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"Wir können unsere Lebensgrundlagen nur gemeinsam retten"

Bioland-Präsident Jan Plagge über Verantwortung und warum in der Vielfalt die Lösung steckt

21.02.2022

Eine intakte Landwirtschaft ist das Rückgrat jeder Gesellschaft. Wir als Verband tragen dabei besondere Verantwortung: Wir wollen Menschen ein auskömmliches Einkommen ermöglichen und unsere Lebensgrundlagen für die Zukunft sichern. Wie uns das gelingt, erzählt Bioland-Präsident Jan Plagge im Interview - dem letzten Teil unserer Serie zu den sieben Bioland-Prinzipien.

Von Marta Fröhlich

Eines unserer sieben Prinzipien ist, dass wir unsere Lebensgrundlagen erhalten wollen. Welche Verantwortung haben wir als Verband gegenüber unseren Mitgliedern und Partnern dabei?
Was ein Einzelner nicht organisieren kann, wenn er unsere Lebensgrundlagen schützen und zugleich ein auskömmliches Einkommen für seinen Betrieb, seine Mitarbeiter*innen, seine Familie erzielen will, übernimmt das Bioland-Kollektiv. Dabei geht es vor allem um die Regulierung des Miteinanders, des Wettbewerbs, also die Spielregeln, unter denen wir den Weg zu einer vollständig ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft gehen. Wir haben es bisher als Menschheit leider nicht geschafft, dass wir schon allein mit unserer Lebensweise unsere Lebensgrundlage sichern. Eine unserer eigentlichen Kernkompetenzen, die uns als Menschen und Kultur zu dem gemacht hat, was wir heute sind, nämlich das Organisieren des Miteinanders, auch mit der Natur, haben wir offensichtlich verlernt. Und das im Kleinen, also im Bioland, hinzubekommen ist unsere Verantwortung.

Ein Bioland-Berater zeigt moderne Anbautechniken auf den Ökofeldtagen
Austausch untereinander wie hier auf den Ökofeldtagen ist im Bioland-Verband von hoher Bedeutung (Foto: Herpich/Bioland)

 

Was bedeutet das ganz konkret?
Erfahrungen austauschen, gemeinsam Wege entwickeln, wie man beispielsweise die Bodenfruchtbarkeit verbessern kann, wie man die Tiere gesund erhält, oder jetzt in jüngster Zeit: Wie gut kennen wir die ökologischen Nischen auf unseren Betrieben und welche Biodiversitätsmaßnahmen passen am besten? Das kann man als einzelner Betrieb ja gar nicht alles wissen und umsetzen. Dafür braucht man die Gemeinschaft und das ständige Reflektieren zusammen mit anderen Praktikern – und auch mit der Wissenschaft.

Wie setzt sich Bioland auf dem Markt für seine Betriebe ein?
Die Frage, die auch schon vor 50 Jahren, als unser Verband entstand, entscheidend war, lautet: Wie zeige ich in einem überwiegend konventionellen Markt den Mehrwert meiner ökologischen Leistungen?

 

Das Dilemma der Land- und Lebensmittelwirtschaft ist ja: Sobald jemand anfängt, mehr zu leisten, entwickelt sich paradoxerweise ein Wettbewerb um den niedrigsten Preis. Eine öko-soziale Marktwirtschaft muss aber nach anderen Prinzipien funktionieren. Um es greifbar zu machen: Sie sichert ab, dass es auch in den Bergen ökologische Landwirtschaft gibt, auch wenn sie preislich niemals konkurrenzfähig ist zum Flachland.

Funktioniert der Markt aktuell nach diesen Prinzipien?
Es gibt ein strukturelles Marktversagen und selbst die EU hat es mit ihren europäischen Verträgen nicht geschafft, eines ihrer obersten Ziele zu erreichen: dass man als Bauernfamilie ein auskömmliches Einkommen erzielen kann. Wir brauchen eine sozial stabile Basis bei denjenigen, die Lebensmittel produzieren und die Umwelt schützen, und die müssen wir fair vergüten. Deshalb sehen wir es in unserer Verantwortung, uns mit der Frage auseinanderzusetzen: Können wir im Kleinen Spielregeln entwickeln, die dieses Marktversagen kompensieren? Das passiert über unsere Bioland-Marke oder auch über die Fairplay-Regeln, die wir 2018 eingeführt haben. Was nun ergänzt werden muss, ist die Offenlegung darüber, unter welchen Kostenniveaus eine flächendeckende Einhaltung der Bioland-Standards gar nicht mehr möglich ist.

Preisschild für Bioland-Wirsing in einem Hofladen
Bio-Lebensmittel müssen sich alle leisten können (Foto: Herpich/Bioland)

 

Wird sich diese Lebensmittel denn jeder leisten können?
Die Annahme, dass Lebensmittel aus sozialen Gründen so billig wie möglich produziert werden müssen, produziert ja gerade dramatische soziale, gesundheitliche, ökologische Probleme – und diese wiederum treffen die Ärmsten am schlimmsten. Umso wichtiger ist, dass Biolebensmittel nicht als Luxusware, sondern als Lebensmittel für uns alle, jeden Tag verfügbar sind. Nur so schließt sich der Kreis.

Der Bioland-Verband besteht aus mehr als 10.000 Betrieben, Tausende Menschen mit Einzelmeinungen. Wie gelingt es uns, gemeinsam unsere Lebensgrundlagen zu erhalten?
Unser Bioland-Verband funktioniert nur in dem Verständnis, dass jedes einzelne Mitglied Entscheidungsmacht, Gestaltungskraft, Mitverantwortung hat. Und der Vorstand, ich als Präsident, die Mitarbeiter*innen des Verbandes sind immer dazu da, den kollektiven Interessen zu dienen.

 

Es ist eine Hauptaufgabe aller Menschen im Bioland, dafür zu sorgen, dass eine Entfremdung vom kollektiven Interesse, unserem Leitbild, unserem Grundauftrag nicht stattfindet. Mit dem Werkzeug der Soziokratie schaffen wir für jeden Einzelnen auch in einem wachsenden Verband die Möglichkeit der Mitverantwortung und Gestaltungsverantwortung und stärken die Partizipation. Es geht ganz konkret darum, das eigene Ego für das gemeinschaftliche Interesse zurückzustellen, als Präsident, als Mitarbeiter*in, als Ehrenamtler*in. Unser Ego gaukelt uns vielleicht vor, dass wir besonders wichtig sind – aber wir sind nur ein Teil des großen Ganzen. Wir können unsere Lebensgrundlagen nur gemeinsam retten. Das erfordert ein ganz starkes Bewusstsein füreinander und für die besten, gemeinschaftlichen Lösungen zur Erreichung unserer Bioland-Ziele.

Bio die Welt ernähren und voneinander lernen

Wie können wir unsere Lebensgrundlagen global erhalten, wenn wir uns nur auf Regionalität konzentrieren?
Gute Frage. Können wir tatsächlich als Organisation als Ziel haben, die Lebensgrundlagen zu retten und gleichzeitig unser Aktivitätsfeld um unseren Kirchturm beschränken? Wir wissen, dass die Antwort auf die Frage, wie wir ökologisch die Welt ernähren, auch außerhalb von Europa oder außerhalb des Biolandes liegt. Aber: Der Mensch überfordert sich mit der Anzahl der Kontakte, der Kulturen, der Systeme, die er glaubt, überschauen zu können. Die Regionen, in denen wir aktiv sind, sind schon recht divers. Es ist eine Riesenaufgabe, diesen Wandel in unserem Kenntnis-, Kultur- und Sprachraum zu organisieren. Wenn wir das schaffen wollen, was wir uns vorgenommen haben, die gesamte Land- und Lebensmittelwirtschaft in unserem Wirkungsbereich in den nächsten Jahrzehnten zu ökologisieren, dann ist die Aufgabe schon groß genug.

Können wir trotzdem auch global wirken?
Wir können mit unseren 50 Jahren Erfahrung einen Beitrag dazu leisten, dass auch andere Regionen von unseren Erkenntnissen und Erfahrungen partizipieren. Deshalb bieten wir Möglichkeiten des Austausches, ermutigen andere, vor Ort eine eigene Identität, einen lokal angepassten Standard zu entwickeln und sich unabhängiger von globalen Ketten zu machen – mit dem Ziel, dass lokale Wertschöpfungsketten an Bedeutung zunehmen. Wir nehmen unsere Verantwortung auch auf internationaler Ebene, in Organisationen wie der IFOAM Organics Europe, wahr und haben dort viele Mitstreiter für die Sache gefunden.

Europaweit für Bio

Logo der IFOAM Organics Europe Dachorganisation der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft

Die IFOAM Organics Europe

Die IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) Organics Europe ist die europäische Dachvereinigung für ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft. Seit 20 Jahren vertritt sie die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft auf politischer Ebene mit dem Ziel, diese zu ökologisieren. Besonders im Fokus steht die Transformation hin zu einem fairen, umweltfreundlichen, gesunden und sozialen System. Der Organisation haben sich mittlerweile 200 Mitglieder der gesamten Wertschöpfungskette in 34 europäischen Ländern angeschlossen.
>>Mehr Infos gibt es hier


Haben wir bei der Bewältigung dieser Aufgaben auch die Gesellschaft hinter uns?
Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass wir als Menschen auf der Erde nicht überleben können, wenn wir unsere Art des Wirtschaftens und Lebens nicht radikal verändern. Unsere Verantwortung, gemeinsam mit vielen anderen Wirtschaftsgruppen, ist, Ideen und Maßnahmen für eine echte Wende umzusetzen. Wir haben keine Zeit, zu warten, bevor alles im Detail in Gesetze gegossen wird. Wir wissen, was wir ändern müssen, wir wissen, dass wir klimaneutral werden müssen, wir wissen, dass wir den Artenschwund aufhalten müssen, wir müssen zeigen, wie es geht. Das ist unsere Rolle.

 

Zunehmend sucht das rechte Milieu Anschluss an den ökologischen Landbau. Wie positionieren wir uns als Verband dazu?
Ökologisches Denken, Denken in Wechselwirkungen zwischen Mensch, Natur, Pflanzen, Tieren und Diskriminierung von anderen Menschengruppen schließen sich komplett aus! Eine menschenverachtende Werthaltung darf und kann nicht mit der positiven Idee von Biobetrieben und Biolebensmitteln verbunden werden. Unser organisch-biologischer Landbau fußt auf zwei Wurzeln: zum einen auf der wissenschaftlichen Wurzel, dass wir die ökologischen Systeme verstehen und permanent verbessern wollen; und zum anderen auf der politischen Grundlage, dass wir nicht Opfer von anderen Entscheidungen sein wollen, sondern selbst Verantwortung übernehmen.

 

Keine Gesellschaft, kein Land, kein Ort wird allein die Probleme lösen, vor denen wir auf dem gesamten Planeten stehen. Wir schaffen das nur als Menschheit insgesamt. Die Grundlage davon ist, dass wir respektieren, dass wir Menschen alle unterschiedlich sind, so wie alle anderen Lebewesen auch unterschiedlich sind. Die Vielfalt ist ein Merkmal des Lebens und nur sie sichert unser Überleben.

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