20.000 Muskelfasern brauchten die niederländischen Entwickler für den ersten Laborburger (Foto: David Perry/PA Wire)
25.11.2016
Laborfleisch

Rind aus dem Bioreaktor

Tiere schlachten, um Fleisch zu essen? Wie retro ist das denn? Die Frage werden wir uns bald stellen, prophezeien einige Wissenschaftler. Denn in wenigen Jahren wollen sie Burger und Hühnchen aus dem Labor auf den Markt bringen. Ist das die Lösung? Von Julia Romlewski

Wir essen viel zu viel Fleisch und wollen immer mehr: Der globale Fleischhunger aber schadet dem Klima, der Umwelt, den Tieren und letztlich uns selbst. Logischer Ausweg: Weniger Fleisch essen. Doch das Motto "Iss die Hälfte" hat sich nicht durchgesetzt - auch nicht in der westlichen Welt mit ihrem hohen Fleischkonsum. Einige Wissenschaftler wollen das Fleischproblem nun anders lösen. Sie planen nichts weniger als eine technische Revolution.

In den USA, den Niederlanden und Israel versuchen Biotechnologen Fleisch im Labor zu züchten. 2013 präsentierte der Niederländer Mark Post von der Uni Maastricht der Weltöffentlichkeit den ersten Labor-Burger. Kosten: Eine Viertelmillion Dollar. Inzwischen ist man angeblich bei 11 Dollar. Ziel ist es, Laborfleisch billiger anbieten zu können als konventionelles Fleisch aus Intensivhaltung. In drei bis fünf Jahren soll es so weit sein. Auch das israelische Unternehmen Super Meat, spezialisiert auf Labor-Hühnchen - gibt sich optimistisch. "Wir hoffen, dass es in 5 Jahren erste Produkte von uns im Supermarkt gibt", erklärt Sprecher Koby Barak auf Anfrage. Und das US-Start-up Memphis Meat will demnächst Rind- und Schweinefleisch aus dem Labor in Sternerestaurants auf den Tisch bringen.

Tissue Engineering heißt die Technologie. Gewebezüchtung auf Deutsch. Dazu werden lebenden Rindern, Schweinen oder Hühnern Muskelstammzellen entnommen und dann im Labor in einer Nährlösung vermehrt. Tissue Engineering kommt aus der regenerativen Medizin. Ersatzknorpel für Knie oder Hüfte, Herzklappen oder künstliche Gefäße sollen damit entstehen. Und nun auch Burger oder Chicken.

Fitnessstudio für Muskelzellen

So funktioniert die Fleischzüchtung (Grafik: Karlsruher Institut für Technologie)
Fleisch aus dem Labor sei das bessere Fleisch, heißt es auf der Homepage von Super Meat. 100 Prozent Fleisch, null Prozent Tierleid lautet der Slogan der Israelis. Die Bezeichnung Laborfleisch hören Fleischforscher nicht so gerne. Sie sprechen lieber von In-vitro-Fleisch oder cultured meat. Dieses Fleisch soll gesünder, umweltfreundlicher und billiger sein als herkömmliches Fleisch aus Massentierhaltung.

Es sind Versprechungen, die sich derzeit noch schwer nachprüfen lassen. Das Bundesforschungsministerium hat das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit einer Einschätzung beauftragt. Man will wissen, welche Auswirkungen in-vitro-Fleisch haben könnte, und ob die Verbraucher so etwas überhaupt kaufen würden. In-vitro-Fleisch lebe zurzeit vor allem von Zukunftskonstruktionen, heißt es am KIT. "Es sind so viele Fragen noch offen", sagt Inge Böhm vom Projektteam. 

Man braucht Bioreaktoren, die die Bedingungen im Körper nachahmen: 37 Grad warm, mit Druckverhältnissen und Stimulationen. Ein High-Tech-Fitnessstudio für Fleischzellen. "Man muss die Muskelzellen bewegen, damit sie heranreifen", erklärt Jenny Reboredo. Die Ingenieurin baut an der Uniklinik Würzburg künstlichen Knorpel für den medizinischen Bereich nach.

Ohne Chemie geht es nicht

Wie die Klimabilanz solcher Reaktoren ausfallen würde, ist noch unklar. Davon unbeeindruckt jonglieren die Innovatoren bereits mit Zahlen: Laborfleisch werde nur halb so viel Energie verbrauchen wie konventionelles Fleisch, 96 Prozent weniger klimaschädliche Emissionen verursachen und kaum Land benötigen, sagen sie und verweisen auf entsprechende Studien von 2011. Die Biopsien seien auch nur am Anfang nötig, so Barak von Super Meat, bis man einen Vorrat an Zellen habe. Nur bei Rindfleisch könne In-vitro beim Energieverbrauch punkten, heißt es hingegen in einer Studie von 2015. Danach verbraucht In-vitro mehr Strom als die industrielle Schweine- und Geflügelindustrie. 

In-vitro-Fleisch soll gesünder sein, weil im Labor weniger Verunreinigungen zu befürchten sind und keine Krankheiten vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Unter sterilen Bedingungen könne man sogar auf Antibiotika verzichten, heißt es. Ohne Chemie wird es aber nicht gehen, schließlich kann man Laborzellen nicht mit Heu füttern oder an den Blutkreislauf eines Tieres anschließen. Sie sind auf künstliche Vitamine und Aminosäuren angewiesen. Andererseits ist auch das Futter vieler konventioneller Masttiere alles andere als naturbelassen. 

Auch Wachstumsproteine braucht man. Anfangs waren die Forscher dabei noch auf das Blut von Kälberföten angewiesen. Inzwischen lassen sich die Eiweiße auch synthetisch mithilfe von Bakterien herstellen. Noch ist das aber teuer. "Wir haben noch keine finale Nährmischung", gibt Barak von Super Meat zu.

Technische Lösung für jedes Problem?

Auch Geschmack ins Laborfleisch zu bringen und Vielfalt zu bewahren dürfte ohne künstliche Zusätze und Geschmacksverstärker schwer werden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass in-vitro-Fleisch jemals schmecken könnte", meint Ingenieurin Reboredo.

Für viele Tierschützer überwiegen dennoch die Vorteile: Schlachthöfe könnten überflüssig werden, das Leiden von Milionen von Rindern, Schweinen und Geflüge ein Ende haben. Die Eier- und Milchfrage wäre damit allerdings noch nicht gelöst.

Kritiker der Technologie befürchten, dass weitere künstliche Lebensmittel folgen, wenn sich die Verbraucher erst einmal an Laborfleisch gewöhnt haben. Auch die Skepsis gegenüber Gentechnik könnte abnehmen. Und Verbraucher lassen sich dann womöglich noch schwerer dazu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern. Denn es wird ja suggeriert, dass es für jedes Umweltproblem irgendwann eine technische Lösung gibt. Böhm vom KIT hat noch eine Sorge: "Was, wenn sich ein Konzern wie Monsanto die Technologie unter den Nagel reißt?"

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Visionen von in-vitro-Fleisch: Weitere Informationen auf dem Fachportal des Karlsruher Instituts für Technologie