Luitgard Pfundstein arbeitet seit 30 Jahren in der Bioland-Gärtnerei Ulenburg (Foto: Magdalena Fröhlich)
10.08.2015
Zu Besuch bei der Bioland-Gärtnerei Ulenburg

Die Möhren sind wieder auf dem Damm

Den Pflanzen geht es nur um eines: sich zu vermehren. Das gilt für Nutzpflanzen genauso wie fürs Unkraut. Nach unserem ersten Besuch bei der Gärtnerei Ulenburg im Frühjahr haben wir nun gefragt: Wie läuft der Sommer? Von Magdalena Fröhlich

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Die Gärtner halten die Möhren auf dem Damm frei von Unkraut (Foto: Magdalena Fröhlich)
Was machen zehn Mann mit einem Körbchen in der Hand auf einem Möhren-Acker? Auf jeden Fall keine Möhren ernten. Dazu bräuchte man eine Riesen-Kiste. Und einen Trekker, der sie transportieren kann. Ein riesiges Lager voller Möhren erntet das Team der Gärtnerei Ulenburg im nordrhein-westfälischen Löhne jedes Jahr. Damit sich die Ernte auch dieses Jahr wieder lohnt, müssen die Ulenburger den Acker frei von Unkraut halten. Auch per Hand. Zwar fährt mehrmals pro Saison ein Trekker mit einer Harke über die Reihen, um Winde, Quecke, Kamille und Co. aus der Erde zu ziehen, aber so manches Kraut schießt eben erst dann aus der Erde, wenn sich der Gärtner mit seinem Trekker schon wieder vom Acker gemacht hat. Dann muss man es per Hand herausrupfen. Das gilt für die Möhren genauso wie für alles andere Gemüse.

Möhren ins Töpfchen, Unkraut ins Körbchen

Warum das so pingelig ist? "Es ist ganz schön unpraktisch, wenn man etwa Spinat ernten will, über den lauter Unkraut wächst und dann schneidet man mit dem Gemüse noch einen Büschel anderer Pflanzen mit ab", sagt Gärtnerin Luitgard Pfundstein. Außerdem konkurrieren die Beikräuter mit den Nutzpflanzen um Wasser, Licht und Nährstoffe. Damit Anfang Oktober viele Möhren geerntet werden können, haben die Gärtner einen Damm für sie angelegt. Im Gärtner-Jargon heißt das "anhäufeln".

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Das Unkraut muss auch per Hand gerupft werden (Foto: Magdalena Fröhlich)

Das bedeutet: Man macht mit einem speziellen Gerät einen langen Mini-Hügel, der sich über die ganze Länge des Ackers zieht. Oben auf dem Damm haben die Gärtner im Frühjahr die Möhren gesät. "So ist der Boden schön locker, und die Möhren können gerade in die Erde wachsen. Und weil die Sonne auch von der Seite auf die Erde scheint, speichert der Damm die Wärme", erklärt Pfundstein, die schon seit 30 Jahren in der Bioland-Gärtnerei arbeitet. Wenn Möhren krumm sind, dann heißt das meist, dass sie um einen Stein herumgewachsen sind. Solches Gemüse verkauft sich aber nicht so gut. Im Müll landen solche sogenannten "Misfits" bei der Gärtnerei Ulenburg aber keineswegs. Sie werden als Futtermöhren verkauft.

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Angeknabberte Radieschen kann man nicht mehr verkaufen (Foto: Magdalena Fröhlich)
Das gilt auch für solche, die von Mäusen angeknabbert wurden. Da geht es den Profis vor allem im Sommer genau wie den Hobby-Gärtnern: Gegen Mäuse helfen nur Fallen. "Das ist vor allem bei den Radieschen besonders ärgerlich, die kann man ja nur als Bund verkaufen", so Pfundstein. Deshalb stellt sie rund alle zehn Meter eine Falle auf. Weil sich die Mäuse aber am liebsten dort aufhalten, wo sie unentdeckt bleiben, also wo die Blätter möglichst dicht sind, muss sich die Gärtnerin genau merken, wo die Fallen stehen. Sonst hat sie diese beim Ernten selbst am Finger. Das ist ziemlich aufwändig: Auf einem 50 Meter mal sechs Beete langen Acker kostet das jeden Tag locker eine halbe Stunde Zeit. Schon beim Unkrautzupfen sind auf einem Feld zehn Mann schnell ein paar Stunden lang beschäftigt. Das ist zwar mehr Zeit als ein paar Mal mit der Giftspritze entlang der Reihen zu fahren, aber dafür nicht umweltschädlich.

Weiter geht's zum Schiefeck, so nennen die Ulenburger die Fläche, auf der gerade jede Menge Kohlgemüse steht, und die weder ein Viereck noch ein Parallellogramm darstellt. Damit niemand mit lauter Nummern für die Felder durcheinander kommt, haben sich die Gärtner Namen überlegt. Wenn Pfundstein also vom "Unkrautzupfen auf dem Museum" redet, dann meint sie den Möhrenacker neben dem Feuerwehrmuseum.

Kleine Pflanzen verdunsten nicht so viel Wasser

Auf dem Schiefeck also wachsen Brokkoli und Blumenkohl. Für den Laien sieht alles super aus: Alle Pflanzen haben grüne Blätter. Vertrocknet sieht da nichts aus. Dann zieht Pfundstein die Blätter eines Brokkolis beiseite: Der muss wohl noch wachsen. Tut er aber nicht. "Wenn es trocken ist, dann verkleinert sich die Pflanze, damit sie nicht so viel Wasser verdunstet", erklärt die Gärtnerin. Die Pflanze hat also kleinere Blätter und auch einen kleineren Fruchtstand, so nennt man den Teil des Brokkolis, den man später isst. Was für den Gärtner eher schlecht, ist für die Pflanze ziemlich praktisch: Der geht es nämlich nur ums Vermehren. "Die Pflanze interessiert es nicht, ob sie einen kleineren oder größeren Fruchtstand hat, wie ihre Blätter sind und so weiter. Die will einfach nur Samen produzieren", sagt Pfundstein. Deshalb muss ihr Team den Brokkoli auch schon bald ernten. Sonst ist die Pflanze mit ihrem Vermehrungstrieb schneller und der Brokkoli schmeckt nicht mehr, wenn er blüht. Außerdem ist er dann eher gelblich und nicht mehr so kompakt, fast ein bisschen bröselig.

Sieht ein bisschen aus wie Dschungel: Am Haupttrieb sind die Gurken am größten (Foto: Magdalena Fröhlich)
Klein sind auch ein paar Gurken im Gewächshaus. Aber nur die, die nicht am Haupttrieb wachsen. Das Ganze ist nämlich so: "Auch der Gurke geht es nur darum, möglichst viel Samen zu produzieren. Der ist es egal, wie die Früchte aussehen. Weil sie aber nicht so viele Nährstoffe und Wasser in die Nebentriebe stecken kann, bleiben da die Gurken ziemlich klein. Das schafft die Pflanze einfach nicht, alle Fruchtstände auf dem letzten Ästchen zu versorgen", sagt Pfundstein. Deshalb geht die 55-jährige Gärtnerin gemeinsam mit ihrer Kollegin Raphaela Gerlach, die wir im Frühjahr schon kennengelernt haben, so vor: Ähnlich wie bei den Tomaten knipst sie mehrere Seitentriebe ab. "So kann die Pflanze möglichst viel Power in den Haupttrieb stecken und wir ernten täglich große Gurken." Die wachsen nämlich ziemlich schnell: Alle zwei Tage bildet die Pflanze einen Nebentrieb mit je einer neuen Gurke. Knipst man ein paar der kleineren Triebe weg, wächst der Haupttrieb mit seinen Früchten schneller. Das sind im Gewächshaus rund fünf Zentimeter am Tag.

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Zum Schutz vor Hagel sind Netze über dem Salat gespannt (Foto: Magdalena Fröhlich)
Und sonst, wie läuft der Sommer? "Die Saison ist im Schnitt kaum anders als sonst auch", sagt Pfundstein. "Über die Jahre hinweg haben wir hier eher mehr Starkwetterereignisse wie zum Beispiel Hagel. Da helfen nur Netze." Aber die Hitze, über die ganz Deutschland gestöhnt hat, macht sich auf dem Acker weniger bemerkbar. Zum Beregnen haben die Ulenburger kaum mehr Wasser benötigt als sonst auch. Nur eben beim Kohlgemüse, da zeigt sich die Hitze.

"Viel schlimmer war das kalte Frühjahr. Da hat alles länger gedauert, bis wir endlich ernten konnten. Normalerweise ernten wir hier schon früher - aber ein Preisvorteil durch frühe Ware hat sich dieses Jahr leider nicht ergeben. Da ist unser Gemüse genauso schnell beziehungsweise langsam fertig geworden wie bei den anderen Gärtnern auch." Die Preise kann man deshalb nicht erhöhen. "Berufsrisiko" sei das Wetter. Ob man dann auch die Saisonarbeiter wieder abbestellen muss? "Quatsch, die rechnen ja fest damit. Die meisten von ihnen kommen schon seit Jahren zu uns und haben dann hier auch ihre feste Wohnung. Da schauen dann eher wir Festangestellten, dass wir Überstunden abbauen. Das muss ja auch mal sein."

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Hier stellen sich Gärtner und die drei Bloggerinnen vor:

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Website der Bioland-Gärtnerei Ulenburg: www.ulenburg.de