20 Jahre lang bekommen Biogasanlagen bislang einen festen Preis für den Strom (Foto: Philipp Pohlmann/pixelio.de)
26.08.2015
Kampf um Flächen

Biogas verdrängt Bio-Acker

Weil vor allem in Niedersachsen immer mehr Mais für Biogas angebaut wird, verlieren immer mehr Biobauern ihre Flächen. Der Grund: Strom aus Mais wird staatlich mehr gefördert als Bio-Produkte. Wer auf Energie aus Mais statt auf nachhaltig produzierte Lebensmittel setzt, kann mehr Pacht für die Felder zahlen. Von Magdalena Fröhlich

40 Cent mehr hätte Biobauer Karl-Heinz Hanken damals bieten müssen. Dann wäre er heute ein "reicher" Mann. "Aber einer mit schlechtem Gewissen", sagt er. Damals, das war vor rund zehn Jahren, als in seiner Nachbarschaft im niedersächsischen Landkreis Vechta mehrere Hektar Ackerland zum Verkauf standen. 2,80 Euro wollte er für den Quadratmeter zahlen. Hanken wurde überboten. Bei 3,20 Euro fiel der Hammer. Heute kassiert der Käufer dafür hohe Pachtpreise: 1000 Euro Pacht pro Hektar und Jahr sind in einigen Regionen Niedersachsens heute locker drin, bei einigen Flächen sogar das Doppelte. Allein in den Jahren von 2010 bis 2013 sind die Pachtpreise in Niedersachsen um 22 Prozent gestiegen, teilt das Landesamt für Statistik in Niedersachsen mit.

"Das ist wie ein Lotteriespiel geworden - wer aufs richtige Feld gesetzt hat, hat nun ausgesorgt. Es ist paradox: Mit dem reinen Verpachten, also praktisch mit Nichts-Tun verdient man mehr, als wenn man sich sieben Tage in der Woche um die Pflanzen auf dem Acker kümmert", so Hanken.

Karl-Heinz Hanken ist Biobauer im niedersächsischen Landkreis Vechta - einer Hochburg der Massentierhaltung und des Mais-Anbaus (Foto: Magdalena Fröhlich)

Wie sich die Bauern solche Preise leisten können? Durch Umweltverschmutzung und Massentierhaltung würden Naturschutzverbände sagen. Hanken formuliert es diplomatischer: "Durch intensive Tierhaltung und intensiven Feldbau", sagt er. Intensiv, das heißt in der Landwirtschaft: Möglichst viel Ertrag auf möglichst wenig Fläche. Bei Tieren bedeutet das: möglichst viele Tiere auf möglichst engem Raum, die in kürzester Zeit ihr Schlachtgewicht erreichen. Und auf dem Acker meint man damit Kulturen, die viel Geld bringen. Das ist Gemüse, aber besonders Mais.

Mais ist vor allem deswegen interessant, weil er vieles kann: Mais verträgt zum Beispiel ziemlich viel Dünger. Für Tierhalter mit vielen Tieren bedeutet das: Eine gute Pflanze, um die Gülle loszuwerden. Außerdem hat Mais einen hohen Nährwert, in ihm steckt also viel Energie. Deshalb landet er in der Biogasanlage. Dort wird aus dem Mais Strom. Und der bringt dem Bauern Geld - viel mehr, als wenn er den Mais verfüttern würde oder Getreide zum Brotbacken anbaut. Seit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz aus dem Jahr 2000 bekommen die Betreiber von Biogas-Anlagen 20 Jahre lang einen festen Preis für ihren Strom. Anders als die Preise für Lebens- und Futtermittel schwankt dieser nicht, sondern ist vom Staat garantiert.

Zehn Mal mehr Förderung für Mais als für bio

Die Rechnung sieht also so aus: Wenn ein Bauer eine Biogas-Anlage betreibt, bekommt er zusätzlich Geld vom Staat - laut Thünen-Institut im Jahr rund 2.000 Euro pro Hektar Energie-Mais aus der Förderung für Erneuerbare Energien. Das ist im Schnitt rund zehn mal so viel wie ein Biobauer zur Förderung für seine umweltfreundliche Landwirtschaft bekommt. "Biobauern erhalten eine Prämie, weil sie die Natur schützen anstatt sie zu belasten. Daher ist es umso paradoxer, dass gerade Mais für Biogas als umweltfreundlich bezeichnet wird. Nur weil Mais ein nachwachsender Rohstoff ist, ist das noch lange nicht gut für das Klima, geschweige denn für die Artenvielfalt. Das staatliche Geld für die Umweltleistungen der Biobauern reicht in keinster Weise an das heran, was man für Biogas bekommt", findet Biobauer Hanken und schüttelt den Kopf.

Pachtpreise über 1000 Euro kann er mit dem Verkauf von Getreide nicht erwirtschaften: Pro Hektar erntet Hanken rund 35 Doppelzentner Bio-Roggen. Für eine Tonne bekommt man derzeit rund 310 Euro, das macht für den Biobauern rund 1085 Euro Markterlös. "Berechnet man die Kosten für Saatgut, Arbeitszeit und Maschinen mit ein, ist das ein Minusgeschäft. Kein Wunder also, wenn viele Bauern auf Strom statt Brot setzen", so Hanken, der das Brot-Getreide der Fruchtfolge wegen anbaut und an einen örtlichen Bioland-Bäcker liefert.

Biogas ist also ein lukratives Geschäft - die Nachfrage nach Flächen für den Maisanbau steigt. So hat sich auch die Anzahl der Biogas-Anlagen in Deutschland seit dem Jahr 2000 mehr als versiebenfacht - auf aktuell knapp 8.000. In den letzten zehn Jahren ist die Fläche an Mais um über eine Millionen Hektar gewachsen: Von rund 1,5 Millionen Hektar im Jahr 2000 auf nun rund 2,6 Millionen. Rund 800.000 Hektar davon werden allein wegen der Strom-Erzeugung angebaut.

Sowohl die Anzahl als auch die Leistung der Biogas-Anlagen hat sich rasant entwickelt (Grafik: unendlich-viel-energie.de)

 

Zwar hat Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) die Förderung neuer Anlagen gedrosselt, doch auch die alten brauchen laufend Nachschub, um Strom zu produzieren. Das treibt die Preise für die Pachtflächen.

Intensivtierhalter brauchen Flächen für Gülle

Hinzu kommt eine konstant hohe Nachfrage nach tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Eiern - auch für den Export. Damit verdient man mehr Geld als nur mit Getreide. Das bedeutet aber auch: viele Tiere und jede Menge Gülle. Weil man diese aber nicht unbegrenzt auf Felder und Wiesen ausbringen darf, brauchen die Tierhalter Flächen. Andernfalls müssen sie die Gülle abholen lassen. Dann landet sie in Regionen, in denen es weniger Tierhaltung gibt auf dem Feld. Dem Landvolk Niedersachsenzufolge, einer regionalen Organisation des Bauernverbandes, sind mehr als 500.000 Tonnen Gülle in den Jahren 2013/14 aus den Viehhaltungs- in die Ackerbauregionen transportiert worden, Tendenz steigend. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen rechnet vor: "Umgerechnet auf den Hektar können durch die Zupacht in der Ferkelerzeugung circa 370 Euro und in der Schweinemast circa 266 Euro an Gülleabgabekosten eingespart werden. Entsprechend steigt die Zahlungsbereitschaft der Schweine haltenden Betriebe an."

Auch aus Gülle wird Strom

Außerdem kann man auch aus der Gülle Strom machen. In der Anlage verschwindet die Gülle nicht einfach - ihr wird lediglich die Energie entzogen. Die Nährstoffe, wie Nitrat und Phosphor, die in höheren Mengen zu Umweltschäden führen, bleiben übrig. Diese sogenannten Gärreste bringt der Bauer aufs Feld aus. Weil Mais eine Pflanze ist, der es nichts ausmacht, wenn sie viel gedüngt wird, ergibt sich für die Bauern eine Win-Win-Situation: Sie werden die Gülle los und nutzen diese sowie den Mais zur Strom-Erzeugung. Der Bauer verdient also an den Tieren und am Strom. Ein paar hundert Euro mehr für die Pacht fallen da nicht so schnell ins Gewicht.

Wer also weder beim intensiven Maisanbau noch bei der Massentierhaltung mitmachen will, zieht bei der Verhandlung um Pachtpreise schnell den Kürzeren.

Pachtverträge haben nur noch kurze Laufzeiten

Zu Hankens Hof im niedersächsischen Goldenstedt gehören gerade einmal acht Hektar eigenes Land. Die restlichen zwölf Hektar, auf denen er Fenchel, Salat, Küchenkräuter, Kohlgemüse, aber auch Brot-Getreide und Kleegras anbaut, sind von verschiedenen Eigentümern gepachtet. 500 Euro hat er dafür noch vor sieben Jahren gezahlt. Heute sind es je nach Fläche zwischen 950 und 1050 Euro. Und auch dafür musste er hart verhandeln. Hinzu kommt: Die Verpächter drehen nicht nur beim Preis, sondern auch bei der Laufzeit die Schraube an. Während seine Pachtverträge früher rund 15 Jahre liefen, könnte ihn heute einer seiner Verpächter schon nach fünf Jahren vom Acker jagen, ein anderer sogar jährlich. Planungssicherheit gibt ihm das nicht. Ohne Pachtflächen müsste er seinen Hof schließen. Mehr als die 1050 Euro Pacht sind für Hanken nicht drin. 

Verbraucher übernehmen Verantwortung

Das Problem der Flächenkonkurrenz haben nun auch Nicht-Landwirte erkannt: Die im April 2015 gegründete BioBoden Genossenschaft kauft mit dem Geld ihrer Mitglieder Flächen und Betriebe für Öko-Bauern. Mit einer Einlage ab 1.000 Euro kann jeder helfen den Öko-Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche auszubauen.
Infos: www.bioboden.de

Deshalb ist er weiter auf den guten Willen seiner Verpächter angewiesen. Als Biobauer kann er die Fruchtbarkeit des Bodens steigern - das hat er immer wieder untersuchen lassen. Durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und mineralischen Stickstoffdünger sowie eine abwechslungsreiche Fruchtfolge mit Gründünger und Kleegras fördert der Biobauer die Lebewesen im Boden und damit auch den Humusaufbau. Das steigert langfristig auch den Wert des Bodens. Meist wird das auch wertgeschätzt: Seine Verpächter ziehen die Pachtschraube nicht bis zum Äußersten an. "Spitzenpreise von 2000 Euro hat noch niemand von mir verlangt", so der Bioland-Bauer.

Zudem hat Hanken die Schweinehaltung aufgegeben und konzentriert sich jetzt nur noch auf Brotgetreide und Gemüse. Das ist weniger arbeitsintensiv. Zwar waren die Schweine wichtig für den Betriebskreislauf, weil sie unverkäufliches Gemüse und Kartoffeln fressen und wertvollen Dünger liefern - trotzdem sei es mit rund 60 Mastschweinen zu aufwändig gewesen, so Hanken. Hinzukommt: Anders als konventionelle Bauern dürfen Biobauern wie Hanken kein importiertes Gentech-Soja verwenden, sondern müssen ausschließlich Bio-Futter verfüttern. Davon muss mindestens die Hälfte auf den eigenen Flächen angebaut werden. So steht es in den Bioland-Richtlinien. Deshalb ist der Preisdruck für Biobauern, die einem Verband wie Bioland angehören, besonders groß: ohne Flächen kein Futter, ohne Futter keine Tiere.

Außerdem, fügt Hanken hinzu, sei es ja schon sehr paradox: "Während die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln steigt, stagniert der Anteil der Ökoflächen nahezu. So wird das nichts mit mehr Bio aus der Region."

Mehr zum Thema

Auf bioland.de:

Landraub: Wie funktioniert Landgrabbing?

Im Netz:

Infos zur EEG-Umlage 2015: www.bundesregierung.de

Das EEG aus dem 2000: www.erneuerbare-energien.de

Allgemeine Infos zum EEG: www.erneuerbare-energien.de

Kurz-Infos von Campact zur EEG-Umlage: www.campact.de

Studie vom WWF zur Flächenkonkurrenz durch Biogas: www.wwf.de

Flächenertrag Maisanbau: www.maiskomitee.de

So viel Biogas bringt ein Rind, ein Hektar Mais etc.: www.biogas.fnr.de 

Preise für Mais: www.raiffeisen.com

Anteil Maisanbau in verschiedenen Regionen. www.maiskomitee.de

Anteil Mais für Biomasse: www.mediathek.fnr.de

Entwicklung Maisanbau: www.dbu.de

Pachtpreisentwicklung in Niedersachsen: www.statistik.niedersachsen.de

Pressemitteilung des niedersächsischen Landvolkes zum Gülletransport: www.landvolk.net

Infos der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zu den Kosten des Gülletransports: www.lwk-niedersachsen.de

Entwicklung Anzahl Biogasanlagen und deren Leistung: www.biogas.org und www.maiskomitee.de

Förderung Biomasse: www.erneuerbare-energien.de

Agrarstrukturerhebung: Eigentums- und Pachtverhältnisse: www.destatis.de

Video vom NDR zum Thema Flächenkonkurrenz: www.ndr.de