn die gesparte Zeit habe sie damit zugebracht, den ganzen Verpackungskram in den Container zu stopfen, kritisiert eine FAZ-Autorin, die sechs Lieferdienste getestet hat. Mit ein Grund, warum etwa die Biosupermarktkette Alnatura noch nicht ins Frischegeschäft eingestiegen ist. "Der Versand von frischen Lebensmitteln ist auf lange Sicht noch nicht denkbar, da es für die Verpackungen noch keine wirklich umweltfreundlichen Lösungen gibt", erklärt Sprecherin Stefanie Neumann.

Niemand will warten

Viele Verbraucher schrecken auch die Mindestbestellwerte ab, die viele Lieferdienste festlegen, damit sie keine Verluste machen. Denn teurer sollen die Online-Lebensmittel nicht sein als im Laden. Da ist Wochenplanung angesagt - schwierig für viele, die gar nicht so genau wissen, wann sie überhaupt zuhause sind und was sie dann essen möchten. Preise vergleichen - was viele deutsche Verbraucher bei Lebensmitteln gerne tun - geht online auch schwerer. Die Liefergebühren zwingen ja dazu, möglichst alles bei einem Anbieter zu kaufen.

Niemand will Tage auf seinen Einkäufe warten, Essenspakete irgendwo abholen oder freitagabends daheim bleiben müssen, weil der Frischlieferdienst noch nicht da war. Wer vor allem deshalb online einkauft, weil er es bequem haben will, wird zum Lieferdienst gehen, der die flexibelste und schnellste Zustellung bietet. So etwas aber können nur die Größten mit einem großem Kundenstamm leisten. Bei solchen Kunden hat Amazon wohl gute Karten.

In der Biobranche kennt man Lieferdienste schon lange. Das fing mit reinen Gemüse-Abokisten an. Inzwischen kaufen viele Biobauern Produkte zu und bieten ein Vollsortiment an, daneben gibt es aber auch reine Onlinehändler. Den meisten Biokunden, die via Internet ihren Kühlschrank füllen, geht es nicht (nur) um Bequemlichkeit. Sie wollen Landwirte in ihrer Nähe unterstützen und Obst und Gemüse so frisch wie möglich bekommen. Ohne die Fahrerei zum nächsten Hofladen. Für Landwirte kann der Onlinehandel eine Chance sein. Der Biolandhof Schürdt im Westerwald etwa hatte früher in der Urlaubszeit Probleme, seine Eier auf dem Markt oder über den Hofladen loszuwerden. Seit es den Onlineshop gibt, ist das kein Problem mehr. "Mit dem Lieferservice sichern wir unsere Vermarktung", erklärt Caroline Giese, die auf dem Hof der Eltern für den Lieferdienst zuständig ist.

Bioprodukte gibt es auch bei allyouneedfresh und Co. Gerade allyouneedfresh wirbt mit einem großen Bioangebot. Die Preise sind zum Teil recht günstig. Allerdings kommt alles laut Unternehmensangaben aus einem Zentrallager bei Kassel. Von welchem Hof was genau stammt, erfährt der Kunde nicht. Und: Beim zweiten Klick stellt sich heraus, dass die vermeintlich deutsche Bio-Aubergine doch aus den Niederlanden stammt.

Checkliste Online-Einkaufen

Diese Fragen sollte man sich stellen, bevor man im Online-Supermark bestellt:

1. Wie habe ich bisher meine Einkäufe erledigt? Zu Fuß? Oder mit dem Rad? Oder mit dem Auto?

Wer gute Einkaufsmöglichkeiten ums Eck hat und kein Problem damit, Einkäufe heimzutragen, sollte eher nicht auf Online umsteigen. Damit bringt man sich nur um ein bisschen Extrabewegung (klimafreundlich!) und zahlt obendrein Liefergebühren. Anders sieht es aus, wenn man etliche Kilometer mit dem Auto zum Einkaufen fahren müsste  - und das vielleicht noch mehrmals die Woche, weil es mit der Planung nicht so gut klappt.

2. Was für ein Einkaufstyp bin ich?

Finde ich Einkaufen eher lästig und stressig oder macht es mir Spaß, im Laden herumzuschauen, mich inspirieren zu lassen und immer wieder neue Produkte auszuprobieren? Ist es mir wichtig, Obst und Gemüse in die Hand nehmen zu können? Springe ich abends oft spontan noch ins Geschäft, weil ich Lust auf etwas Bestimmtes habe? Oder gehe ich sowieso alle zwei Tage einkaufen, weil meine Woche so gar nicht planbar ist? Dann ist Online-Einkaufen eher nichts für Sie. Wer online einkaufen will, sollte vorausplanen können und idealerweise einen Wocheneinkauf mit einer Bestellung erledigen. Alles andere kann teuer werden und ist eher unpraktisch.

3. Lege ich Wert auf Qualität und Herkunft? Ist mir vielleicht regionales Bio wichtig?

Dann sollten Sie Ihren Onlinehändler sorgfältig auswählen. Adressen für Bio-Lieferdienste mit regionalem Bio-Angebot finden Sie hier.

4. Kann ich Lieferungen überhaupt annehmen?

Fast jeder kennt das von anderen Bestellungen: Die Pakete landen beim Nachbarn oder im Paketshop. Damit Sie nicht doch selbst schleppen müssen und Ihre Lebensmittel schnell im Kühlschrank landen, sollten Sie sich die Lieferzeiten genau ansehen. Passen sie zu Ihrem Leben? Etliche Lieferdienste bieten eine Feierabendzustellung an, allerdings nicht immer überall. Andere liefern nur morgens aus oder bieten an, die Lieferung an einem vereinbarten Ort abzustellen. Manchen kann man auch einen Schlüssel anvertrauen (wenn man das mag). Idealerweise sollten die Einkäufe, auch wenn Kühlungakkus dabei sind, nicht stundenlang irgendwo herumstehen. 

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