Im Obstbau, wie hier in Kanada, werden die Pestizide nicht nach unten in den Boden gespritzt - deshalb verwehen sie leicht (Foto: imago/Canada Photos)
11.05.2016
Mals in Südtirol

Die pestizidfreie Zone

Die Südtiroler Gemeinde Mals traut sich was: Seit April dürfen dort keine Pestizide mehr verwendet werden. Weder auf dem Feld noch auf dem Balkon. Das passt nicht jedem. Von Magdalena Fröhlich

"Nein, ein Verbot kannst du nicht machen. Damit kommen wir vor Gericht nicht durch." Das hat Bürgermeister Ulrich Veith immer wieder gehört. Von Anwälten, Bauern und seinen Mitstreitern. Also musste etwas anderes her: eine Durchführungsverordnung. Das ist de facto ein Verbot, auch wenn es nicht so heißt. Im April hat der Malser Gemeinderat beschlossen: Niemand darf auf dem Gebiet der kleinen Südtiroler Gemeinde chemisch-synthetische Pestizide anwenden. Das gilt für erwerbsmäßige Obstbauplantagen genauso wie für private Vorgärten. Nur steht im Beschluss eben nicht drin "Pestizide verboten", sondern allerlei andere Regeln, um die Gemeinde trotzdem pestizidfrei zu machen.

In Mals weht ständig der Wind (Foto: imago/Westend61)
Eine davon ist, dass man mindestens 50 Meter Abstand zu Nachbargrundstücken halten muss, wenn man Ackergifte ausbringen möchte. "Bei uns sind die Parzellen sehr klein, es gibt keine riesigen, mehrere hundert Hektar großen Flächen wie etwa im Osten Deutschlands", erklärt der Bürgermeister. Das Südtiroler Apfelkonsortium, die Interessenvertretung der Südtiroler Apfelbauern, gibt die durchschnittliche Betriebsgröße der Obstbauern mit 2,5 bis 3 Hektar an und weist darauf hin, dass diese meist in drei bis fünf Parzellen unterteilt sind, die zudem oft weit voneinander entfernt liegen.

Eine Parzelle ist also oft noch nicht einmal einen ganzen Hektar groß, will man dann noch den Abstand einhalten, kann man die Pestizidspritze gar nicht erst ausfahren. "Das gilt dann natürlich auch für Privatleute - da ist der Nachbar ja auch gleich nebendran", erklärt Veith.

Aber einfach von heute auf morgen alles ganz anders zu machen, kann man das den Landwirten vorschreiben? "Für Landwirte, die momentan noch spritzen, gibt es eine Übergangsfrist von zwei Jahren", erklärt der Bürgermeister. "Wer aber eine Neuanlage plant, darf gar nicht erst zur Chemiekeule greifen."

Der Wind verteilt das Gift

Was auch noch im Beschluss der 5000-Einwohner-Gemeinde steht: Bio soll mehr gefördert werden. Alle fünf Malser Kindergärten bekommen zwar schon seit über einem Jahr nur Bio-Essen, das soll jetzt aber auch für die Schulkinder gelten. Den Mehrpreis übernimmt die Gemeinde. "Da muss man eben priorisieren und schauen, welche Projekte einem wichtiger sind", sagt der Bürgermeister, wenn man ihn fragt, wie man das aus dem Gemeindesäckel denn stemmen soll.

Obstbauplantagen in Südtirol (Foto: imago/Südtirolfoto)
All das war lange geplant: Bereits vor zwei Jahren gab es eine Volksabstimmung: Rund 75 Prozent der Malser Bürger sprachen sich gegen den Einsatz von Pestiziden aus. Ein gallisches Dorf voller Ökos sind die Südtiroler aber nicht. Vielmehr zählt es zu den Regionen mit dem höchsten Spritzmittelgebrauch in ganz Italien überhaupt. Das liegt vor allem an den Obstbauplantagen. Und weil die Gifte dort nicht in Bodennähe, sondern nach in die Bäume gespritzt werden, verteilt sie der Wind über weite Strecken.

Das hat fatale Folgen: Biolandwirtschaft ist praktisch nicht möglich, weil es immer Pestizidverwehungen gibt. Selbst wenn die Gifte "nur" auf einer Wiese landen, hat ein Bio-Milchbauer ein Problem - er kann seinen Tieren ja kein Gras füttern, das pestizidbelastet ist. Bio-Acker- und Obstbauer sind davon genauso betroffen: Die Spritzmittel machen nicht an der Grundstücksgrenze Halt. Im Vinschgau ist das besonders schlimm. Hier weht ein ständiger Wind, der sogar die Bäume schief wachsen lässt.

"Von der Pestizidabdrift ist nicht nur die Landwirtschaft betroffen, sondern alle Bürger", erklärt Veith. "Für den Tourismus ist es nicht gerade förderlich, wenn zwischen den Apfelbäumen kaum noch Blumen wachsen. Und die Pestizide belasten die Gesundheit aller Malser Bürger."

Wegen des Obstbaus ist der Pestizidgebrauch in Südtirol sehr hoch (Foto: imago/imagebroker)
Überhaupt spielt bei der Argumentation die Gesundheit der Bevölkerung neben dem Tourismus die wichtigste Rolle. Bereits als 2013 ein Bündnis für ein pestizidfreies Mals gegründet wurde, haben kurz darauf rund 50 Apotheker, Ärzte und Biologen einen offenen Brief verfasst, in dem sie auf die gesundheitlichen Risiken hinweisen. Dabei ging es den Unterstützern des Bürgerentscheids nicht nur um den Umweltschutz. Deshalb haben sie auch Wissenschaftlern aus vielen unterschiedlichen Disziplinen eingeladen - also auch Mediziner.

Nach der Volksabstimmung vor zwei Jahren bekamen Veith und seine Mitstreiter immer wieder persönliche Beleidigungen zu hören. Er überschreite seine Kompetenzen, hieß es. In Südtirol ist es aber so, dass eine Gemeinde auch für den gesundheitlichen Schutz der Bürger zuständig ist. Eine Pestizidwolke über dem Pausenhof könne man deshalb nicht dulden - und müsse daher etwas unternehmen, begründet das der Bürgermeister.

Aber ob Veith nicht Angst habe, dass Unsummen an Schadenersatzleistungen auf die Gemeinde zukämen, sollte doch eine Klage Bestand haben? "Erstens glaube ich nicht, dass das kommt. Und zweitens muss man eben auch mal etwas riskieren, wenn man etwas voranbringen will."

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Manifest der Ärzte, Zahnärzte, Veterinärmediziner, Biologen und Apotheker des Obervinschgaus zum Pestizideinsatz