Sanfte Medizin: Homöopathische Mittel können auch auf die Schleimhäute aufgesprüht werden (Foto: Birgit Gnadl)
10.03.2016
Alternative Tiermedizin

Globuli für die Kuh

Auch Bio-Kühe oder Bio-Schweine werden mal krank. Was machen Biobauern dann? Antibiotika dürfen sie nur selten verabreichen. Sonst verliert das Tier seinen Bio-Status. Doch die Biobauern wissen sich zu helfen. Von Julia Romlewski

Wenn man schon als Mastschwein auf diese Welt kommt, dann hat man Glück, wenn man auf dem Hof von Christian Matthesius landet. Dort, in der Nähe von Augsburg, hat man Auslauf, bekommt frisches Futter aus eigenem Anbau und darf das Ringelschwänzchen behalten. Und wenn sich das Schwein mal verletzt oder krank wird, hat es die volle Aufmerksamkeit des Bioland-Bauern sicher. Dann reibt er es mit Ringelblumensalbe ein oder gibt ihm Globuli - homöopathische Kügelchen. Ganz wie es die EU-Ökoverordnung verlangt.

Alternative Heilmethoden haben im Ökolandbau immer Vorrang. Antibiotika sind nur die ultima ratio; sie - wie in vielen konventionellen Betrieben - vorbeugend zu verabreichen, geht gar nicht. Nach der Ökoverordnung sind sie zwar nicht grundsätzlich verboten, wird aber eine Milchkuh mehr als dreimal im Jahr antibiotisch oder chemisch-synthetisch behandelt, verliert sie ihren Bio-Status. Mast-Ferkel oder Mast-Geflügel dürfen überhaupt nur einmal im Leben ein Antibiotikum bekommen. Manche Ökoverbände gehen in ihren Richtlinien noch weiter: Bei Bioland gibt es bereits seit 1994 eine Verbotsliste für bestimmte Medikamente. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen erteilt der Verband hier eine Genehmigung.

Was ist Homöopathie?

Die Homöopathie wurde im 18. Jahrhundert vom deutschen Arzt und Apotheker Friedrich Samuel Hahnemann gegründet und beruht auf dem Ähnlichkeitsprinzip (homoios). Verabreicht werden stark verdünnte Stoffe (überwiegend Pflanzenstoffe), die in höherer Dosis genau die Symptome der jeweiligen Krankheit erzeugen würden. Dadurch sollen die Selbstheilungskräfte angeregt werden. Die Ausgangsstoffe werden stufenweise verdünnt. D6 etwa enthält nur noch ein Millionstel der Urtinktur.

Die Homöopathie ist allerdings umstritten. Denn wissenschaftlich belegen lässt sich die Wirkung der hochverdünnten Stoffe nicht. Die einen schwören darauf, die anderen lehnen sie ab. Das ist auch in der Biobranche so. Familie Weckmüller aus dem Hunsrück zum Beispiel vertraut voll und ganz auf die Homöopathie. "Penicillin haben wir unseren Milchkühen schon fünf Jahre nicht mehr gegeben", erklärt Seniorchef Erich Weckmüller. Ganz anders der Bayrhof im Allgäu. Die Milchkühe dort bekommen keine homöopathischen Mittel. "Weil die Wirkung nicht bewiesen ist." Ringelblumenöl haben die Allgäuer aber schon im Schrank. Mehr zur Homöopathie und ihrer Anwendung bei Nutztieren

Aber auch mit der Naturheilkunde ist das nicht immer so einfach: Nicht jeder Bauer hat einen Tierarzt in der Nähe, der sich mit alternativer Tiermedizin auskennt. Mancher ist da versucht, Globuli aus der Hausapotheke zu nehmen. Das aber ist verboten, es sei denn ein Tierarzt ordnet es an. Denn die Mittel für Kühe, Schweine oder Geflügel müssen eigens registriert sein. So eine Zulassung aber ist teuer und rechnet sich meistens nicht. Darum gibt es vor allem die wenigen Mittel, die schon lange auf dem Markt sind, und nur wenige neue.

Natürlich sind Naturheilkunde und vor allem Homöopathie nicht unumstritten: Auf der einen Seite bilden sich zwar keine gefährlichen Resistenzen, wie man das von Antibiotika kennt. Und es gibt keine problematischen Rückstände in Milch, Fleisch, Mist oder Gülle. Dafür, so meinen Kritiker, bleiben aber nicht nur die Nebenwirkungen, sondern auch die erwünschten Wirkungen aus. In manchen Fällen, zum Beispiel bei Parasitenbefall, kommt der Bauer mit sanften Mitteln ohnehin nicht weit.

Wenn der Biobauer deshalb doch mal zur klassischen Schulmedizin greift, beträgt die Wartezeit doppelt so lange wie gesetzlich vorgeschrieben. Das heißt: Der Biobauer darf zum Beispiel die Milch einer kranken, mit Antibiotika behandelten Kuh doppelt so lange nicht verkaufen wie sein konventioneller Kollege. Der Verbraucher soll sich schließlich sicher sein können, dass er mit einer Flasche Milch nicht gleich auch noch einen Schuss Antibiotikum mitkauft. 

Tierwohl contra Rückstände

Beliebte homöopathische Mittel sind Nux Vomica bei Durchfall oder Phytolacca bei entzündeten Eutern oder Problemen mit dem Milchfluss. "Dieses Mittel kennen auch viele stillende Frauen", sagt Tierheilpraktikerin Birgit Gnadl. Akupunktur wird ebenfalls immer beliebter. "Das ist schon lange nicht mehr exotisch", sagt  Gnadl. Immer mehr Bauern lernen in Seminaren, wie man Rindern Nadeln legt – bei Euterentzündungen oder Gastritis etwa.

Naturheilverfahren sind kein reines Bio-Thema. In den Seminaren sitzen heute zu 80 Prozent konventionelle Tierhalter. "Vor allem Landwirtinnen wollen einen anderen Weg gehen", hat Tierarzt Andreas Striezel festgestellt.  

Am liebsten ist es den Bauern jedoch, wenn die Tiere erst gar nicht krank werden. Doch wo konventionelle Bauern oft noch mit prophylaktischen Antibiotika-Gaben arbeiten, setzt der ökologische Landbau in erster Linie auf bessere Haltungsbedingungen. Oft sind es Fehler im Herdenmanagement, die zu Gesundheitsproblemen führen: falsches Futter etwa. "Man muss erst einmal die Rahmenbedingungen verbessern", sagt Striezel. Dann geht der Medikamentenbedarf von selbst runter.  

Freilich ist es immer ein Spagat für den Bauern: Fleisch und Milch sollen frei von Antibiotika oder anderen Rückständen sein, und natürlich will er Wartezeiten vermeiden, in denen er die Milch seiner Kuh wegschütten muss. Andererseits soll die Kuh wenig leiden und möglichst schnell wieder gesund werden. "Die Tiere müssen leistungsfähig bleiben. Man kann eine kranke Kuh ja nicht ins Bett legen", sagt Tierarzt Matthias Link. "Das Tierwohl ist mir am wichtigsten", sagt auch Schweinehalter Matthesius. Hat ein Schwein Schmerzen, bekommt es Schmerzmittel.

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