Biokonsumentin Dara Kiese beim Einkauf: "Man fragt sich schon, wie die das machen" (Foto: Sebastian Moll)
29.05.2018
USA

"Die Bio-Revolution frisst ihre Kinder"

Bio boomt - auch in den USA. "Organic" nennt man Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft hier, doch was sich hinter dem "Label" verbirgt, ist nicht immer ganz klar. Und der Boom lässt die Branche an ihre Grenzen stoßen. Von Sebastian Moll

Dara Kiese greift herzhaft zu an diesem Donnerstagvormittag in New York; der Lebensmitteleinkauf, das merkt man der alleinerziehenden Mutter an, hat ihr selten so viel Spaß gemacht. "4,99 Dollar für Blattspinat, das ist verdammt gut", sagt sie, während sie mit der Zange das Grün in eine Tüte stopft. Und auch bei den golden schimmernden Fuji-Äpfeln langt sie zu: "1,50 für das Pfund, das ist besser als bei den meisten normalen Märkten."

Wir sind bei Whole Foods im Tiefgeschoss des Time-Warner-Gebäudes am Columbus Circle, der größten US-Filiale der Bio-Supermarktkette aus Texas, die sich rühmt, dass ihre Standards die Bestimmungen der Regierung für Bio-Produkte übertreffen. Wenn man die Rolltreppe von der Straßenebene hinunterkommt, offenbart sich ein baseballfeldgroßes Schlaraffenland für umwelt- und gesundheitsbewusste Konsumenten. In mannshohen Stapeln locken Paprika, Gurken und Kartoffeln, an der Fischtheke lockt der Lachs aus garantiert nachhaltiger Zucht.

Hier in Manhattan, wo die gebildete und solvente Mittelschicht das Gros der Kunden ausmacht, war das Gedränge schon immer groß. Doch in den letzten Monaten scheinen sich noch größere Massen durch die Gänge von Whole Foods zu schieben. Seit die Kette für 13,7 Milliarden Dollar von Amazon gekauft wurde, purzeln am Columbus Circle die Preise. Der Spitzname "Whole Paycheck", der den Luxus des Bio-Einkaufs in den USA aufs Korn nahm, trifft hier nur begrenzt zu.

Für Verbraucher wie Dara Kiese ist das eine Erleichterung, Leute, die Wert darauf legen, verantwortungsbewusst Lebensmittel zu erstehen, aber zugleich auf den Dollar achten müssen. Doch es weckt auch Misstrauen. "Ich habe eigentlich Whole Foods immer vertraut", sagt Kiese, deren Eltern der Hippie-Generation angehören und die von klein auf mit Obst, Gemüse und Fleisch aus nicht-industrieller Landwirtschaft aufgewachsen ist. "Man fragt sich schon, wie die das machen."

"Wir befinden uns an einer Wegscheide"

Die Lage von Whole Foods, das 1980 als kleiner, kooperativ geführter Markt in Austin angefangen hat, ist symptomatisch für die Branche. "Organic" hat sich in den USA zu einem Mega-Geschäft entwickelt. Für das laufende Jahr werden Umsätze um die 50 Milliarden Dollar erwartet. Nicht nur Internet-Gigant Amazon ist in das Business eingestiegen, sondern auch Einzelhandels-Riesen wie Walmart oder klassische Lebensmittel-Konzerne wie General Mills. Der Kontakt zur Verbraucherbasis wird dadurch jedoch auf die Probe gestellt.

"Wir befinden uns an einer Wegscheide", sagt Kate Cox, Fachjournalistin vom Branchenportal "New Food Economy". Die Bio-Revolution, so Cox, drohe ihre Kinder aufzufressen. "Mit dem Erfolg kommen die Probleme."

Das sichtbarste Zeichen für die Umwälzungen im Bio-Sektor ist laut Cox der Streit, der gerade erst um die Bestimmungen für die Zertifizierung von Bio-Lebensmitteln zu Ende gegangen ist. Die US-Lebensmittelbehörde USDA hat mit knapper Mehrheit Ende des vergangenen Jahres hydroponische Anbauverfahren als "organic" zugelassen, bei der die Pflanzen statt in der Erde im Wasser gezogen werden. Bedingung: Es dürfen ausschließlich die erlaubten Düngemittel verwendet werden. Die traditionelle Fraktion der Bio-Landwirte protestierte lautstark.

Für die erste Generation dieser Bauern gehört die Pflege des Bodens untrennbar zu ihrer Philosophie dazu. "Für sie ist der Boden der Ursprung und das Ziel des Ökolandbaus", so Cox. "Die Muttererde war der Grund, warum sie den Anbau diversifizierten und stets darum bemüht waren, die Nährstoffe in der Balance zu halten."

Mit der Zulassung von Hydroponie steht nun jedoch nur noch die Qualität des Produkts im Mittelpunkt. Der gesamte Aspekt der Herkunft und der Nachhaltigkeit, der für die ursprüngliche Bewegung zentral war, entfällt.

"Sie wollen ihren Anteil am Kuchen"

Bislang regulierte das "Organic"-Label des USDA die Qualität des Anbaus, die Tierhaltungspraktiken, die Verwendung von Pestiziden und Unkrautvernichtungsmitteln sowie die Verwendung von Zusatzstoffen. Beinahe alle synthetischen Dünger und Pestizide waren verboten, Tiere mussten artgerecht gehalten werden.

Künstliche Lebensmittel aus mehreren Zutaten mussten ohne künstliche Konservierungsstoffe, Farben oder Geschmacksverstärker hergestellt werden. Genmanipulierte Lebensmittel waren generell verboten. Die Böden, die für den Ökolandbau verwendet werden, durften mindestens drei Jahre lang nicht mehr mit verbotenen Stoffen behandelt werden.

Die Verordnung für Böden stellte die Anbieter bei explodierender Nachfrage jedoch vor Probleme. Die US-Landwirtschaft kann den Bedarf an Bio-Lebensmitteln längst nicht mehr decken. Gerade einmal ein Prozent des amerikanischen Farmlandes ist bislang zertifiziert. Bio muss deshalb importiert werden. Viele Importeure jedoch versuchen die US-Bestimmungen zu unterwandern, es gibt immer wieder Unregelmäßigkeiten.

Dass die USDA alternative Anbaumethoden fördert, ist da nur logisch. Auch Konzerne wie General Mills fördern mit Milliardenbeträgen Bio-Bauern in der Heimat. Die Motivation ist laut Kate Cox jedoch alles andere als idealistisch: "Sie wollen sich ihren Anteil am Kuchen sichern."

Kooperativen als Alternative

Dass die Standards für wirklich nachhaltige Lebensmittel-Produktion verwässert werden, ist Cox zufolge somit unvermeidlich. Allerdings glaubt sie auch, dass das Gros der neuen Konsumenten das ohnehin nicht so genau nehmen. "Sie wollen sich mit ihrer Kaufentscheidung wohlfühlen. Wo genau ihre Lebensmittel her kommen und was drin ist, ist aber halb so wichtig."

Dara Kiese gibt auch zu, dass sie bei bestimmten Sachen Kompromisse macht. "Bei Fisch und Fleisch schaue ich ganz genau hin", sagt sie. Bei Obst und Gemüse drückt sie auch schon mal ein Auge zu, wenn der Preis stimmt. Und bei Bio-Käse ist ihr oft die Auswahl einfach zu klein: "Da ist oft nichts wirklich Leckeres dabei."

Wer wirklich noch volle Kontrolle über seinen Lebensmittelkonsum haben möchte, tritt in den USA einer Lebensmittelkooperative bei. Wie der gesamte Bio-Markt expandieren auch die Kooperativen, die in den USA eine lange Tradition haben, in den vergangenen Jahren gewaltig. So hat der Park Slope Food Coop in Brooklyn, der größte in den gesamten USA, heute 17.000 Mitglieder.

Doch auch die Kooperationen stoßen an ihre Grenzen. "Ich lege Wert auf ein enges Verhältnis zu unseren Bauern", sagt Alan Zimmerman, der seit 1988 Einkäufer in Park Slope ist. Bei heute rund 100 Bauern aus der Region, mit denen der Park Slope Food Coop zusammenarbeitet, wird das jedoch zusehends anstrengend. "Man kann nicht mehr mit jedem über seine Anbaumethoden und seine Probleme reden." Und auch der Begriff "Region" ist relativ. Die Länge der Transportwege unterliegen keinen gesetzlichen Regelungen. Im Fall des Park Slope Food Coop reicht die "Region" bis an die kanadische Grenze.

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