Blick auf den Mount Elgon: Hier gedeihen die besten Arabica-Bohnen des Landes (Foto: Simone Schlindwein)
29.05.2018
Uganda

Der Kaffee des Herrn Wamayeye

Ein bisschen verrückt scheint es schon: ein einzelner afrikanischer Kleinbauer in Afrika, der auf dem Weltmarkt bestehen kann - und das auch noch mit Bio. Doch das Beispiel des ugandischen Kaffeebauers Willington Wamayeye zeigt, was alles möglich ist. Von Simone Schlindwein

"Das ist keine typische Kaffeefarm", sagt Willington Wamayeye, als er das Gartentor hinter seinem Haus aufschließt. Hühner gackern umher, Stroh bedeckt den Boden zwischen den Kaffeesträuchern. Bis zu den Knöcheln steht der 57-jährige Ugander mit seinen Gummistiefeln im Mist und freut sich. Wamayeye ist kein typischer Kaffeebauer für diese abgelegene bäuerliche Bergregion im Osten Ugandas. Erhaben ragt dort entlang der Grenze zu Kenia der Mount Elgon empor, ein erloschener Vulkan, der sich bis auf 4.200 Meter erhebt. An dessen Hängen, genährt von der nährstoffreichen Lavaerde, gedeihen die besten Arabica-Bohnen des Landes. 2017 wurde der Mount-Elgon-Kaffee aufgenommen in die Liste der besten 100 Kaffeesorten der Welt, ausgezeichnet für seinen milden, schokoladigen Geschmack.

Für Ugandas Kaffeebauern eigentlich ein riesiger Erfolg: Im vergangenen Jahr stieg Uganda zum zweitgrößten Kaffee-Exporteur Afrikas auf, gleich hinter Äthiopien, weltweit ist das kleine ostafrikanische Land auf Platz sieben. Fast ein Viertel des ugandischen Kaffeeexports stammt aus der Region rund um den Mount Elgon - und doch zählt sie zu einer der ärmsten im Land: Die Straßen sind nicht geteert, es gibt kaum Schulen oder Krankenhäuser.

Schon zu Kolonialzeiten haben hier Ugandas Kleinbauern auf Geheiß der britischen Kolonialherren Kaffee angebaut, auch später zu Zeiten der Diktatur unter Idi Amin. Erst war es die Kolonialadministration, dann die Regierung, die den Bauern die Ernte zu einem festen Preis abnahm - und die wertvollen Bohnen dann auf dem Weltmarkt anbot. Der Staat erwirtschaftete damit Rendite, die Bauern, die hauptsächlich von Subsistenzwirtschaft lebten, nebenher etwas Bargeld, um sich Schulgebühren, Kleider und Schuhe leisten zu können. Doch dann kollabierten in den achtziger Jahren zuerst die Wirtschaft, dann auf dem Weltmarkt die Kaffeepreise. Ugandas Kleinbauern rutschten in die Armut.

"Unsere Bauern haben keine Ahnung wie die Weltwirtschaft funktioniert", erklärt Wamayeye das Problem. Er selbst hat nach der Liberalisierung des ugandischen Kaffeemarktes Anfang der Neunziger die Entwicklung am eigenen Leib miterlebt. Der gelernte Volkswirt arbeitete von 1991 an als Buchhalter bei der größten örtlichen Kaffeekooperative BUGISU. Die exportierte ihre Bohnen nach Salzburg. Doch es sei zu Problemen gekommen, das Fair-Trade-Siegel sei ihnen abgenommen worden, erinnert sich Wamayeye.

"Schau, da fliegt Willington!"

Da heuerte er 2004 als Direktor bei Gumutindo an, einer Kooperative mit rund 9000 Bauern. Den Löwenanteil von 900 Tonnen Bio-Kaffee pro Jahr lieferte sie an Europas größte Fair-Trade-Organisation: die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt - kurz: Gepa - in Wuppertal, aber auch in die USA zu Starbucks, zu Oxfam nach Belgien, ja sogar bis nach Australien und Neuseeland.

Von da an war Wamayeye fast ständig unterwegs: Von der weltgrößten Biomesse Biofach in Nürnberg flog er zur Arabica-Kaffee-Börse nach New York und weiter zur Gepa nach Wuppertal. "Wenn unsere Kaffeebauern auf den Feldern damals ein Flugzeug am Himmel gesehen haben, haben sie gewunken", erinnert sich Wamayeye. "Sie sagten dann: Schau, da fliegt Willington!" Wamayeye war für die armen Kaffeebauern am Mount Elgon, von denen die meisten nicht einmal ihre eigene Hauptstadt kennen, die Verbindung zu einer komplexen Welt: dem internationalen Kaffeemarkt, der jeden Tag das Leben sämtlicher Großfamilien in der Region beeinflussen kann. Seine Aufgabe war es, das Beste für sie rauszuholen.

Willington Wamayeye ist kein typischer Kaffeebauer – aber ein leidenschaftlicher (Foto: Simone Schlindwein)
Doch das gelang ihm nicht. "Ich war kein Kaffeebauer und auch kein Manager mehr, sondern ein Broker in einem globalen Finanzsystem", sagt Wamayeye und hat tiefe Falten auf der Stirn. Der Kaffeepreis wird in New York ausgehandelt: acht Stunden Zeitverschiebung. Bis tief in der Nacht war er online, um die besten Preise rauszuholen. Das war viel Stress und wenig Schlaf. Er bekam mit den Jahren Bluthochdruck und Diabetes. Und schließlich ging Gumutindo wegen einer Fehlspekulation pleite. Das war der Tiefpunkt in Wamayeyes Leben. Die Bauern im Dorf beschimpften ihn für ihre Verluste, "ich war depressiv", gibt er zu.

Mehr Bildung, mehr Ertrag

Bis heute plagt ihn die Einsicht, "dass man etwas hätte grundlegend anders machen müssen". Uganda erwirtschaftet über 40 Prozent des Bruttosozialprodukts aus dem Kaffeeexport - und doch kommt nicht viel bei den Bauern an. Da sei immer auch viel Politik und Korruption im Spiel. "In 17 Jahren bei der Kooperative wurde kein einziger der Bauern je wohlhabend", sagt er.

Wamayeye zückt seinen Blackberry. Er zeigt eine App mit den aktuellen Kursen in New York: "Bei den Preisen bleibt der Bauer arm, wenn er nicht weiß, wie er das Maximum aus seinen Sträuchern holt." Wamayeye weiß wie es geht - und das wollte er beweisen. Er investierte seine ganzen Ersparnisse in seine eigene Kaffeefarm und handelt jetzt selbst. Der schlanke Mann, der mittlerweile wieder gesund und fit aussieht, stapft in Gummistiefeln durch den Garten hinter seinem schmucken Haus, dem größten im ganzen Dorf. Er zeigt auf Grabsteine zwischen den Sträuchern: "Hier sind schon meine Vorfahren begraben", erzählt er während er ein paar saftige Blätter von den jungen Kaffeesträuchern zupft.

Hinter ihm stehen Bienenstöcke: "Hier bei mir ist alles bio", sagt er und zeigt als Beweis über den Zaun zu seinem Nachbarn: Auch der baut Kaffee an, doch die Sträucher sind klein und verkümmert. "Da sieht es schlimm aus", lästert Wamayeye.

Die Nachfrage steigt

Sein Ziel war es, eine Modellfarm aufzuziehen. Denn ja, es sei möglich, als einzelner Bauer auf dem Weltmarkt zu bestehen, "wenn man alles richtig macht", sagt Wamayeye. Außerdem fehle es ihm an Alternativen: "Wenn man hier in den Vulkanbergen aufwächst, will man ja nicht Fischer werden." Für ihn ist Kaffeeanbau das beste Geschäft im Land: 6000 Schillinge, umgerechnet 1,30 Euro, bekommt er für das Kilo. Die Nachfrage nach Kaffee auf dem Weltmarkt steigt. Mit keiner anderen Nutzpflanze erziele man diesen Preis, nicht einmal mit Tabak oder Baumwolle.

Wamayeyes Kaffeepflanzen entwickeln sich prächtig, auch ohne Chemie (Foto: Simone Schlindwein)
So hat er in den vergangenen Jahren auf über fünf Hektar über 9000 Sträucher gepflanzt. Mit viel Erfahrung hat er den Ertrag pro Strauch auf zwei Kilo steigern können, weit mehr als der Durchschnitt. Dieses Jahr will er fünf Tonnen ernten, nächstes Jahr zehn und 2020 sogar 30. Die größte Hürde sei das Biosiegel. Nicht nur die Bewerbung sei teuer, sondern auch die ständigen Nachweise, die man erbringen müsse. Das sei viel Buchhaltung. Bis zu 20.000 Euro kann ein solches Siegel ihn kosten - einmalig. Dazu kommen jährliche Ausgaben für die Nachweise: "Dafür muss man einen Buchhalter einstellen, der alles genau dokumentiert." Doch es lohnt sich, sagt er: Kaffee mit Biosiegel zu verkaufen, mache auf dem Weltmarkt einen großen Unterschied. Dabei sei der ugandische Kaffee ja "von Haus aus bio", witzelt er: "Unser Boden ist so nährstoffreich, da braucht man keine Chemie."

Vor fünf Jahren hat Ugandas Nationales Landwirtschafts-Forschungsinstitut im Rahmen eines Regierungsprojekts zur Steigerung der Erträge verbesserte, natürlich gezüchtete Kaffee-Triebe kostenlos an Ugandas Bauern verteilt. Diese Sträucher, die jetzt zum ersten Mal in Blüte stehen, sind weniger anfällig für Parasiten und Krankheiten, erwirtschaften bessere Erträge - und: Sie benötigen so gut wie keine chemischen Dünger. Anders als in Afrikas führender Kaffeeexportnation Äthiopien, wo aufgrund der kargen Böden in den Hochebenen jede Menge Dünger zum Einsatz kommt, ist Uganda auf dem afrikanischen Kontinent führend in Sachen Bio-Kaffee. Die Regierung hat Bio sozusagen als neue Marketing-Strategie für Ugandas Kaffee entdeckt. Im ugandischen Parlament liegt derzeit ein Gesetzentwurf auf dem Tisch: Danach soll die zuständige Kaffeebehörde in Zukunft die Qualitätsprüfung bei den Bauern ansetzen und nicht, wie bislang, nur bei der Exportware. Dies soll sicherstellen, dass die Bauern grundsätzlich Bio anbauen.

Wamayeye verspricht sich viel von der derzeitigen Trendwende in Uganda: Die lokale Nachfrage steigt, die Regierung wirbt für Kaffee als Getränk. Die meisten Afrikaner trinken in der Regel Tee. Die Ugander selbst tranken bislang nur drei Prozent ihres Kaffees selbst. Doch das ändert sich. Kaffeebauer Wamayeye hat große Ziele: "In zwei Jahren ist mein Kaffee der Mercedes unter den Arabica-Sorten dieser Welt", lacht er. Dann will er wieder nach Deutschland exportieren und den örtlichen Bauern beibringen, wie es geht. Die Dorfgemeinschaft hat den einst verachteten Kaffeebauer jüngst zum Vorsteher ernannt. Er wirkt ein klein wenig stolz.

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