Nicht nur Plus und Minus: Die Gemeinwohlbilanz bewertet auch, was ein Unternehmen zum Umweltschutz beiträgt (Foto: Magdalena Fröhlich)
17.09.2015
Gemeinwohlbilanz

Eigentum verpflichtet

Eigentlich könnten sich die Bioland-Bauern Heinrich Hannen und Harro Colshorn ihre Gewinne auch in die eigene Tasche stecken. Stattdessen wollen sie ihre Betriebe ökologischer und sozialer gestalten. Das Ergebnis steht in der Gemeinwohlbilanz. Von Magdalena Fröhlich

Die beiden Betriebsleiter Petra Graute-Hannen und Heinrich Hannen (Foto: Lammertzhof)
Seit sich der Lammertzhof mit der Gemeinwohlökonomie beschäftigt, gibt es keinen Betriebsrat mehr. Weil es kaum noch Probleme gibt, hat er sich nicht mehr zur Wahl gestellt. Chef Heinrich Hannen versucht, dass es nicht nur der Umwelt, sondern auch seinen Mitarbeitern gut geht. Das sehen diese zwar manchmal anders, aber darüber lässt der Biobauer mit sich reden. Auch über Geld. Mit elf Euro Durchschnittslohn kann sich kaum einer auf dem Hof eine goldene Nase verdienen. Klar, dass den Mitarbeitern eine Lohnerhöhung  lieber wäre statt die Gewinne in den Bau einer neuen Halle für den Hofladen und Abokisten-Betrieb zu investieren. Das war vor rund zehn Jahren so. Dafür musste der Betrieb damals sogar einen satten Kredit aufnehmen - mit Lohnerhöhungen war also erst einmal nicht zu rechnen. "Das war der Punkt, als sich damals ein Betriebsrat gegründet hat", erzählt Heinrich Hannen, wenn er sich an den Beschluss für das neue Gebäude  erinnert. Heute steht die Halle. Und den Betriebsrat gibt es nicht mehr: Aus Mangel an Problemen. Sollten doch einmal welche auftauchen, werden diese in einer erweiterten Teamleiterrunde mit dem Betriebsleiter und Stellvertretern aus der Belegschaft besprochen. "Hier wird über aktuelle Themen, zukünftige Projekte und auch offen über Differenzen gesprochen. Falls Probleme zwischen Mitarbeitern oder mit Vorgesetzten nicht gelöst werden können, gibt es einen festen Ansprechpartner, der als Vermittler fungiert", erklärt der frühere Betriebsrats-Vorsitzende Tigran Karapetyan. 

Gemeinwohl-Ökonomie

  • Die Gemeinwohl-Bilanz ist Teil der Gemeinwohl-Ökonomie. Das ist ein alternatives Wirtschaftsmodell, das ökologisch und sozial nachhaltiges Unternehmertun unterstützt. Kernstück dieses Modells ist die Bilanz, mit welcher die Unternehmen zeigen, welchen Beitrag sie für das Gemeinwohl, also für Gesellschaft, Mitarbeiter und Umwelt leisten.

  • Die Gemeinwohl-Ökonomie setzt auf die Mittel der Marktwirtschaft, berücksichtigt aber soziale, ethische und ökologische Aspekte. Ziel dabei ist es, möglichst nachhaltig zu wirtschaften, da dies den Unternehmen Steuervorteile bringen soll. So sollen Produkte und Dienstleistungen, die sozial und ökologisch gerecht sind, geringer besteuert werden, als Produkte, die dem Mensch und der Natur schaden.

  • Auch bei der Gemeinwohl-Ökonomie dürfen Unternehmen finanzielle Gewinne machen - diese müssen aber in das nachhaltige Weiterkommen des Unternehmens investiert werden. Es geht um die Steigerung des Gemeinwohls, nicht um die Maximierung von monetären Gewinnen.

  • Ein finanzieller Gewinn kann beispielsweise für die Einrichtung eines Betriebskindergartens, die Anschaffung von Lastenfahrrädern oder eine Solaranlage verwendet werden.

Damals hat Betriebsleiter Hannen etwas gelernt, was nun auf dem Hof ein wichtiges Prinzip ist: Transparenz heißt Vertrauen. Was das nicht heißt: Dass es einfach ist. "Um den Mitarbeitern klar zu machen, dass es um den Hof schlecht bestellt wäre, wenn wir die neue Halle nicht bauen, und um offenzulegen, dass ich und meine Frau noch weniger verdienen als die Mitarbeiter, haben wir die Zahlen offengelegt. Statt der durchschnittlichen elf Euro Stundenlohn, haben meine Frau und ich nur fünf Euro pro Stunde verdient", sagt er. Mittlerweile ist es besser: Zwar bekommt immer noch jeder Mitarbeiter als Minimum 9,33 Euro, Personal mit mehr Verantwortung auch schon mal 20 Prozent mehr. Auch Hannen und seine Frau. Aber viel ist das immer noch nicht.

"Mehr ist nicht drin. Aber meine Haltung ist: Ein Unternehmer schaut nicht nur auf sein eigenes Konto. Sonst hat keiner etwas davon." Für ihn müsse sich ein Betrieb nicht nur ökonomisch behaupten können. Vielmehr müsse der Unternehmer auch darauf achten, dass sich der Betrieb weiterentwickelt. "Das heißt auch, dass er sozialer und umweltfreundlicher wird. So bin ich auch auf die Gemeinwohlökonomie gestoßen."

Die Gemeinwohlökonomie ist ein Wirtschaftsmodell, dass der österreichische Publizist Christian Felber im Jahr 2006 skizziert und seither gemeinsam mit Unternehmern, Politikern und anderen Aktiven weiterentwickelt hat. Es fußt auf einem einfachen Grundsatz, der eigentlich schon im deutschen Grundgesetz steht: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

Deshalb setzen mittlerweile rund 150 Unternehmen, darunter so bekannte wie die Sparda-Bank aus München oder der Sportartikelhersteller Vaude, auf eine zusätzliche Bilanz: Die Gemeinwohlbilanz.  

Statt des reinen Geldwertes eines Unternehmens misst die Gemeinwohl-Bilanz mit 17 Indikatoren, was ein Unternehmen zum Wohl der Allgemeinheit beiträgt. Diese sind grob den Kategorien Ökologie, Soziales und Mitbestimmung zugeordnet. Das Ganze funktioniert so: Zunächst macht sich der Betriebsleiter selbst Gedanken zu den einzelnen Kriterien und überlegt, welche Punktzahl für ihn passend wäre. Anschließend kommt ein externer Auditor, der vom Netzwerk der Gemeinwohlökonomie ausgebildet wurde, und prüft, wie er die Kriterien einstufen würde. Zur Orientierung gibt es ein Handbuch. Zur Transparenz gehört zum Beispiel auch die Mitbestimmung der Belegschaft. Die findet jetzt auf dem Lammertzhof entweder direkt oder in der Teamleiterrunde statt. Nicht, dass die Gemeinwohlökonomie einen Betriebsrat entgegenstehen würde - im Gegenteil. Nur: Weil es nun mehr Transparenz auf dem Hof gibt, hat sich der Betriebsrat nicht mehr zur Wahl gestellt. Die Teamleiterrunde reicht. 

So sieht die Bilanz in Kurzform aus (Screenshot: www.ecogoods.org)

Auch, dass Mitarbeiter ihre Ideen einbringen können, gehört zum Modell der Gemeinwohlökonomie dazu. So hat zum Beispiel ein Kollege vorgeschlagen, das Kühlhaus effizienter zu gestalten: Jetzt wird mit Brunnenwasser statt mit Außenluft gekühlt. Und es gibt ein Rückentraining. Trotzdem ruft nicht jeder Mitarbeiter gleich juhu, wenn es um Besprechungen geht. "Auch wenn ich mir das wünsche, aber es will sich gar nicht jeder mit Ideen einbringen. Für viele ist der Job eben nur ein Job. Das ist auch ok", so Hannen, der vor rund zwei Jahren seine erste Bilanz erstellt hat: 624 von 1000 Punkten. Das ist im oberen Mittelfeld. Im Herbst erscheint die zweite.

Was sich dadurch verändert hat? "Ich bin mir gegenüber kritischer geworden. Ich finde es beispielsweise schwierig, dass wir einen Kredit bei der Stadtsparkasse und nicht bei einer Umweltbank haben, bei der wir auch Konten haben. Zwar fließen viele Gewinne der Sparkasse an die Stadt, so viel Transparenz herrscht, aber ich weiß nicht, wo die Gelder zwischengeparkt werden und welche Kredite an nicht nachhaltige Unternehmen vergeben werden", so Hannen. Deshalb würde er sich jetzt weniger Punkte im Bereich "ethisches Finanzmanagement" geben. "Man bleibt mit der Zertifizierung nicht stehen und kann sich dann ausruhen. Vielmehr denkt man ständig weiter nach, was man noch machen könnte", erzählt er.

Von "anstecken" will der Biobauer zwar nicht sprechen, wenn es um die Bilanz geht, er nennt dann aber doch ein Beispiel, was sie im Team bewirkt hat: "Einer unserer Mitarbeiter steht total auf schnelle Autos mit viel PS - solche hatte er auch vorher für den Lieferservice bestellt. Jetzt hat er aber ein Training für alle Fahrer organisiert, beim dem es ums Spritsparen geht. Und wir führen bald zusätzliche Lastenräder ein."

Trotz Bio keine volle Punktzahl in der Bilanz

Ob er dadurch bald volle Punktzahl in der Bilanz hat? "Nein, das hat kein Unternehmen. Es geht um ständige Verbesserungen, nicht darum, einen Stempel zu haben und sich auf die Brust zu klopfen." So könnte der Betrieb noch mehr Energie sparen: "Auch ein Biobauer kann immer noch mehr fürs Klima tun. Vielleicht schaffen wir es, bald die Hälfte der Gemüsekisten per Lastenrad zu liefern."

Harro Colshorn beim Schnittsalat-Hacken (Foto: Gärtnerei Colshorn)
Dass man Standards ständig fortentwickeln sollte - das sieht auch Harro Colshorn so. Auch er ist Bioland-Gärtner und einer der ersten, die sich mit dem Thema Gemeinwohlbilanz beschäftigt haben. Seit einem Jahr berät er auch den Bioland-Verband eine eigene Bilanz zu erstellen. Colshorn selbst hat gerade seine zweite fertiggestellt. Aber auch da fängt es schon beim ersten der 17 Kriterien an: "Ethisches Beschaffungswesen" heißt dieses.

Das bedeutet laut Gemeinwohlökonomie-Handbuch, dass man nicht nur darauf achtet, was man selber produziert, sondern auch, woher die Rohstoffe kommen. Von einem Bioland-Betrieb könnte man nun erwarten, da würde alles passen - volle Punktzahl. Colshorn hat in diesem Bereich 81 von 90 Punkten, insgesamt 723 von 1000. Woran es hapert? "Für manche Gemüsesorten, zum Beispiel für Fenchel, gibt es einfach keine samenfesten Sorten, also solche, die man wieder aussäen kann. Da bin ich auf die Hybride der großen Saatgutfirmen angewiesen. Die sind zwar nicht gentechnisch verändert - aber auch nicht unter ökologischen Bedingungen gezüchtet", so der Gärtner. "Ich könnte auch versuchen, noch mehr Sorten anzubauen, damit wir weniger Ware für die Abo-Kiste und den Laden zukaufen müssen. Das würde nämlich Verpackung und Lieferwege sparen. Aber es wäre ganz schön zeitaufwändig."

Deshalb müsse man zu manchen Dingen einfach stehen und auch sagen: "Ich weiß, das ist wichtig, aber ich kann auch nicht alles auf einmal verändern." Gewandelt hat sich trotzdem etwas: Im Laden wird mittlerweile über jede Plastiktüte diskutiert und es gibt eine zusätzliche Saisonkraft.

Bilanz ist keine Verabschiedung aus der Marktwirtschaft

Denn beim Kriterium Arbeitszeitbelastung sah es in der Bilanz nicht gut aus: Vor allem bei Colshorn selbst. 30 von 50 Punkten. Dank einer zusätzlichen Arbeitskraft kann der Chef auch mal im Sommer entspannen. Dahinter stehen auch seine fünf Mitarbeiter, schließlich werden auch sie dadurch entlastet. Und finanziell war das noch drin.

Warum sich der Bioland-Gärtner trotz permanenter Überstunden dann noch eine zusätzliche Zertifizierung mit der Gemeinwohl-Ökonomie antut? "Weil sich in der Gesellschaft etwas verändern muss. Und in der Politik", antwortet er. Dafür sei die Bilanz ein guter Ansatz. "Das Modell der Gemeinwohlökonomie sieht vor, dass Unternehmen mit einer guten Bilanz weniger besteuert werden als Betriebe, die nicht nachhaltig arbeiten. Es ist ja jetzt so: Wer etwa chemisch-synthetische Pestizide verwendet, muss für den Schaden, den sie in der Umwelt anrichten, nicht aufkommen. Das zahlt die Allgemeinheit. Fair ist das aber nicht."

Wer gut wirtschaftet, soll somit weniger Steuern zahlen, wer umweltschädlich und wenig sozial wirtschaftet, soll mehr Steuern zahlen. Die Gemeinwohlökonomie ist also keine Verabschiedung aus der Marktwirtschaft. "Sie ist eine Marktwirtschaft, die auf einem ethischen Miteinander basiert, nicht auf kapitalistischen Machtstreben. Das heißt nicht, dass man keine Gewinne machen darf - nur eben unter fairen Bedingungen", so Colshorn. "Auch wenn das bestimmt noch Jahre dauern wird, ehe sich so etwas durchsetzt: Ich finde ein Modell sehr reizvoll, das mit fairer Preis- und Steuerpolitik statt mit Verboten arbeitet", sagt Colshorn. "Nicht-nachhaltiges Wirtschaften soll sich nicht mehr lohnen dürfen."

Mehr zum Thema

Auf bioland.de

Im Netz:

Website der Gärtnerei "Am Hainerbach" von Harro Colshorn: www.bioland-gaertnerei-am-hainerbach.de

Website des Lammertzhofes: www.lammertzhof.info

Website der Gemeinwohlökonomie: www.ecogood.org