Er ist nicht allein: 46 Wolfsrudel leben inzwischen wieder in Deutschland (Foto: imago)
28.02.2017
Die Rückkehr der Wölfe

Tatort Weide

Der Wolf ist wieder da. Naturschützer freuen sich, Landwirte fürchten um ihre Schafe, Ziegen und Kälber. Ist die Weidehaltung in Gefahr? Von Julia Romlewski

Als er drei tote Ziegen auf seiner Koppel findet, denkt Achim Koop zuerst an einen Hundevorfall.  Die 200 Schafe auf der Weide sind blutverschmiert und verängstigt, aber noch am Leben. "Die Ziegen haben wohl die Helden gespielt", meint der Schäfer.

Schäfer Achim Koop (Foto: Julia Romlewski)
Seine Weide am Niederrhein ist zum Tatort geworden. Ein staatlicher Gutachter untersucht die Bissstellen und sichert Speichelspuren für einen DNA-Test. Denn Entschädigung gibt es nur, wenn es wirklich ein Wolf war und nicht etwa ein Hund. Auch das kommt vor. Bei Koop ist die Sache klar. "In der Nähe wurden auch Pfotenabdrücke vom Wolf gefunden." Offenbar der erste in der Gegend. Das Land Nordrhein-Westfalen ersetzt ihm die toten Ziegen. "Den Arbeitsaufwand ersetzt einem aber niemand", so Koop. Die Schafe seien traumatisiert gewesen, der tägliche Arbeitsablauf gestört. Es dauert, bis er den Hütehund wieder zur Herde lassen kann. Und den Papierkram für die Entschädigungszahlungen erledigt hat. 

Achim Koops Schafe: Ein einfacher Zaun reicht nicht mehr (Foto: Julia Romlewski)
Die Zahlungen sind eine Good-will-Aktion der meisten Bundesländer. Nur in Hessen hätte der Schäfer kein Geld bekommen. Entschädigungen sind dort nicht vorgesehen.

Verbreitung des Wolfs in Deutschland (Grafik: IFAW)
Noch sind Wolfsrisse in Deutschland eher selten. Doch das kann sich ändern. Die Wölfe sind wieder auf dem Vormarsch. 150 Jahre lang gab es praktisch keine wild lebenden Wölfe mehr in Deutschland. Dann gelang es einem polnischen Wolfspärchen vor 16 Jahren in Sachsen Fuß zu fassen und Nachwuchs zu zeugen. Seitdem erobern die deutsch-polnischen Wölfe ein Bundesland nach dem anderen zurück. Das klappt, weil Wölfe in der EU unter Schutz stehen. Der Wolf ist politisch gewollt. Laut Wolfsmonitoring sollen inzwischen wieder 46 Rudel in Deutschland leben, die meisten in Sachsen und Brandenburg.

Immer wieder Wolfsalarm

Eine Erfolgsgeschichte, sagen Naturschützer. Es gibt Imagekampagnen, um die Bevölkerung für das Wildtier, das uns fremd geworden ist, zu begeistern. "Mit dem Märchen vom bösen Wolf muss endlich Schluss sein!" so Markus Bathen, Wolfsexperte beim Naturschutzbund Nabu. In der Lausitz kann man sogar Urlaub mit dem Wolf buchen und mit einem Biologen auf Spurensuche gehen. Es gibt Wolfsbotschafter und Patenschaften für den Wolf.

Bei vielen Tierhaltern aber wächst die Angst. Nutztiere stehen zwar nicht oben auf dem Speiseplan des Wolfs. Er jagt vor allem Wildschweine und Rehe im Wald. Doch immer wieder kommt es auch zu Angriffen wie bei Schäfer Achim Koop. Mehrere hundert Schafe, Ziegen, Damwild und auch einige Kälber wurden im vergangenen Jahr gerissen, vor allem in Ostdeutschland. Doch auch in westlichen Bundesländern gab es immer wieder Wolfsalarm - so etwa in Niedersachsen, wo bereits acht Rudel leben sollen und der Wolf im vergangenen Jahr 60 Mal zuschlug.

Für Schäfer sind das Horrornachrichten. Wer Tiere draußen hat, wacht eh immer mit einem mulmigen Gefühl auf. Geschätzt 1,6 Millionen Schafe gibt es noch in Deutschland. Auch ohne Wolf werden es immer weniger, denn die Schäferei ist hart und bringt wenig ein. Doch die Schafe leisten einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege. Als lebende sanfte Rasenmäher sorgen sie dafür, dass wertvolles Grünland nicht verbuscht und verwaldet. Sie pflegen Streuobstwiesen, Heidelandschaften oder Auen  - wo viele bedrohte Arten zuhause sind. Deren Lebensräume dürfe man nicht für eine Lieblingsart - den Wolf - aufs Spiel setzen, findet Günther Czerkus vom Bundesverband der Berufsschäfer. Er befürchtet, dass die Gefahr durch den Wolf künftig noch mehr Schäfer zum Aufgeben bewegt.

Debatte um Obergrenze

Auch aus der Politik bekommt der Wolf Gegenwind. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) brachte kürzlich eine beschränkte Abschussfreigabe ins Spiel. Umweltverbände wie Nabu und WWF protestieren. Der Schutzstatus des Wolfs dürfe auf keinen Fall aufgeweicht werden. Problemwölfe, die keine Scheu vor dem Menschen zeigen und sich Wohngebieten näheren, können bereits mit einer Ausnahmegenehmigung getötet werden.

Doch nun geht es um die Frage, ob es eine generelle Obergrenze für den Wolf in Deutschland braucht. Denn natürliche Feinde hat er keine. Allerdings wurden nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) rund 130 Wölfe überfahren oder illegal erschossen. Laut BfN (pdf) hätten 440 Wolfsrudel oder 3000 Wölfe in Deutschland Platz. Diese Zahl wird auch als mögliche Obergrenze gehandelt. Rein rechnerisch könnte der Bestand in etwa acht Jahren gesichert sein.  

Eine Obergrenze für Wölfe fordert auch der Bundesverband der deutschen Schafzüchter. Er fürchtet um die Zukunft der Schäfer. Nicht nur wegen der Risse. Ein paar Verluste gibt es in einer Herde immer. Kritisch kann es aber werden, wenn der Wolf öfter kommt. "Es kann nicht sein, dass Tierhalter im Einzugsbereich gut trainierter Rudel schon nach wenigen Übergriffen keine Entschädigung mehr bekommen", meint Schäfer Czerkus. Auch der Nabu fordert mehr Hilfen für betroffene Tierhalter.

Herdenschutzhunde sind teuer

Vor allem aber sind es die laufenden Kosten für Schutzmaßnahmen, die zur finanziellen Belastung werden können. Zwar bekommen Schäfer das Geld für einen Elektrozaun oder einen scharfen Herdenschutzhund zu 70 bis 90 Prozent zurück. Doch auf den Kosten für Zaunpflege, zusätzliche Mitarbeiter, Hundefutter und Tierarztkosten bleiben die Tierhalter sitzen.

Hüten ist nicht bewachen

Herdenschutzhunde sind nicht zu verwechseln mit Hütehunden. Ein Hütehund schaut, dass die Herde zusammenbleibt, während der Herdenschutzhund sie gegen Feinde verteidigt. Zum Hüten eignen sich zum Beispiel der Border-Collie, als Wachhund der Pyrenäenberghund oder der italienische Maremmano-Schäferhund. Die wehrhaften Herdenschutzhunde wachsen mit den Schafen (oder Ziegen) auf und bleiben rund um die Uhr bei den Tieren. Der Verein Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde informiert über die Arbeit mit diesen Rassen, vermittelt ausgebildete Hunde und bietet Schulungen für Hundehalter an. Das Land Brandenburg etwa fördert nur Hunde aus Zuchtbetrieben der AG und verlangt von Haltern einen Sachkundenachweis.

Wer seine Tiere allerdings ungeschützt in gefährlichen Gebieten grasen lässt, wird bei einem Wolfsangriff auch nicht entschädigt. Die meisten Länder bezahlen Zäune auch nur für größere Herden. Und auch erst, wenn ein Wolf gesichtet wurde. Sogenannte Hobbytierhalter mit Mini-Herden kriegen in der Regel kein Geld. Bei ihnen hat der Wolf oft leichtes Spiel. "Die Schadenshöhe korreliert weniger mit der Zahl der Wölfe, die in einem Gebiet leben, sondern mit dem Ausmaß des Schutzes der Nutztiere. Dort, wo Nutztiere nicht oder nur unzureichend geschützt sind, kann bereits ein einzelner Wolf große Schäden verursachen", so ein Sprecher des brandenburgischen Umweltministeriums.

Doch einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Das räumt auch der Nabu ein. Bioland-Schäfer Koop glaubt nicht so recht an die Wirkung von Elektrozäunen. Er will sich lieber Herdenschutzhunde zulegen. Doch für seine vier Herden bräuchte er acht bis zehn Hunde. Da kommen im Jahr schnell 10.000 Euro für Futter und Tierarzt zusammen. Und auch der Umgang mit den scharfen Hunden will gelernt sein.

Der Wolf ist nicht das einzige Wildtier, das gerade zurückkehrt. Auch ein großer Verwandter unserer Hauskatze breitet sich wieder aus: der Luchs. Die schöne Raubkatze macht auch mitunter Jagd auf Schafe und Co. Und auch die Bären sind in Europa wieder auf dem Vormarsch. Keine leichten Zeiten für die Weidehaltung. Dabei ist die doch gesellschaftlich so erwünscht und wichtig für den Naturschutz.

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Im Netz:

Mit Wölfen leben - Über die Rückkehr des Wolfes nach Sachsen (pdf, Publikation des Freistaates Sachsen mit  interessanten Fakten über den Wolf und wie man Wolf und Hund auseinanderhält)

Einen Überblick über die Wolfspopulation in Deutschland findet man auf der Seite des Kontaktbüros "Wölfe in Sachsen"

Wie Herdenschutzhunde ticken und was man vor der Anschaffung wissen sollte: Darüber informiert die Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde

Lamas und Esel als Herdenschutztiere werden zurzeit nicht gefördert, da ihre Schutzwirkung wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist. In Niedersachsen läuft seit 2015 ein Esel-Projekt, und auch in Freiburg startete 2016 ein Versuch mit Herdenschutzeseln. In der Schweiz wurden mehrere Jahre lang Lamas getestet. Die Ergebnisse (pdf) legen eine Schutzwirkung von Lamas zumindest nahe.

Willkommen Wolf!- Die Positionen des Nabu

Die Forderungen der Berufsschäfer fasst der Bundesverband der Berufsschäfer zusammen

Wikiwolves: Eine kleine Gruppe Freiwilliger hilft beim Zaunbau, bei Reparaturen oder organisiert Nachtwachen. Wer mitmachen will oder beim Herdenschutz Hilfe braucht, kann sich melden.